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Die Zeit...

Von Feierabend-Mitglied 25.10.2026, 14:26

Wenn ich morgens einzeln meine Beine aus dem Bett schwinge, mich vorsichtig aufrichte und erst einmal meine Knochen sortiere, dann scheint der Tag endlos vor mir zu liegen.
Während der Kaffee durchläuft, vertreibe ich den Nebel aus meinem Kopf und denke an all die Dinge, die erledigt werden wollen. Stunden über Stunden liegen noch vor mir.
Und dann, kaum habe ich mich versehen, steige ich schon wieder ins Bett.
Nicht alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Aber müde. Angenehm müde. Dankbar, endlich die Beine auszustrecken und die Last des Tages abzulegen.
Und genau dann meldet sie sich wieder.
Die Zeit.
Diese kleine Schwindlerin.
Tagsüber schleicht sie manchmal so langsam dahin, dass man meint, die Uhr müsse stehen geblieben sein. Doch kaum dreht man sich einmal um, hat sie wieder ein Jahr eingesteckt und läuft pfeifend um die nächste Ecke.
Gerade eben noch, so kommt es mir vor, lag mein ganzes Berufsleben vor mir. Ich fragte mich, ob ich wohl einmal alt werden würde, ob ich Kinder haben würde und wie mein Leben aussehen möge.
Gerade eben erst kam ich mit meiner ersten Tochter aus dem Krankenhaus nach Hause.
Heute ist sie selbst schon lange Mutter.
Gerade eben erst habe ich die Kisten mit der Weihnachtsdekoration in den Keller getragen.
Und plötzlich ist wieder Advent.
Früher, als die Kinder noch zu Hause wohnten, mein Mann lebte und mein Alltag voller Verpflichtungen war, hatte jede Woche genau einen Montag und einen Freitag.
Heute scheint jede Woche mindestens zwei davon zu besitzen.
„Wie bitte? Schon wieder Freitag? Der war doch gerade erst!“
Die Zeit selbst kann man nicht sehen.
Man erkennt sie nur an ihren Spuren.
An einer Kerze, die langsam kleiner wird.
An den Fältchen im Spiegel, die gestern noch nicht da gewesen sein können.
An Enkeln, die einst Windeln trugen und heute mit Make-up, hohen Absätzen oder dem Freund auf dem Motorrad vorfahren.
An einem Kalenderblatt, das man umschlägt.
Oder an einer Jahreszahl, die man schreibt und bei der man einen Moment innehält, weil sie unmöglich stimmen kann.
Und doch stimmt sie.
Die Zeit war wieder schneller.
Die Zeit ist eine flinke Betrügerin, die einem heimlich Jahre aus der Tasche stiehlt.
Und während ich darüber nachdenke, ist schon wieder ein weiterer Tag vergangen. Vermutlich sitzt die Zeit irgendwo kichernd in einer Ecke und freut sich darüber, wie gut ihr dieser alte Trick noch immer gelingt.

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