1000 km für eine Beichte
Von ehemaliges Mitglied Freitag 30.10.2020, 08:17
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Pfarrer Albert 0 Ki Sun (60), Verfasser mehrerer volkstümlicher Bücher, erhielt seine theologische Ausbildung in Nagasaki (Japan), wo damals der inzwischen selig gesprochene Franziskanerpater Maximilian Kolbe ein Priesterseminar zur Heranbildung des einheimischen Klerus gegründet hatte. P. Maximilian Kolbe setzte auf den jungen koreanischen Seminaristen die größten Hoffnungen und schickte ihn nach Rom zum Weiterstudium. Nach der Priesterweihe war Albert 0 Ki Sun zunächst einige Jahre Kaplan und Pfarrer an verschiedenen Kirchen der Diözese Jeonju, dann 10 Jahre lang Philosophieprofessor am Priesterseminar in Seoul, und ist heute Pfarrer der Märtyrerkirche in Jeonju. Der folgende Artikel (gekürzt) ist entnommen seinem Buch: „Die Liebe ist ewig."
Der Übersetzer, P. Paul-H. Schmidt SM, war bis 1970 Pfarrer der Nachbargemeinde von Pfarrer Albert 0 Ki Sun. Hier der Bericht:
Der Krieg in Korea (1950-1953) ging seinem Ende entgegen. Die ganze Nacht hindurch schickten die UN-Truppen ihre Geschosse vom Nam-san (Berg südlich der koreanischen Hauptstadt Seoul) herunter, und die Nordkoreaner schossen hinauf. Es war ohrenbetäubend, pausenlos feuerten die Kanonen drauflos, die ganze Stadt Seoul bebte. In jeder Straße, in jeder Gasse ausgebrannte, verkohlte, ausgebombte, zerstörte Häuser, hier und dort Leichen, in den letzten Zügen liegende Schwerverwundete, Schreien und Winseln, Feuerschein und Rauch. Wohin man hörte: fürchterliches Getöse, markerschütternde Schreie, Hilferufe. Die Hölle war losgelassen.
Ich zweifelte, ob ich noch am Leben sei. Auch unser Luftschutzbunker war von Feuer und Rauch umgeben. Da gewahrte ich plötzlich, wie sich mir ein nordkoreanischer Soldat und eine Frau im mittleren Alter näherten. Das Herz schlug mir bis zum Hals.
Da hörte ich wie von weitem eine Stimme rufen: „Hochwürden, Hochwürden!" Innerlich kochte es in mir: „Weshalb ruft man unter diesen Umständen laut nach dem Priester? Der nordkoreanische Soldat bringt mich um!"
Doch nein, nicht von weit her kam die Stimme, sondern direkt vor mir stand eine mir wohlbekannte Ordensschwester, schüttelte und rief mich. Der Nordkoreaner, in einer Hand das abschussbereite Gewehr, fuchtelte mit der anderen Hand in meinem Gesicht herum. Mir wurde es klar: Das ist das Ende! In meiner verzweifelten Ausweglosigkeit schrie ich: „Warum?" Als ich so rief, kamen die Schwester und der Nordkoreaner ganz dicht an mich heran und zogen mich zu sich. Für einen Augenblick wusste ich nicht, ob ich noch lebte oder schon tot sei. Langsam kam ich jedoch wieder zu mir. Da vernahm ich die von Tränen erstickte Stimme des Nordkoreaners: „Hochwürden! Hochwürden!", stammelte er. Er war Katholik. Von Sinui-ju (an der chinesischen Grenze) war er gekommen, bis zum Naktong vorgedrungen (südliche Stelle, die die Nordkoreaner erreichten), hatte tausend Gefahren überstanden, und war nun auf der Flucht gen Norden. Er legte seine beiden Hände auf meinen Kopf, schob seinen Mund in mein Ohr und begann seine Beichte. Ich spürte seinen heißen Atem in meinem Ohr, seine beiden Hände zitterten mitleid erregend auf meinem Kopf. Weil in dem kleinen Luftschutzbunker eine große Menschenmenge auf engem Raum zusammengepfercht war, musste die Beichte auf diese ungewöhnliche Weise vor sich gehen. In dem einen Ohr weiterhin die Schreie nach Hilfe, der betäubende Kanonendonner, das Getöse der einschlagenden Granaten, in dem andern Ohr gleich einem ratternden Maschinengewehr die Sünden, die der Nordkoreaner losschoss. Der Atem ging mir aus, endlich war die Beichte zu Ende. „Hochwürden, danke!", sagte er. Sichtlich erleichtert fasste er meine beiden Hände und erzählte mir kurz unter Tränen und Seufzern die erregende Geschichte, wie er mich gefunden hatte.
Als der Krieg ausbrach, hatte er die seit zehn Jahren vergeblich gesuchte Gelegenheit ausgenützt, nach dem Süden zu kommen, um dort einen Priester zu finden, dem er nach 16 Jahren zum ersten Mal wieder seine Sünden beichten könnte. Das war sein brennendster Wunsch, seine große Hoffnung. Wer in diesem Kriege Sieger oder Verlierer sein würde, interessierte ihn nicht Nach Überquerung des 38. Breitengrades (Teilungslinie zwischen Nord- und Südkorea) hatte er jede erreichbare katholische Kirche aufgesucht, konnte aber nirgends einen Priester finden. Er kam nach Seoul, war Tag und Nacht unterwegs auf der Suche nach katholischen Kirchen, aber wen auch immer er ansprach, niemand konnte oder wollte ihn mit einem Priester bekannt machen. Er warf sich vor der großen Muttergottesstatue vor der Myeng-Dong-Kathedrale nieder und betete aus ganzem Herzen, die Muttergottes möge ihm einen Priester schicken. Aber auch jetzt fand sich kein Priester. Weiter auf dem Weg nach Süden schlich er sich zu jeder nur denkbaren Kirche; aber mit dem gleichen Misserfolg. Am Naktong-Fluß wurde seine Einheit völlig vernichtet, er war der einzig Überlebende. Bevor er sich über den 38. Breitengrad zurückzog, machte er nochmals verschiedene Versuche und wieder ohne Erfolg. Er war sich jedoch klar; dass er später in Nordkorea wohl zeitlebens keinem Priester mehr seine Sünden beichten könnte, und so zog es ihn nochmals zu der Marienstatue von der Myeng-Dong- Kathedrale, warf sich vor ihr nieder, und als er so unter Seufzern mit seinem Gewehr auf dem Boden stampfte, ging gerade eine Ordensschwester (natürlich ohne Ordenstracht) vorüber. Sie brachte ihn in unsern Luftschutzbunker.
Unsere Brüder und Schwestern in Nordkorea sind schon 30 Jahre ohne Priester. Auch in der Todesstunde steht ihnen kein Priester zur Seite. Wir sollten für die Kirche des Schweigens mehr beten und gleichzeitig eine Gewissenserforschung machen. Man redet viel über die Priester. Wo gibt es denn auf dieser Welt einen Menschen ohne Unzulänglichkeiten und Fehler? Ich frage mich, ob nicht jene, die mit Vorliebe Priester kritisieren, nicht doch weit mehr und größere Sünden auf ihrem Gewissen haben. Das Erlebnis mit jenem Nordkoreaner, der mitten im Kriege unter Todesgefahr 1000 Km zurücklegte, um einen Priester zu finden, stimmt zum Nachdenken.
Pfarrer Albert 0 Ki sun, Jeonju