Als Sklavin versteigert,
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 30.06.2020, 05:50
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Als Sklavin versteigert,
dann als Universalerbin eingesetzt
Die Geschichte, die ich hier erzähle, wurde mir vor Jahren von einer Frau berichtet, die sie selbst erlebt hat. Diese Geschichte ist ein Zeugnis wahrer Liebe zur Gottesmutter und kindlichen Vertrauens zu ihr.
Lucy — so wollen wir die alte Frau nennen — war bereits über achtzig Jahre alt, als ich diese ihre Jugenderinnerung erfuhr. Ihr Vater besaß eine mittelgroße Pflanzung in den Südstaaten der USA. Ihre Mutter hatte sie nie gekannt; sie erfuhr erst viel später, welcher Herkunft sie gewesen. Der Vater hatte seine Tochter auf eine vornehme Schule weit fort im Norden des Landes geschickt. Lucy war begabt und fleißig und vor allem von einem tiefen Glauben an die Muttergottes erfüllt. Das Unheil kam, als das Mädchen etwa 13 Jahre alt war.
Der Vater Lucys wurde von einem heftigen Fieber ergriffen. Er starb, noch ehe seine Tochter im Pensionat erfahren hatte, dass er krank war. Als Lucy nach Hause zurückkehrte, lag er bereits im Grab. Wie erschrak sie, als einige Tage nach ihrer Rückkehr eine gerichtliche Kommission auf der Pflanzung erschien! Jetzt erfuhr das Mädchen, dass seine längst verstorbene Mutter eine Mulattensklavin gewesen war. Da das Gesetz ihres Staates die Heirat zwischen Weißen und Farbigen verbot, hatte ihr Vater die junge Frau, die er auf einer öffentlichen Versteigerung aus Mitleid gekauft hatte, während einer Reise auf der Insel Kuba kirchlich geheiratet. Diese Heirat galt aber in den Staaten nicht. Verhängnisvollerweise fand sich auch nirgends eine Bestätigung, dass Lucys Vater seine Tochter freigelassen hatte. So war das Mädchen, das äußerlich jedem anderen weißen Kind seines Alters glich, nach dem Gesetz eine Sklavin, so wie ihre Mutter.
Lucy begriff zuerst nicht recht, was geschehen war. Erst als ein Händler kam und sie mitnahm, erkannte sie mit Schrecken ihre Lage. Man behandelte sie zwar freundlich, doch der Händler ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er Lucy infolge ihrer guten Erziehung und ihrer Schulkenntnisse für ein „sehr wertvolles Objekt" hielt, an dem er viel verdienen könne. Lucy hatte gebeten, eine kleine Marienstatue, die in ihrem Mädchenzimmer gestanden war, mitnehmen zu dürfen. Man bewilligte es ihr.
Der größte Markt, auf dem damals Sklaven gehandelt wurden, war in New Orleans. Dorthin wurde Lucy gebracht. Sie erhielt ein eigenes Zimmer im Haus und wurde mit Sticken und Nähen beschäftigt. Wenn sie wollte, durfte sie im kleinen Garten des Hauses auf einer Bank sitzen; doch des Nachts wurde sie unweigerlich in ihr Zimmer gesperrt.
Nach 14 Tagen kam der Tag der Versteigerung. Lucy musste zu diesem Zweck ihr schönstes Kleid anziehen. Mit Tränen in den Augen setzte sie sich in den Wagen. Zu ihren Füßen hatte sie das Köfferchen stehen, in dem ihre wenigen Habseligkeiten waren. Während der Fahrt betete Lucy leise zur Muttergottes.
Die Versteigerung war im Hotel St. Charles. In einem Nebenzimmer warteten die Sklaven bis jeder einzelne von ihnen aufgerufen wurde. Als die Reihe an Lucy kam, schlug sie noch einmal ein Kreuzzeichen, ehe sie dem Händler folgte. Sie musste auf ein Podium. Der Händler ging zu einem Pult, von dem er die Versteigerung leitete. Im Saal waren viele Kauflustige — meist Männer, einige davon schon etwas angeheitert. Sie machten frivole Scherze über die Sklaven, die man hier wie Vieh zur Schau stellte. Lucy wurde schamrot, als sie hörte, wie der Verkaufsleiter ihre Fähigkeiten pries und ihre Kenntnisse hervorhob. Dann musste das Mädchen an den Rand des Podiums treten, sich nach allen Seiten wenden und einige Sprünge machen, damit die Zuschauer ihre Gelenkigkeit sehen und beurteilen konnten. Dann begann das Bieten. Der Preis für Lucy ging rasch in die Höhe. Endlich wurde sie mit 1500 Dollar einem älteren Herrn zugeschlagen. Nachdem sie ihr Köfferchen geholt hatte, fiel ihr aus irgendeinem Grund das Köfferchen aus der Hand und öffnete sich. Ihre wenigen Habseligkeiten lagen verstreut umher. Die Marienstatue aber, die sie von daheim mitgenommen hatte, war beschädigt. Erstaunt sah dies ihr Käufer.
„Du bist fromm?", fragte er sie. — Lucy bejahte. — Nachdenklich legte er eine dünne Kette, die er aus dem Wagen gezogen hatte, zurück. — „Ich wollte dir schon Fesseln anlegen, damit du keine Dummheiten auf der Fahrt machst", sagte er, „Aber ich werde es unterlassen. Ich vertraue darauf, dass du mir keine Ungelegenheiten machst ... — „Nein, Herr!", erwiderte Lucy.
Noch während der Fahrt zu ihrem neuen Aufenthalt erfuhr das Mädchen, dass ihr Begleiter eine kranke Tochter besitze, die ebenfalls 13 Jahre alt sei und für die er eine Kammerzofe, eine Art Gesellschafterin suchte. Er hatte Lucy wegen ihrer guten Erziehung gekauft. Jetzt freute er sich um so mehr darüber.
Die beiden Mädchen fanden aneinander Gefallen. Lucy musste im gleichen Zimmer mit ihrer jungen Herrin schlafen. Sie wurde gut behandelt, und sie wäre, hätte ihr nicht der Vater gefehlt, dort wie daheim gewesen. Da „Miss Dorothy", wie die Tochter ihres Herrn genannt wurde, nicht gehen konnte, führte Lucy sie in einem Rollstuhl spazieren. Dabei kam es zu langen Gesprächen zwischen den beiden Mädchen. Miss Dorothy wurde von der gewinnenden Art und der großen Frömmigkeit der jungen Sklavin angezogen. Beide beteten täglich vor der Muttergottesstatue Lucys, die auf ihre Bitte hin wieder hergestellt worden war. Wenn eine Gesellschaft gegeben wurde, an der auch die Haustochter, im Rollstuhl sitzend, teilnehmen durfte, fehlte Lucy nicht. Niemand unter den Gästen hätte unter dem gesitteten und wohlerzogenen Mädchen, das bei solchen Gelegenheiten die gleiche Kleidung wie ihre Herrin trug, die Dienerin gesehen. Allgemein hieß es, es sei eine arme Verwandte, die man als Gesellschafterin von Miss Dorothy in das Haus genommen habe.
Lucy hatte sich schon damit abgefunden, dass sie bis an ihr Lebensende eine Sklavin bleiben werde. Da — es war im dritten oder vierten Jahr ihres Aufenthaltes auf der Pflanzung, verschlimmerte sich der Zustand Dorothys plötzlich. Die Krankheit, an der sie seit frühen Kindheitstagen gelitten hatte, machte jähe Fortschritte. Schließlich mussten die Ärzte zugeben, dass jede Hoffnung auf Rettung vergeblich sei. Der Vater der Kranken war verzweifelt. Diese selbst aber nahm ihr Leiden gottergeben an. Sie hatte nur einen einzigen Wunsch: Ihr Vater möge ihre liebste Freundin nach ihrem Tod in Freiheit setzen. Der Vater versprach es Dorothy. Am letzten Tag vor ihrem Heimgang ließ sich die Pflanzerstochter die Marienstatue Lucys in die Hände geben. Sie konnte die Statue kaum halten, so entkräftet war sie. „Willst Du mir einen großen Wunsch erfüllen?", fragte sie Lucy. „Ja, liebe Dorothy", erwiderte diese. „Gib mir, wenn ich gestorben bin, deine Muttergottesstatue in den Sarg mit!" Lucy nickte nur. Am kommenden Morgen hauchte Dorothy ihre Seele aus. Ihr Vater hielt sein Versprechen. Er gab Lucy den gesetzlichen Freibrief. Ja, er leitete alles in die Wege, Lucy zu adoptieren und an Stelle seiner Verstorbenen als Universalerbin einzusetzen. Lucy nahm das Anerbieten dankbar an; sie betreute ihren Adoptivvater bis er in hohem Alter starb. Sie bewog ihn auch, noch ehe die Sklaverei in den Vereinigten Staaten abgeschafft wurde, alle seine Sklaven frei zu geben. Er tat es gerne.
Als die Kunde von den Muttergotteserscheinungen in Lourdes an Lucys Ohr drang, machte sie dankbaren Herzens eine Wallfahrt dorthin. Sie fühlte sich von dem Heiligtum so angezogen, dass sie nach dem Tod ihres Adoptivvaters dessen Pflanzung verkaufte, nach Europa übersiedelte und sich in der Nähe von Lourdes ein Häuschen kaufte. Dort habe ich sie gesehen und mit ihr gesprochen.
Josef Görlich