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Anruf aus Budapest

Von ehemaliges Mitglied 06.09.2020, 05:52


Es war Mitte September 1962 in München. Das Telefon des Pfarramtes klingelte. Anruf aus einem Krankenhaus aus unserem Pfarrbezirk: Eine Frau mit Gehirntumor solle versehen werden. Die Mutter der Schwerkranken habe aus Budapest angerufen und gebeten, es solle ein Priester zu ihrer Tochter geholt werden. Die kranke Frau sei fast immer bewusstlos und deshalb solle ich ihr nur das hl. Öl mitbringen.
Als ich wenige Minuten später das Zimmer der Schwerkranken betrat, konnte ich zu meiner Überraschung und Freudefeststellen, dass sie doch wieder das Bewusstsein erlangt hatte. Auf meine Frage, ob sie bereit wäre zu beichten und zu kommunizieren, lehnte sie jedoch strikt ab. Alles gute Zureden schien zwecklos. Ich war wirklich ein wenig verärgert und wollte schon unverrichteter Dinge wieder gehen, als auf einmal ein Wandel in der Gesinnung der noch jungen Frau eintrat. Sie zeigte sich nunmehr sichtlich erfreut über mein Kommen und als ich nochmals, ein wenig schüchtern die Frage stellte, ob ich ihr nicht den Heiland bringen dürfte, es würde doch eine große Gnade und Stärkung für sie bedeuten, erklärte sie sich bereit. Voll Freude ging ich schnell in unsere Pfarrkirche, um das Allerheiligste zu holen. Mit einem leisen Bangen, ob ich die Patientin wohl noch im gleichen wachen Zustand anträfe betrat ich bald darauf wieder das Krankenzimmer. Gott sei Dank! Sie war noch immer bei sich und ich konnte ihr schließlich noch eine richtige Beichte abnehmen, die hl. Ölung spenden und ihr den Leib des Herrn reichen.
Kaum aber war die hl. Handlung vorüber, schwanden ihre Sinne und sie fing wieder an zu phantasieren. Ich konnte es kaum fassen. Auf dem Heimweg stand ich noch unmittelbar unter dem Eindruck dieses spürbaren Waltens der göttlichen Vorsehung und ich dachte: „Für diese Frau muss wohl jemand viel gebetet haben, dass ich gerade im richtigen Augenblick noch zu ihr kommen und ihr den Frieden mit Gott schenken konnte."
Der Zustand der Kranken wurde auch immer schlechter und nach einigen Tagen starb sie.
Vierzehn Tage später läutete es im Pfarrhof. Eine schon ältere, abgehärmte Frau verlangte nach dem Priester, der noch zu ihrer Tochter gekommen war.

Es war die Mutter der Verstorbenen, die aus Budapest eigens hergereist war, um sich noch näher zu erkundigen. Ihre erste Frage, die sie sogleich an mich richtete, war: „Sagen Sie, Hochwürden, ist das wahr, dass mein Tochter schon bewusstlos war, als Sie zu ihr kamen? Eine Krankenschwester hat mir das gesagt."
Welche Freude war es für mich, als ich ihr sagen konnte:„Nein, das stimmt nicht. Wohl war Ihre Tochter die letzte Zeit fast immer bewusstlos. Die Schwester sagte deshalb, ich solle nur das hl. Öl mitbringen. Aber als ich bei ihr war, konnte man ganz vernünftig mit ihr reden und ich konnte sie vollkommen versehen mit den hl. Sakramenten. Erst als ich fertig war und mich von ihr verabschiedete, schwanden wieder ihre Sinne."
„Jetzt fällt mir ein Stein vom Herzen", sagte darauf voll Dankbarkeit und Erleichterung die tieffromme Mutter. Dann zog sie einen großen, abgegriffenen Rosenkranz aus ihrer Tasche und sagte: „18 Jahre habe ich für diese Tochter gebetet und geopfert. Sie ist gegen Kriegsende mit den deutschen Soldaten aus Ungarn geflüchtet und war durch eine unglückliche Ehe auch ganz von der Kirche abgekommen. Ich habe mich viel gesorgt um sie. Aber nun weiß ich, dass sie gerettet ist."
Sichtlich getröstet und mit großer Dankbarkeit verabschiedete sich diese gute Mutter, um bald wieder in ihre Heimat zurückzukehren.
Ich aber habe wieder einmal bestätigt gefunden: Eir Mensch, für den viel gebetet wird, geht nicht verloren.

Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

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