Bei unserer Lieben Frau von Lourdes
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 08.09.2020, 10:08
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Da fuhr im Mai 1928 von Köln am Rhein ein Pilgerzug nach Lourdes. Ein achtundzwanzigjähriges Mädchen war bei der Pilgerschar, ein bemitleidenswertes, armseliges Geschöpf. 1918, gegen Ende des Krieges, wurde es, damals 18 Jahre alt, von einer heftigen Kopfgrippe befallen. An ihrem Krankenbett schwand bald alle Hoffnung auf Genesung, Der Arzt gab die Kranke auf.
Schon war sie mit den Sterbesakramenten versehen.
Doch wider alles Erwarten führte die Krankheit nicht zum Tode. Das Mädchen überstand die Todesgefahr, wurde allerdings auch nicht mehr gesund. Ein langes zehnjähriges Martyrium begann. Als Folge der Krankheit war ein schweres Nierenleiden zurückgeblieben, das ständig heftige Schmerzen verursachte. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Schlimmer als diese Nierenkrankheit war eine zweite Folge der nicht ausgeheilten Grippe: eine Art Lähmung der Beine. Diese waren an den Knien hochgezogen und ließen sich nicht mehr strecken. Das arme Menschenkind konnte zehn Jahre lang weder stehen noch gehen noch sitzen noch knien. Zusammengerollt lag es auf seinem Schmerzenslager, ein Anblick zum Weinen. In fünf Krankenhäusern war das Mädchen gewesen, zwölf Arzte versuchten nacheinander ihre Kunst an ihr ohne Erfolg. „Unheilbar", so lautete das Schlussurteil der menschlichen Weisheit. Dabei lebte die Bedauernswerte in äußerst armseligen Verhältnissen. Mit ihrer alten Mutter, einer Bergmannswitwe, die eine kleine Rente bezog, bewohnte sie zwei Dachzimmerchen. Das war ein bitteres Leid, eine große Not.
Nur ein Stern leuchtete in der finsteren Leidensnacht der beiden, der Tochter und der Mutter. Das war der Gedanke an eine Wallfahrt nach Lourdes. Aber wie sollte das möglich sein? Die Krankheit hatte alle Ersparnisse aufgezehrt, und die kleine Witwenrente reichte kaum zum Leben. Da taten sich die Nachbarn, selbst arme Leute, zusammen und brachten unter sich das Reisegeld auf. Mehr noch als das. Sie beteten auch zusammen, lange vorher schon, dass die liebe Gottesmutter sich doch dieser großen Not, die ihnen alle ins Herz schnitt, erbarme. Als dann Anfang Mai die Wallfahrt angetreten wurde, hörten daheim die Freunde, voran die Mutter, sozusagen bei Tag und Nacht nicht mehr auf zu beten.
Die Kranke fuhr dem fernen Lourdes entgegen. Schrecklich nahm die lange Eisenbahnfahrt sie mit; halbtot kam sie in Lourdes an. „Die wäre auch besser daheim geblieben", meinte einer von den Ärzten.
Und alles Beten an der Grotte und alles Baden in der heiligen Quelle half rein gar nichts. So verging der erste Tag, der zweite Tag, der dritte Tag, der vierte Tag. Es wurde schlimmer anstatt besser. In der Nacht zum fünften Tag kam die Verzweiflung über die Kranke. Immerfort wimmerte sie in ihren Schmerzen vor sich hin: „Wäre ich doch daheim geblieben, um bei der Mutter zu sterben." In diesen schweren Stunden kam der Versucher zu ihr und flüsterte ihr zu: „Das Beten ist umsonst. Alles hier in Lourdes ist leerer Wahn. Auch du bist wie alle anderen eine Betrogene."
So sprach der Versucher zu ihr. Sie aber, in ihrem Heiligsten verletzt, raffte darauf all ihren Mut zusammen und sagte dem Teufel zum Trotz das schönste Gebet, dessen ein Mensch überhaupt fähig ist: „Herr, dein Wille gescheh', tut's auch noch so weh, wenn ich's auch nicht versteh'!" Da gab Satan sein Spiel auf. Ein heiliger Friede zog in das Herz der Vielgeprüften. Leicht schlummerte sie ein, und als sie am Morgen in neuen Schmerzen erwachte und die Krankenträger sie zur Grotte bringen wollten, lehnte sie ab. Nein, sie hatte sich in Gottes Willen ergeben.
Am Mittag wurde die Kranke erneut von den Krankenträgern gedrängt, sich zur Grotte hintragen zu lassen. Es sei die letzte Gelegenheit, morgen müsse sie heimreisen. Da gab sie nach, nicht um geheilt zu werden, sondern um die Krankenträger nicht zu kränken. Doch kaum hatte sie diesmal das gesegnete Wasser berührt, da — was ist das? — da strecken sich die Beine, eine jähe Freude durchzuckte sie. Sie sprang auf, sie, die zehn Jahre nicht stehen konnte. Schnell kleidete sie sich an, sie, die zehn Jahre lang sich selbst nicht mehr ankleiden konnte. Dankerfüllten Herzens warf sie sich auf die Knie, sie, die zehn Jahre lang nicht mehr knien konnte. Und während sie sich vor lauter Seligkeit nicht mehr zu halten wusste, stieg aus tausend Kehlen jubelnd das Te Deum zum Himmel empor.
0 gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!
Aus „Maria, wir rufen zu dir", von A. M. Rathgeber