Bogomatir
Von ehemaliges Mitglied Montag 21.09.2020, 07:44
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Es war noch stockfinstere Nacht, als der Wecker seine schrillen Töne in die Geräusche des Spitals mischte. Hania fuhr auf. Sie brauchte Zeit, um sich in die harte Wirklichkeit zurückzufinden. Hatte sie nicht von einem Skiausflug in die Tatraberge geträumt! Glitzernder Schnee und pfeifenden Wind um die Ohren! Sie ging in die Knie, um zum Sprung anzusetzen... Es war nicht der Wind, es war der verständnislose Wecker! Trunken von Schlaf rieb sie sich die Augen. Ja, es war drei Uhr morgens! Die Kameradinnen erwarteten ihre Ablösung. Sie sind nur fünf Pflegerinnen im Spital.
Mit einem Ruck saß sie auf. Durch die dünne Wand ergoss sich ein Durcheinander von Stimmen. Eine steigende Flut von Stöhnen und Jammern schlug an ihr Ohr, von herzzereißenden Schreien übertönt; dann ebbte sie ab und wurde zu einem gleichmäßigen Gesumme, um bald wieder neue Höhepunkte zu erreichen. Sie kannte all das nur zu gut! Unter den Lauten vermochte sie die drängendsten Hilferufe zu erkennen. Im Saal der Amputierten wiederholte eine weiche Stimme erst seit gestern: „Mama!" Sobald man ins Fieberdelirium versank, hielt keine falsche Scham das Herz von Äußerungen des Gemütes zurück. Der immer wieder erklingende Kehrreim, welcher Herkunft der Knabe auch war, bestand in einem Anruf an die ferne, die treue, die unvergessliche Mutter.
„Jeder Kranke wird wieder zum Kind”, dachte Hania, als sie ihr Gesicht in ein mit trübem Wasser gefülltes Becken tauchte. Es war eine der großen Mängel dieses Notspitals: die kostbare Flüssigkeit fehlte, weil die Leitung durch Bomben zerstört war. Aber wenn schließlich nur sie fehlte!
Am Vorabend hatte der Chefarzt, Dr. Chmiel, brutal erklärt, dass die Spitalapotheke völlig leer sei. „Helft euch, wie ihr könnt", sagte er den Pflegeschwestern. „Um den Kranken wieder Mut zu geben, genügt manchmal eine Dosis H20." Tief erschrocken fragte Hania ihn unter vier Augen. „Und meine Tetanus-Kranken? Ich habe nur noch wenige Ampullen!" Der Arzt wandte seine von der Nachtarbeit geröteten Augen ab: „Das Reservelager ist aufgebraucht und es besteht keine Aussicht, das Medikament von den bolschewistischen Henkern zu erhalten."
Nach dem Fall von Warschau hatte sich die Rote Armee endlich entschlossen, einzugreifen. Sie bemächtigte sich der Stadt X. am Ufer der Weichsel. Seit drei Tagen brach der Zustrom russischer Verwundeter und Kranker nicht ab, und das Notspital war schon zum Bersten von Partisanen angefüllt. Das Personal wusste nicht mehr, wo ein, wo aus. Trotz dem strengen, sie im Gewissen verpflichtenden Gesetz, die ihr anvertrauten Patienten alle mit gleicher Sorgfalt zu behandeln, betrachtete Hania die neuen Eindringlinge mit wenig wohlwollenden Augen. Und jetzt verursachte ihr das Fehlen der notwendigsten Heilmittel die heftigsten Gewissenskonflikte. In ihrer Verwirrung suchte sie nach einem Ausweg:
„Doktor", sagte sie, meine Ampullen sind gezählt. Wem soll ich sie geben bei gleich dringenden Fällen?" Diesmal blickte ihr der Arzt ins Gesicht: „Sie sind Krankenschwester? Wissen Sie, was das bedeutet? Entziehen Sie sich Ihrer Verantwortung nicht!"
Empört wollte sie ihrer Entrüstung Ausdruck geben. Begriff er denn nicht, dass sie unter solchen Verhältnissen Todesurteile unterzeichnen musste? Wenn sie sich für den einen entschied, war der andere zum grausamsten Todeskampf verurteilt... Chmiel strich mit seiner feinen Chirurgenhand zart über den Schleier der Krankenschwester:
„Kind, ich weiß wohl, dass man während der Ausbildung auf derartige Entscheidungen nicht vorbereitet wird. Wir erleben sonderbare Fälle, die in keinem Lehrbuch der Berufsethik vorgesehen sind. Ich habe nicht das Recht, Ihnen allgemein lautende Vorschriften zu geben. Versuchen Sie, mit den sich stellenden Fragen fertig zu werden und vertrauen Sie auf die göttliche Vorsehung!”
Das alles schwirrte in einem unentwirrbaren Durcheinander durch ihren Kopf. Sie zog den Kamm durch die gelockten Haare („Wenn ich nur keine Läuse habe!"), legte sich den Schleier aufs Haupt und wollte das Zimmerchen verlassen... „Mein Gott", betete sie und sank neben dem Feldbett in die Knie, „mein Gott, lass es nicht zu, dass ich einen Menschen ums Leben bringe, wer es auch sei! Mein Gott, du hast mich als Frau erschaffen, und Frauenbestimmung ist es, das Leben zu schenken und nicht den Tod!"
Man hatte die beiden am Starrkrampf Erkrankten trotz mangelnder Räume in einem besonderen Zimmerchen untergebracht. Ihre Anfälle erschreckten und entmutigten die anderen Kranken. Sie lagen in einem engen Raum, Seite an Seite. Ein siebzehnjähriger polnischer Partisane und ein russischer Soldat um die vierzig herum. Hania zitterte. Obwohl sie schon schreckliches mit ansehen musste, konnte sie sich an die schauerlichen Krisen und an die zu einem Bogen erstarrten Körper nicht gewöhnen. Und genau das stand ihr wieder bevor. Im voraus kannte sie den Ablauf der Phasen dieser scheußlichen Krankheit bis zum grausamen Todeskampf. Die vom Starrkrampf Befallenen verlieren das Bewusstsein nicht einen Augenblick. Selbst wenn sie nicht imstande sind, einen Laut von sich zu geben, heften sie ihre hellsichtigen Augen auf uns... Hania zählte wieder die Ampullen. Sie reichen für einen, nicht aber für beide. Wem sollte sie den Vorzug geben?
Sie blickte auf die Uhr und ließ sich entmutigt auf einen Schemel nieder. Mit allen Fibern ihres Herzens hatte sie die Wahl getroffen. Yanek der Junge mit den blauen Augen, den man in erbarmungswürdigem Zustand gebracht hatte! Seine Wunden waren nicht lebensgefährlich, und man glaubte ihn schon gerettet, als sich vor einigen Tagen plötzlich der Starrkrampf zeigte. Wie er sich ans Leben klammerte, wie verzweifelt er sich gegen die anfallenden Krisen wehrte! Gestern Abend schien die Gefahr dank der Behandlung vermindert zu sein. Ich werde davonkommen, bestimmt", meinte er triumphierend. „Noch einige Spritzen, und wir werden bald zusammen Walzer tanzen!"
Hania griff nach der Tasche, die sie umgehängt hatte, ein paar Spritzen... Ja, aber der andere!
Ein plump gewachsener Riese, dessen Haare unvermeidlich an ein Stoppelfeld erinnerten. Er sprach nur russisch, und sein Wortschatz war armselig und zeugte von wenig Bildung. Er sprach übrigens selten und beklagte sich nie. Sofort nach seinem Eintreffen im Spital hielt er Hania eine Medaille der wundertätigen Muttergottes hin: „Wer ist diese Frau? Ich habe das gefunden. Wer ist sie?, fragte er. Hania war empört.
So weit hatte der Atheismus das russische Volk gebracht! „Diese Frau", erklärte sie und betonte jedes Wort, „diese Frau ist die heilige Jungfrau."
Da der Kranke sie verständnislos anblickte, fügte sie bei: „Kennen sie denn die Gottesmutter nicht? Die Bogomatir?" Der Mann wiederholte: „Bogomatir!" Damit schien der Zwischenfall erledigt zu sein. Hania betrachtete aus den Augenwinkeln seinen Ausdruck; sie fand ihn ausgesprochen blöde. „Der Unglückliche versteht nicht, was das bedeutet", dachte sie mitleidig. Aber sie konnte ihm keine Katechismusstunden geben — Pjotr lwanowitsch verlangte auch keine!
Und nun hatte sie zwischen diesem ungeschlachten Kerl und Yanek zu wählen..., wenn sie nicht beide sterben lassen wollte! Wieder zählte Hania die Ampullen. Sie reichten für einen, nicht für beide. Wenn sie jedem die Hälfte zuteilte, wäre der Gerechtigkeit Genüge getan, und beide müssten sterben. Wenn sie alle einem gab, überließ sie den anderen einem grausamen Tod; ein Menschenleben würde sie auf dem Gewissen haben! Und mit Schrecken stellte sie fest, dass sie schon gewählt hatte, während ihr Gewissen in einer unsäglichen Angst nach einer Lösung suchte. Sie kniete nieder: „Liebe Gottesmutter von Yasna Gora, erbarme dich meiner!" Darauf verließ sie ihr Zimmerchen. Draußen krähte ein Hahn.
Der Gang war düster und roch nach Chloroform. Aus den Türöffnungen drang ein schwerer, bitterer Dunst von Schweiß, Blut und schmutziger Wäsche auf sie ein. Hania musste lächeln, als sie an die Grundsätze der Hygiene und Vorbeugung dachte, die ihnen Dr. X. in den geheimen Kursen eingehämmert hatte. Wenn alles wahr wäre, käme kein einziger bei dieser Mangelwirtschaft mit dem Leben davon. Indessen heilten Wunden gegen alles Erwarten, und die Natur entfaltete unvermutete Kräfte, wo die Kunst sich als machtlos erwies.
Trotzdem waren die Opfer des elenden Krieges zahlreich genug! In den frühen Morgenstunden war das Widerstandsvermögen der Kranken am geringsten. Das Röcheln der Sterbenden und die Selbstgespräche der Fiebernden wurden oft unterbrochen von schrillen Schreien und dumpfem Schluchzen. Hania fröstelte. Der Gang war leer, endlos lang und feierlich, kaum beleuchtet von einer sparsamen Lampe. Aus Saal 111 kam Theres mit einem Topf. „Wie geht es", fragte Hania. „Staszek ist eben gestorben", antwortete Therese. Hania nahm eine Bluse von der Wand und zog sie an. Die beiden Starrkrampfkranken befanden sich am Ende des Saales, von den anderen getrennt durch eine dünne Wand. Ein sehr junges Mädchen schlummerte auf einem Stuhl zwischen den zwei Betten; es hielt eine Spritze in der Hand. „Geh schlafen, Yolanda", sagte Hania; „ich bleibe nun hier." „Bringst Du Ampullen?", fragte Yolanda. „Es gibt keine einzige mehr". — „Geh schlafen", wiederholte Hania etwas ungeduldig. „Ich weiß, was ich zu tun habe". Yolanda warf ihr einen fragenden Blick zu und drehte sich gegen das Bett links: „Mut Yanek! Jetzt ist Hania wieder da, alles ist wieder in Ordnung!" „Was macht der andere?". — „Er schläft." Sobald sie allein war, nahm Hania die Schachtel mit den Ampullen aus ihrer Tasche. Yanek folgte ihren Bewegungen. „Es ist an der Zeit", sagte er; „der Arzt hat eine Spritze alle zwei Stunden verordnet." — „Der Arzt, der Arzt", erwiderte Hania und versuchte zu lächeln; „ich muss seine Befehle ausführen, nicht du. Man darf die Zwischenzeiten ausdehnen". —
„Sagen sie mir die Wahrheit, Schwester Hania! Sie haben keine Spritzen mehr?” Auf diese direkte Frage war sie nicht gefasst. Sie errötete wie eine Mohnblume. Sie tat, als suche sie etwas in ihrem Notizbuch. „Schwatze kein dummes Zeug", fuhr sie den Jungen an, um ihre Erregung zu vertuschen. „Ich habe alles, was ich brauche." Yanek gab nicht nach: „Schwester, wenn es an Spritzen fehlt, müssen Sie es mir sagen. Ich will es wissen. Ich will meinen Tod nicht verfehlen. 0, ich bin ihm schon oft gegenüber gestanden. Ich habe das Opfer meines Lebens gebracht. Mama auch. Sagen Sie mir die Wahrheit! Und mit bittender Stimme fuhr er fort: „Ich weiß, dass ich bis zum Ende beim Bewusstsein bleiben werde. Ich möchte nicht erleben müssen, dass Sie mich belogen haben. Ich muss die Wahrheit wissen, Schwester Hania!"
Völlig verwirrt senkte sie den Kopf. Ihr Gedächtnis versagte; sie fand die vorbereiteten Erklärungen nicht. Es war nicht zu verantworten, jetzt leere Worte her zu plappern. Trotz aller Vorschriften wagte sie es nicht, den Jungen, der so flehentliche Blicke auf sie richtete, zu belügen. Nein, sie hatte nicht das Recht, ihn über die Gefahr im Ungewissen zu lassen. Schließlich..., eine närrische Hoffnung fuhr wie ein Blitz durch ihren Kopf; schließlich war noch nichts entschieden...Sie sah nach, ob der andere auch wirklich schlief. „Die Wahrheit?", sagte sie mit dumpfer Stimme. „Ich habe gerade genug für einen von euch, aber nicht für beide." Yanek sank in die Kissen zurück, als ob er einen Schlag mitten auf die Brust erhalten hätte. „Und nun", fragte er mit kläglichem Ton, „und nun? Wen wählen Sie?" Kaum war ihr das schreckliche Geständnis entschlüpft, zuckte Hania zusammen. Was hatte sie getan? Wie konnte sie den Fehler wieder gut machen? Sie murmelte einige Entschuldigungen und suchte nach einem Ausweg.
Der Junge ließ nicht nach. Mit verzerrten Zügen und angstvollen Augen wiederholte er: „Müssen Sie darüber entscheiden? Sie...?"
Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte. Müdigkeit, Schlafmangel, Verwirrung: es war zu viel! Sie raffte sich aber auf und setzte den Kocher unter Strom, um die Spritze vorzubereiten.
„Beruhige Dich”, sagte sie, „ich gebe dir eine Spritze. Wir werden sehen, wie es weitergeht." — „Und er!", fragte Yanek. Hania zögerte einen Augenblick. „Er? — Er wird die seine auch erhalten. Beruhige dich!" Jetzt galt nur eines: um jeden Preis die Krise zu verhüten, die Yaneks Hände und Hals zum Erstarren brachte. Die Spritze wirkte augenblicklich. Oder handelte es sich nur um eine vorübergehende Entspannung? Mit der Spritze in der Hand, wandte sie sich dem andern Bett zu. Der Russe öffnete die Augen, blickte sie ruhig an und sagte: „Njet!" Sie ließ beinahe die kostbare Ampulle, die sie zu öffnen im Begriff war, fallen. Der Mann sah sie aus völlig klarsichtigen Augen an. „Njet!", wiederholte er heftig. Sie verstand russisch, sprach es aber nur mit Mühe. Was wollte er mit diesem unerwarteten „Njet"? Pjotr lwanowitsch war der gehorsamste aller Kranken. Mit der Spritze in der Hand näherte sie sich dem Bett. Er entriss sie ihr. „Njet!", rief er zum dritten Mal. „Was fällt dir denn ein? Schto s toboi, schrie Hania in ihrer Verblüffung. „Nitschewo", erwiderte er und hielt die Spritze fest in seiner mächtigen Hand. Nitschewo! Was nützt mir das! — Ich habe verstanden. „Er" — mit einer Bewegung des Kopfes wies er auf Yanek. — „Er ist jung. Ich bin alt. Er hat seine Mutter noch. Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr; Kruglaia sirota — ich bin ganz Waise. Er hängt am Leben, ich nicht. Ich will keine Spritze! Was nützt sie mir? Sie haben nicht genug für beide. Die Wahl fällt ihnen schwer. Ich wähle für Sie!" Noch nie hatte er so lange gesprochen! Hania hörte ihm zu, ohne recht zu verstehen. „Nein, nein, Pjotr lwanowitsch, ich gebe dir eine Spritze!" Als Antwort zog er das Leinen über den Kopf und drehte sich zur Wand hin. Er hatte gesagt, was zu sagen war; und nicht ohne Anstrengung. Seine Aufgabe war also getan und die Angelegenheit in Ordnung. Hania versuchte vergeblich, sein Schweigen zu brechen. So oft sie sich ihm mit der Spritze näherte, wies er sie mit der Hand ab und sagte „Njet!" Yanek war erschüttert und wollte seinem Beispiel folgen. „Wenn du dich weigerst, weigere ich mich auch!", erklärte er. Da öffnete der Russe die Augen und warf ihm entgegen: „Vot durak! — Kann man so dumm sein?" Und nach einer Weile Überlegens fügte er bei: „Du hast eine Mutter, die auf dich wartet, nicht wahr? Ja! Auf mich wartet niemand! Also!"Die Stunden rannen dahin wie Blut aus einer offenen Wunde. Eine jede konnte Leben oder Tod bedeuten. Hania kehrte jeweils pünktlich mit der Spritze ins Zimmer der Starrkrampfkranken zurück. Pjotr lwanowitsch weigerte sich beharrlich; sein Zustand verschlimmerte sich zusehends. Die Krisen häuften sich, und gegen fünfzehn Uhr wandte sich Dr. Chmiel, den man gerufen hatte, an Hania: „Er ist verloren", und blickte sie lange an. „Beunruhigen Sie sich nicht. Nicht Sie haben die Wahl getroffen!" Sie fand keine Antwort, sie schluchzte.
Als die Krisen noch häufiger und heftiger wurden, schien Pjotr lwanowitsch mehr und mehr zu erwachen. Manchmal lächelte er sogar mit schelmischem Ausdruck und murmelte wenig verständliches Zeug. Nach jeder Krise wandte er sich an Yanek und sagte: „Nitschewo!"
Am Abend ließ sich Hania nicht ablösen, Sie wollte dabei sein bis zum Ende. Gegen 23 Uhr, nach der vorgeschriebenen Runde, setzte sie sich auf einen Schemel zwischen die Betten von Yaneks und Pjotr lwanowitsch. Yanek schlief, von Müdigkeit überwältigt. „Gerettet! Doch um welchen Preis!", dachte Hania.
Der Russe kämpfte sichtbar gegen das Starrwerden, das ihn wie ein Panzer zu umschlingen begann. Er folgte jeder Bewegung der Krankenschwester mit klarsichtigen Augen. Einmal versuchte er, ihr zuzulächeln, doch seinen verzerrten Zügen gelang nur eine Grimasse.
Hania war einen Augenblick aus Erschöpfung eingenickt. Ein leises Geräusch schreckte sie auf. Pjotr lwanowitsch saß auf seinem Bett und starrte mit weit geöffneten Augen in einen Winkel des Zimmers. Von einer närrischen Hoffnung belebt, erhob sich Hania rasch. War es möglich, dass die ihn seit Stunden wie einen Bogen spannende Starre vor dem Tode sich löste? Da bemerkte sie, daß der Russe sie nicht sah, oder vielmehr, dass sie wegtreten solle. Seine Augen glänzten mehr und mehr und blieben stets auf die gleiche Stelle gerichtet. Sie trat an das Bett... Da begann Pjotr lwanowitsch sanft mit singender Stimme zu sprechen:
„O, wie herrlich ist sie! Wie lichtvoll! 0, wie gütig! Schau, sie lächelt mir zu. Schau doch hin! Sie ruft mich! Wer bist du Frau? Ja, ja, ich komme-- Einen Augenblick schwieg er, als ob er lauschte. Darauf schrie er mit der ganzen Kraft seiner Lungen:
„Bogomatir!”
Und in diesem Schrei hauchte er seine Seele aus.
Aus „Die Ikone" v. Maria Winowska, Paulus Verlag, Freiburg, Schweiz