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Das erste Wunder in Lourdes

Von ehemaliges Mitglied Samstag 05.09.2020, 05:36


ln dem Zimmer der Bouhouhorts finden sich schon die Nachbarinnen ein, um nach altem Brauch das Totenhemdchen des Kindes zu nähen, wenn es soweit ist. Und es scheint bereits soweit zu sein. Verhängnisvollerweise war Mutter Soubirous heute nicht zu Hause, als der neue Anfall kam, der schlimmste, den das elende Geschöpf je zu erdulden hatte. Die Bouhouhorts glaubt fest an die heilkräftigen Griffe und Mittel der Madame Soubirous. Sie zürnt ihr unaussprechlich, weil sie, als die große Not kam, nicht zu Hause gewesen ist. Denn was half es, dass sie selbst getreulich alle Mittel der Soubirous anwandte, heiße Packungen, unablässiges Geschüttel des verkrampften und doch fiebernden Körperchens? Obwohl sie die Mutter ist, hat sie doch die richtige Hand nicht. Alles war vergebens. Nun liegt das Kind da, mit schnellen, gurgelnden Atemzügen, die Augen nach oben verdreht, so dass man nur das Weiße sieht. Trotz des Fiebers ist das verschrumpfte Gesichtchen braungelb.

Neben dem verzweifelten Weib steht der Mann Bouhouhorts, einer von den Schieferbrechern, die meistens auswärts arbeiten und nur einmal in der Woche nach Hause kommen. Der Mann Bouhouhorts ist recht froh in seinem Herzen, dass dieses Elend im Sterben liegt, dass man endlich befreit sein wird von der Sorge und Seelenlast, wenn man heimkehrt nach der schweren Arbeit. Der Mann Bouhouhorts ist kein Unmensch, und was ihm da vor Augen stirbt, ist sein eigener Sohn. Aber was bedeutet schließlich ein zweijähriges Kind? Man ist selbst achtundzwanzig alt und kann Söhne und Töchter haben, so viel man will, wenn Gott das Weib von dem Alpdruck erlöst hat. Die Weiber sind einmal so. Sie klammern sich mit Löwenkräften an einen solchen Alpdruck; er füllt ihr Leben so mächtig aus, dass sie sich sogar dem Manne verwehren. Bouhouhorts klopft seiner Croisine zärtlich auf den Rücken. Sie ächzt mit gehetzter Stimme:
,„Geh noch einmal zu Dozous, Bouhouhorts, oder zu Peyrus, vielleicht kommt einer von ihnen ..."
„Wozu das", zuckt der Mann die Achseln. „Peyrus ist über Land, und Dozous hat Sprechstunde. Und du siehst ja, es ist zu spät. Der Kleine röchelt schon. Das nennt man Agonie ... "
Francoinette Gozos, die Tochter des Bouchers, eine der Nachbarinnen, erhebt ihre Stimme zum üblichen Trost: „Was jammerst du, liebe Croisine? Sei doch glücklich. Willst du, dass dein Kind sich als armer Krüppel durchs Leben schleppt? Es ist getauft und ohne Sünde. Als Engel wird's dort oben auf dich warten ..."
Die Mutter presst ihren Kopf auf das Bett des Kindes. Leicht haben's diese Frauen, sie zu trösten, wie Francoinette Gozos oder die Germaine Raval. Sie erfleht ja nichts Besseres vom Himmel in diesem Augenblick, als dass ihr Kleiner sich als Krüppel durchs Leben schleppe. Wenn er nur am Leben bleibt! Sie hat durchaus nicht den Wunsch, einen Engel im Himmel zu besitzen, der dort oben auf sie wartet. Wilde Phantasien durchrasen ihren Geist. Ein Bild wiederholt sich immer wieder: Bernadette, wie sie den Kopf in das Quellenbecken taucht und sich wäscht. Plötzlich schlägt der Blitz der Erkenntnis in das Herz der Bouhouhorts. Dieses Tauchen und Waschen ist kein zwecklos heiliges Spiel, sondern ein sehr zweckmäßiges Rezept, das die Dame durch Bernadette ununterbrochen der Menge anempfiehlt.

Mit einem Schrei springt Croisine Bouhouhorts auf die Beine. Ihr Entschluss ist gefasst. Sie reißt ihr Kind aus dem Korb, der ihm zum Bette dient, wickelt es in die Schürze und stürzt aus dem Haus. Der Besitz der Erkenntnis ist so grell, dass sie sich nicht einmal Zeit nimmt, den Kleinen in eine warme Decke zu hüllen. Jean Bouhouhorts und die Nachbarinnen, überzeugt, dass der Schmerz Croisine um den Verstand gebracht hat, rennen ihr schreiend nach. Sie aber läuft tatsächlich mit den Sprüngen einer Wahnsinnigen durch die Gassen. Das Aufsehen in der erregten Stadt ist groß. Niemand aber hält sie auf. Der Vorsprung dieser Wettläuferin mit dem Tode wird immer beträchtlicher. Nicht einmal ihr Mann kann sie einholen. Eine große Menschenmenge drängt nach zur Grotte.

Vor dem Wasserbehälter stürzt das Weib zu Boden, schweißübergossen, atemlos, halbtot. Es hat gerade noch Kraft genug, das Kind bis zum Hals ins Becken einzutauchen.
„Nimm ihn oder gib ihn mir zurück, Jungfrau!", lallt die Sinnverwirrte. Sie beachtet die Frauen nicht, die auf sie einreden:
„Ihr tötet den Kleinen, Bouhouhorts ... Das Wasser ist ja eiskalt ..."

„Wenn ich ihn nicht retten kann, töte ich ihn, was liegt daran!" keucht die Croisine immer wieder. Man will ihr das Kind entreißen. Sie bleckt die Zähne und faucht. Es ist gefährlich, ihr nahe zu kommen. Endlich lassen die Leute sie gewähren. Totenstill wird es. Nur das kurze, agonische Röcheln des Kleinen ist zu hören. Dann hört man auch dieses Röcheln nicht mehr. Plötzlich sagt eines der Weiber beim Becken:„Heilige Jungfrau ... der Kleine hat geschrieen..."

Und wirklich, das fadendünne Quäken eines Neugeborenen wird wenige Sekunden lang vernehmbar. Die Leute schauen einander an und sind blass. Die Bouhouhorts — das Bad hat genau eine Viertelstunde gedauert — wickelt das Kind wieder in ihre Schürze, presst es an die Brust und jagt davon. Als die schwerer bewegliche Menge das Haus neben dem Cachot erreicht hat, wo die Bouhouhorts wohnen, steht Croisine schon mit ausgebreiteten Armen schirmend vor der Tür und flüstert:
„Ruhe doch! Er schläft ... Mein Kind schläft...!"
Das Kind Bouhouhorts schläft den Rest des Tages und die ganze Nacht durch. Am Morgen trinkt es, gierig wie noch nie, zwei volle Gläser Milch aus. Der Mann Bouhouhorts geht darauf zur Arbeit. Einige Minuten später holt Croisine Wasser vom Brunnen Vater Babous. Als sie zurückkommt, sieht sie, dass der Kleine in seinem Korb sich aufgesetzt hat, zum ersten Mal im Leben. Sie möchte schreien, kann's aber nicht. Das Kind lacht, wie ein Sieger. Der Brust des Weibes entringen sich kurze, raue Laute, jammernd vor Seligkeit. Die erste Heilung, das erste Wunder ist geschehen. In Lourdes.

Aus »Das Lied von Bernadette« von Franz Werfe!


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