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Das Lächeln Mariens

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 15.10.2020, 06:55


Ich war damals sieben Jahre alt. Ich war in Begleitung meiner Mutter zur Kirche gegangen, wo sich auch eine Lourdes-Grotte befand. Während sich nun meine Mutter anschickte, den Kreuzweg zu beten, kniete ich mich vor der Grotte hin, schaute unverwandten Blickes zur schönen Statue empor und wiederholte immer wieder nur die eine Bitte: „O liebe Mutter, schau herunter auf mich und lächle mich an!" Doch der Blick der weißen Statue war begeistert himmelwärts gerichtet und die kleine Beterin unten flehte vergebens. Da presste ich die Händchen zusammen, faltete sie mit aller Innigkeit, so schön, wie sie jene Statue gefaltet hielt und betete wieder: „Liebe Mutter, schau herunter auf mich und lächle mich an!" Doch der himmelwärts strebende Blick der Statue senkte sich nicht!

Die Klage meines kindlichen Herzens verhallte ohne Antwort und nach wie vor schien sich der Blick der Statue entzückt in himmlischen Höhen zu verlieren. Doch, ich ließ nicht nach; noch betete meine irdische Mutter den langen Kreuzweg, noch hatte ich selber Zeit, mit meiner himmlischen Mutter zu verhandeln. Und abermals tönte es dringender, flehender, süßer als zuvor: „O, liebe Mutter, so schau doch herunter auf mich und lächle mich an!" Und da geschah denn das Unvergessliche, meiner Seele Labsal für die ganze Erdenzeit; meines Herzens Trost in allen trüben Stunden: die holde Statue droben wurde wie lebendig. Langsam, feierlich und freundlich senkte sich das bisher erhobene Haupt der Statue nieder, mit herzlicher Liebe ruhten ihre Augen für einige Momente auf mir. — Dann war alles wie zuvor; unverwandten Blickes war das Auge der Statue nach oben gewandt. Ich schwamm in Seligkeit im Empfinden, von einem himmlischen Wesen geliebt zu sein. Tränen rollten über meine Wangen. Dann kam meine Mutter heran! Sie war mit ihrem Kreuzweg fertig geworden. Wir gingen heim.

Ich möchte eine Schwester sein! Meine Mutter schickte mich in der schulfreien Zeit zu den Karmelitinnen vom Dritten Orden in die Handarbeitsschule. Dort war ich immer ganz selig bei dem Gedanken, inmitten von so frommen, heiligen Frauen weilen zu dürfen. Aber diese Seligkeit ward oft von einem wehmütigen Gedanken getrübt: „Ach, warum kann denn nicht auch ich selber so eine Schwester sein!" So wuchs ich denn auf und war zwölf Jahre alt geworden. Da kam eines Tages die Frau Oberin soeben von der Vesper zurück und schickte sich an, den Unterricht fortzusetzen. Ich aber war wieder meinen Gedanken nachgegangen und schaute sie eine Weile recht wehmütig an. Sie bemerkte es, kam zu mir und sagte teilnahmsvoll: „Nun, Johanna, was hast du denn? Warum schaust du so traurig drein?" Da ward mir so weh ums Herz, dass ich zu weinen anfing und unter Tränen sagte ich: „Ach, ich möchte so gerne eine Klosterfrau sein!" Da legte mir die Oberin die Hand auf die Schulter und antwortete mir: „Nun, das kannst du ja mit Gottes Gnade werden; da musst du eben recht brav sein und auch innig beten um diese Gnade." Ha, das war ein Wort! Wie ein Stern aus dunklen Wolken hervorbricht, so war dieses Wort für meine schwer gedrückte Kinderseele!

Bald darauf war ich auf dem Weg zum Mutterhaus, ließ die Frau Generaloberin rufen und brachte ihr mein Anliegen vor: „Ich bitte um Aufnahme, ich möchte eine Schwester werden". Mit einigem Staunen betrachtete mich die ehrwürdige Frau: ja, sag mir, wie alt bist du denn eigentlich?" — „Zwölf Jahre." — „So, so, zwölf Jahre? Ich hätte dich erst für zehn gehalten, denn du bist so schwächlich. Also, mein liebes Kind, dein Wunsch ist stark verfrüht. Der Eintritt in ein Kloster ist gesetzlich erst vom 15. Lebensjahr an gestattet; du aber bist so schwächlich, dass du wohl bis zum 20. Lebensjahr wirst warten müssen, damit man sieht, ob du es aushältst." — Ach, ach, das waren aber enttäuschende Worte für meinen brennenden Eifer. So lange warten zu müssen!

Ich hatte mehrere bedeutungsvolle Träume in meinem Leben, sowohl vor als auch nach meinem Eintritt ins Kloster. Einer davon sei hier erwähnt:

Ich war vierzehn Jahre alt, da sah ich im Traum Maria, von Engeln umgeben. Hinter ihr war ein großer, geschlossener Vorhang. Dieser Vorhang bedeutete (so erkannte ich es) die Scheidewand zwischen Welt und Klausur. Die Mutter Gottes winkte mir und sprach: „Komm her zu mir!" Ich folgte der Einladung, trat hin, kniete nieder, erhob meine gefalteten Hände und sprach: „Ich bitte Dich, liebe Himmelsmutter, gestatte mir den Eintritt in die Klausur!" Da gab sie mir mit unbeschreiblich milden Worten folgendes zur Antwort: „Mein Kind! Jesus ist mit dir und du bist in Jesus!" Dann erwachte ich. Bis heute ist mir dieser Traum in lieblicher Erinnerung.

Durch Maria zum Ziel. Kurz nach jener Zeit, da ich mir als Zwölfjährige meine Absage geholt hatte, kam ich in das Pensionat zu den Schwestern vom guten Hirten. Als ich dann sechzehn Jahre alt geworden war, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich sagte zur Pensionsoberin: „Ich bitte, ehrwürdige Mutter, lassen Sie mich doch einmal ins Mutterhaus der Karmelitinnen fahren, ich möchte anfragen, ob ich nicht vielleicht doch schon Aufnahme finden könnte." Die Oberin gestattete es: Ich fuhr hin und erreichte zu meiner allergrößten Freude die Aufnahme; obendrein wurde mir als Eintrittstag der 15. Juli, der Vorabend des Festes Maria v. Berge Karmel, bestimmt. Niemand war froher als ich.

Doch, es kam eine neue Schwierigkeit. Ich muss erwähnen, dass sich seit etwa Jahresfrist ein körperliches Leiden eingestellt hatte, das ich selber durchaus nicht als Hindernis des Ordensberufes erachtete. Nun wurde ich nachträglich gefragt, ob ich denn vollkommen gesund sei. Da gestand ich ehrlich mein Leiden. „Ja, wenn dies so ist", sagte die Oberin, „dann ist es mit dem Eintritt bei uns nichts. Mit diesem Übel können wir sie nicht nehmen." Man denke sich meine Bestürzung. Zu wem sollte ich gehen?

Schon hatte ich genugsam erkannt, dass die himmlische Mutter eine besondere Beschützerin meines jungen Lebens sei.

Vor dem Gnadenbild jener, die vor neun Jahren dem zarten Kind zugelächelt hatte, lag ich nun heute wieder auf den Knien, bittend, flehend, im Gebete ringend: „Hilf, heilige Gnadenmutter, hilf, damit dein auserkorenes Kind die Wege, die deine Gnade ihm bestimmt, auch wandeln kann." Lächelte Maria auch diesmal? — Ja, wenn ihr wollt, sie lächelte! Zwar gewahrte meines Leibes Auge diesmal nichts vom Lächeln, aber als ich niederstieg, war mein Leiden spurlos verschwunden; — so hatte sie doch gelächelt, die hohe, gute Frau — es war ein unsichtbares Lächeln der Gnade gewesen. — Und nun gleich zur Klosterpforte. „Ehrwürdige Mutter, ich bin gesund! Unsere Liebe Frau auf dem Pöstlingberg hat mich heute geheilt." — „Ist es wahr? Können Sie es ehrlich beteuern!" — „Ja, es ist wahr! Im Notfall kann ich es beschwören!" — „Gut, ich beglückwünsche Sie von Herzen. So bleibt es also dabei: am 15. Juli treten Sie ein!" Das war vor 20 Jahren. Zwei Jahre darauf ward ich eingekleidet und trage seitdem selig das Kleid Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel.


Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

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P.S. Diese Geschichte erschein fantastisch, aber bedenkt:
Die Seele sieht mehr als die Augen!

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