Das Marienbildnis am Walensee
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 30.09.2020, 08:46
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Aus dem Leben erzählt.
Es war am Tag Maria Himmelfahrt, als ich von dem freundlichen Städtchen Weesen aus, das am westlichen Ende des herrlichen, wildromantischen Walensees in der Schweiz gelegen ist, im leichten Kahn hinausruderte auf die klare, glänzende, stahlblaue Wasserfläche. Ringsum schließen hohe, steile Felsmassen das Wasserbecken ein; das nördliche Ufer bilden senkrechte Felswände, die viele tausend Fuß aus dem See aufsteigen. Es ist ein grausig schönes Schauspiel, auf den leicht gekräuselten Wellen des Walensees zu schaukeln; ringsum umschließen uns nackte Felsmassen, fast ohne Baum und Strauch; kein Laut ist zu hören, nur das Rauschen der Wasserfälle oder das Geschrei eines Raubvogels, und im Hintergrund, gegen Osten steigen in ernster Majestät die ewig schneebedeckten Glarner-Alpen mit ihren Eishauben und Gletscherfeldern auf.
Ich lenkte meinen Kahn um einen steil in den See abfallenden Felsvorsprung, zwischen dessen Rippen und Brüchen niedriges Gestrüpp sowie einige Tannen und Fichtenbäumchen ihr kümmerliches Dasein fristeten; da erblickte ich vor mir, hart an der schroffen Felswand einen Nachen, den eine junge Frau mit kräftigen Ruderschlägen fortbewegte. Auf einem Bündel duftigen Klees saß ein lockiges Bübchen von drei bis vier Jahren, dessen silberhelles Lachen und Jauchzen wie Musik klang, und das die roten Blüten des Klees auf die murmelnde Wasserfläche streute. Die Schifferin, offenbar die Mutter des Kleinen, mochte wohl 26 Jahre zählen.
„Grüß Gott!", rief sie mir zu, als mein leichter Kahn ihr etwas schwerfälliges Fahrzeug einholte, und gleichzeitig zog sie ihr Ruder ein und brachte den Nachen, indem sie mit beiden Händen ein Felsenstück erfasste, zum Stillstehen.
„Sie wollen doch hier nicht landen?", fragte ich, denn es wäre unmöglich gewesen, auch nur einen Fuß auf die schroffe Felswand, die von den plätschernden Wogen geleckt wurde, zu setzen; auch fürchtete ich, ein Stoß des Nachens gegen den steilen Felsen könnte das Leben des Kindes, das sich sorglos auf seinem Kleepolster tummelte, in Gefahr bringen.
„Nein", erwiderte die junge Frau ernst, „an diese Stelle rudere ich jedes Jahr am Marientag, und ich werde es tun, so lange der liebe Gott mich gesund lässt."
Mit diesen Worten holte sie aus dem Nachen einen großen grünen, mit Blumen durchflochtenen Kranz, den sie um ein in der Felsennische angebrachtes Marienbild schlang. Erst jetzt gewahrte ich dieses Bild, das sich etwa vier Fuß über dem Wasserspiegel befand und offenbar aus neuer Zeit stammte, denn die Farben waren noch ziemlich frisch, und die Nische hob sich durch helleren Farbton von dem grauen verwitterten Felsgestein ab.
Als der Kranz befestigt war, kniete die Frau, ohne weitere Notiz von mir zu nehmen, im Nachen nieder, faltete die Hände und verrichtete ein kurzes Gebet; auch ihrem Kleinen, faltete sie die Händchen und sagte ihm mit lauter Stimme die Worte vor: „Gedenke, o gütige Jungfrau, es ist noch nie gehört worden, dass Jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, verlassen worden wäre."
Ich lüftete den Hut und stimmte unwillkürlich in das kindlich fromme Gebet ein. Das Wesen der Frau war so einfach und schlicht, so ungekünstelt und fern jeder Prahlerei, daß es mich fast zu Tränen rührte. Selten habe ich mich in andachtsvollerer Stimmung gefunden als wie in jenem Augenblick; über uns wölbte sich das endlose, azurblaue Firmament, unter unseren Fahrzeugen grollte der tiefe See, die schroffe Felswand bildete gleichsam den Altar mit dem kunstlosen Marienbilde, und gleich den Säulen und Riesendomen ragten die zum Himmel anstrebenden Steinmassen rings empor. Die Frau griff wieder zu den Rudern, und unter ihren geübten, kraftvollen Schlägen schoss das Fahrzeug hin. Auf den Wangen der Frau sah ich eine Träne rinnen.
„Darf man", fragte ich, mit ihr Kurs haltend, „ohne neu- gierig zu erscheinen, erfahren, welche Geschichte sich an das Marienbild knüpft?"
„Wenn's den Herrn interessiert", erwiderte die Frau darauf, „recht gern. Drüben in Mühlenhorn habe ich eine Wirtschaft, wenn Sie dort ein halbes Stündchen verweilen wollen, will ich ihnen die merkwürdige Sach' erzählen, hab heut' ohnehin Sonntag."
Wir steuerten unsere Fahrzeuge nach dem jenseitigen Ufer, und die Geschichte, die ich erfuhr, will ich mit kurzen Worten mitteilen:
In dem vom Efeu umsponnenen Häuschen des Bildhauers Mädli in Mühlenhorn sah es gar traurig aus; die Mutter seufzte und stöhnte; der Vater, der viele Monate bettlägerig gewesen, rang in stummem Schmerz die Hände. Die lange Krankheit des Vaters hatte die Familie in bitterste Not gebracht und die geringen Ersparnisse verschlungen. Man war genötigt gewesen, bei einem Geldverleiher in Zürich eine Summe aufzunehmen, und der Wechsel war am 27. Juli fällig. Woher wollte man das Geld nehmen, denselben zu decken? Alle Bemühungen Mädlis waren vergebens gewesen, den hartherzigen Geldmann zur Verlängerung des Wechsels zu stimmen; er hatte gedroht, das Haus, das einzige Besitztum der Familie, unter den Hammer bringen zu lassen, um sich bezahlt zu machen.
Es war am St.-Anna-Tag und Pia hatte am Morgen in der Kirche ganz innig gebetet und die Himmelskönigin angefleht, ihren, der Verzweiflung nahen alten Eltern schützend und helfend beizustehen.
Als sie die Kirche verließ, trat in der Dorfgasse ein Fremder, ein anscheinend vornehmer Herr mit blassem Gesicht und langem blonden Vollbart an sie heran und sagte: „Ich möchte mich auf den See hinausfahren lassen; können Sie mir sagen, an wen ich mich wegen eines Kahnes zu wenden habe?"
„Grüß Gott", sagte Pia, „den Kahn können Sie von uns haben; ich werde den Vater rufen, er kann Sie fahren, und ich werde das Steuer führen."
.Pia schritt neben der hohen, mächtigen Gestalt des Fremden, auf dessen Gesicht ein finsterer Ernst lag, ihrer Wohnung und dann in Begleitung des Vaters dem See zu. Wenige Minuten später trug der Nachen sie auf die glänzende Fläche hinaus. Pia war am Steuer, und der schweigsame Gast starrte auf die vom Morgenwind gekräuselten Wellen. Es war keine fröhliche Fahrt wie sonst, wenn Gäste aus der weiten Welt kamen um in der herrlichen Gebirgswelt aufzutauchen und aufzuatmen, kein froher Gesang begleitete den Rudertakt, kein helles Lachen mischte sich in das Gemurmel und Geplätscher der Wellen. Dem Fährmann und seiner Tochter war das Herz zentnerschwer; der Kopf stand ihnen nicht nach Singen und Fröhlichkeit, und das blasse, ernste Gesicht des Fremden, das im hellsten Kontrast zu dem lachenden Sommermorgen stand, hätte ohnehin jeden frohen Laut im Keim erstickt. Niemand sprach ein Wort, eine fast unheimliche Stille lag wie bleierne Schwüle über dem Kahn.
Als ein Fischreiher gleich einem Pfeil aus der Höhe in die Flut niederschoss und im nächsten Augenblick eine Seeforelle zwischen den Fängen hielt, die er mit dem scharfen, gekrümmten Schnabel zerriss und zur Hälfte wieder ins Wasser fallen ließ, lachte der Fremde kurz und hart auf und seine blutleeren Lippen murmelten bitter: „Auch hier Kampf und Verfolgung!"
Nach einer Weile fragte er plötzlich: „Wie tief ist der See?"
„Das ist verschieden, Herr”, erwiderte Mädli, „hundert, stellenweise auch zweihundert Meter."„Wo ist die tiefste Stelle?"„Drüben, Herr, an der Felswand".„Fahren Sie dorthin".
Pia griff mit dem Steuer ein und der Kahn flog dem jenseitigen Ufer zu. Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust des Vaters."
Weshalb stöhnen Sie?-, fragte der Fremde in milderem Ton; „drückt sie ein Leid?"
„Ach, Herr — das lässt sich nicht sagen, und ein reicher, glücklicher Mann wie Sie würde es auch nicht verstehen. Ich war krank, musste Schulden machen, um mit den Meinigen nicht zu verhungern, morgen ist der Wechsel fällig und dann werde ich aus meinem Haus gejagt-- Der Fremde zuckte die Achseln. „Also wegen einer handvoll Franken sind sie so un- glücklich?", fragte er in verächtlichem Ton. „Wenn es kein herberes Weh gäbe als Geldmangel!"
„Ich sagte Ihnen, Herr, dass ein Reicher das nicht versteht."
„Lassen Sie den Kahn hier treiben", sagte er und legte die Uhr nebst Börse auf die Bank, auf der er gesessen hatte. „Fährmann, das soll Ihnen gehören, wenn ich tot bin".„Tot? — Sie wollen doch nicht — — — ?"„Ja, ich will, und niemand wird mich daran hindern!
Die Worte klangen rau, drohend, befehlend. Pia sah ihren Vater entsetzt an. „Haben sie denn keinen Glauben?", fragte sie. Der Fremde wandte sich jäh um nach der kühnen Fragerin. „Keinen Glauben", wiederholte er mit eigentümlicher Betonung; „es gab eine Zeit..."
„Wissen sie denn nicht, Herr, dass Sie vor den Richterstuhl Gottes treten und dass die Selbstmörder dem Gericht Gottes zuvorkommen?" Über die kalten Züge des Mannes glitt ein Lächeln. „Halten Sie an diesem Glauben fest, Kind — für mich ist es zu spät."
„Kind", hub der Fremde plötzlich an, — das Bewusstsein, dass sein Leben nur noch nach Minuten zählt, der Schmerz des Fährmanns und seiner Tochter und die angstvolle Teilnahme, die sie für ihn an den Tag legten, schien den anfangs so einsilbigen Mann gesprächig zu machen — „Kind, ich war einst auch frommgläubig; ich habe sogar meiner Mutter, als sie auf dem Sterbebett lag, versprochen, jeden Tag ein Ave zu beten und ich habe diesen Schwur gehalten — bis zur Stunde, vielleicht nur aus Gewohnheit."
„Das war brav", erwiderte Mädli, „und Gott wird Ihnen das anrechnen."„Gott? Es gibt keinen Gott!", schrie der Fremde laut auf — ein Sprung, und die Wellen des Sees schlugen über ihm zusammen.
Der Nachen schwankte, dass er umzuschlagen drohte; Pia stieß einen gellenden Schrei aus und starrte verglasten Blickes auf die Stelle des Wassers, die den unglücklichen Menschen verschlungen hatte.„Halte fest zum Ufer, mein Kind; dort am Block finden wir Halt." Mädli hatte die Ruder eingezogen, den Rock abgelegt, und im nächsten Augenblick verschwand auch er im See.„Vater!"... Qualvolle, entsetzliche Minuten, die einer Ewigkeit glichen... Da teilte sich die Wasserfläche; ein Kopf er- schien und noch einer; Mädli arbeitete kräftig mit dem rechten Arm — sein linker trug eine schwere Last — den Fremden. Pia war im Nu mit dem Nachen zur Stelle, dessen Rand der Vater erfasste. „Vorsichtig, Kind, dass wir nicht alle verunglücken. Fahre ans Ufer." Hier lag unter dem Spiegel des Sees ein mächtiger Felsblock. Die Füße des Fährmanns fanden Boden, und behutsam hob er den ohnmächtigen Mann in den Kahn; er selbst schwang sich an der Spitze des Nachens hinauf.
„Schnell nach Hause, Pia, das Wasser ist eiskalt." Nach einer halben Stunde ist Mühlenhorn erreicht. Der Fremde hatte unter fortgesetzten Reibungen Mädlis, die Augen aufgeschlagen und allmählich kehrte das Bewusstsein zurück.
Stunden waren vergangen. Der Fremde saß angetan mit den Sonntagskleidern Mädlis in dem einfachen Stübchen des Bildschnitzers, seine eigenen Kleider hingen draußen im Garten an der Sonne. Geräuschlos trat Pia ein, um nach dem Befinden des Mannes zu sehen der auf so sonderbare Weise ihr Gast geworden war.„Fühlen Sie sich besser, der Schlaf hat Ihnen gut getan?"
Der Fremde nickte. „Ich könnte schon längst tot sein", murmelte er.
Wissen Sie auch, Herr, weshalb der Himmel Ihnen Rettung sandte?"
„Nun, wissen Sie es?"„Ja. Weil Sie das Ihrer Mutter gegebene Versprechen treu gehalten und täglich ein Ave gebetet haben; die alleeseligste Jungfrau hat Sie nicht zu Grunde gehen lassen.
Pia lächelte unter Tränen, und ihr Blick fiel dankbar und innig auf das Marienbild, das im verblassten Goldrahmen an der Wand des Zimmers hing.
„Wo ist ihr Vater, der sein Leben für mich gewagt hat?"
„Er musste zu Bett gehen, Herr, er fiebert; Vater war von dem Rudern so erhitzt — und dann plötzlich in das Gletscherwasser hinein — aber es wird wohl bald vorübergehen."
„Das schmerzt mich, dass ihr guter Vater meinetwegen erkrankt ist. Ich hoffe, meine Schuld bald in würdiger Weise abtragen zu können."
„Wir wollen keine Bezahlung, Herr, was mein Vater getan, hätte er auch dem Ärmsten getan — aus christlicher Nächstenliebe."
„Ein braver Mann! Aber die Erfüllung seiner Pflicht setzt die hochherzige Tat nicht im Geringsten herab. Sprach ihr Vater nicht von einem Wechsel, der morgen unbedingt gedeckt werden müsse?"
„Freilich, aber..."
„Kein aber, Pia, nennen Sie mir den Namen des Mannes in Zürich; diese Angelegenheit werde ich regeln".
Gegen Abend schied der Fremde, seinem Lebensretter dankbar die Hand drückend, von der Familie Mädli und dem stillen Dorf am Walensee; der Wechsel wurde am folgenden Tag nicht präsentiert; dagegen traf acht Tage später aus Wien folgendes Schreiben an Mädli in Mühlenhorn ein:
„Ihnen und den Ihrigen danke ich nochmals von ganzem Herzen! Die traurige Katastrophe vom 27. Juli hat mich seelisch geheilt; ich habe mich auf mich selbst besonnen und mit der Vergangenheit ohne Glauben und Halt gebrochen. Ich bin glücklich! Einliegend sende ich eine Summe Geldes; lassen Sie an der Felswand, nahe der Stelle am See, wo meine Rettung erfolgte, ein Marienbild anbringen".
Das ist die Geschichte des Marienbildes am See, wie die junge Frau sie mir erzählte. Ihre Eltern hatten vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet; Pia aber war die Frau eines braven Mannes geworden, der im Sommer eine gern besuchte Wirtschaft führt. An jedem Marienfest schmückt sie das Bild an der Felswand mit einem Blumenkranz und betet ein Ave Maria für ihren Wohltäter.
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München