Das Muttergottesbild von Lombardsijde
Von ehemaliges Mitglied Samstag 19.09.2020, 08:28
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Aus dem Kriegstagebuch eines deutschen Marineinfanterieoffiziers
Lombardsijde, urkundlich vor 1116 noch eine Meeresbucht mit Fischerhafen, heute verlandet inmitten einer fruchtbaren, wenn auch blutgetränkten Landschaft gelegen, nicht weit vom Yserfluß und dem Atlantischen Ozean bleibt in steter Erinnerung bei Millionen Soldaten der beteiligten Völker des Ersten Weltkrieges. Vier Jahre tobten um Lombardsijde zahllose Gefechte, die sich dann und wann zu blutigen, heißen Kampfhandlungen auswuchsen. Hier hat in dieser harten Zeit mancher tapfere Soldat sein Leben ausgehaucht und die überlebenden Mitkämpfer wissen von vielen unvergesslichen Schrecken zu erzählen. Ebenso lässt sich von diesem heiß umstrittenen Fleckchen Erde manches zu Herzen gehende Erlebnis berichten. Wohl kein Erlebnis ist so merkwürdig und beachtenswert wie das der Geschichte des Muttergottesbildes von Lombardsijde.
In raschem Siegeslauf hatten die deutschen Truppen den größten Teil Belgiens erobert. Überall wichen die Gegner mutlos zurück, nachdem Antwerpen, die von Fachleuten für uneinnehmbar gehaltene Festung, am 9. 10. 1914 unter Beteiligung von Landtruppen der deutschen Marine gefallen war. Doch bald trat den Deutschen ein unüberwindbares Hindernis entgegen. Am 25. 10. 1914 zerstörten die Alliierten die Schleusenanlagen. Das ganze Ysergebiet stand unter Wasser. Das Meer war ins Land getreten. Wo einst friedliche, fleißige Bauersleute die Äcker pflegten, frohes, seliges Familienglück heimisch war, gurgelte und spülte die kalte Meeresflut. Da und dort lugten stumme Zeugen einstiger Kultur: Schornsteine und Pappeln, aus dem Wasser hervor. Unwegsam war die Landschaft. Tapfer und mutig stellten sich nun die französischen Truppen zur Wehr. Die Kämpfe wurden erbittert und heftig.
Es war am 11. 11. 1914. Pechschwarze Wolken hingen am Himmel. In Störren regnete es und es schien als wären die Himmelsschleusen geöffnet, um auf der Erde alles Leben auszulöschen. Die Nacht war bereits angebrochen. An allen Ecken und Enden stand Lombardsijde in hellen Flammen. Ebenso war in der Ferne Lichterschein von Feuersbrünsten sichtbar. Ein grausiger, schauerlicher Anblick! Der Gegner warf einen furchtbaren Granathagel auf die in schlammigen, übereilt ausgeworfenen Schützengräben, kauernden Seesoldaten. Etliche Male suchte der Gegner im Schutze der Dunkelheit die Deutschen zurückzuwerfen. Zäh hielt die Marineinfanterie die heiß erkämpfte Stellung.
„Unbedingt muss die Linie Friedhof und Kirche gehalten werden! Koste es, was es wolle!". So lautete der Befehl des Bataillonskommandeurs. Die Truppe schlug sich tapfer und leistete erbitterten Widerstand. Der Kampf schien abzuflauen. Schüsse wurden beiderseits kaum gewechselt. Alarmbereit lag ein Teil der Soldaten in der leidlich erhaltenen Kirche. Eine Schar Soldaten lag auf den Knien und betete um eine glückliche Heimkehr. In wenigen Monaten hatte mancher brave Soldat in fremder Erde ein frühes Grab gefunden. Das unbarmherzige Kriegsgeschehen regte zum Nachdenken an. Selbst die frechen Glaubensspötter waren verstummt. Ja, sie beteten mit.
Eine kleine Beterschar hatte sich um ein unscheinbares, aber kunstvoll gearbeitetes Muttergottesbild geschart. Das äußere Aussehen verriet ein hohes Alter. Die Lombardsijder Ortschronik berichtet folgende Begebnisse von dem Bild der seligen Gottesmutter:
„Im frühen Mittelalter fanden es fromme Fischer am Gestade des Meeres. Ehrerbietig hoben sie es auf und brachten es barhäuptig in die Dorfkirche. Von Jahr zu Jahr gewann Lombardsijde einige Bedeutung. Es wurde zum Wallfahrtsort hart geprüfter Menschen im Lande des flandrischen Löwen. Waren die armen Fischer auf hoher See in Sturmesnot, dann gingen die Frauen und Kinder in die Kirche, um durch die Fürsprache der seligen Gottesmutter eine glückliche Heimkehr zu erflehen. In sonstigen Drangsalen fand manches Menschenkind hier Trost und Hilfe. "
Der Seesoldat Johannes Schmid, aus der Eifel gebürtig, betete laut vor:
„O heilige Muttergottes von Klausen, bitte für uns! Erflehe uns Kämpfern eine glückliche Heimkehr! Schütze alle unsere Lieben in der Heimat! Schone und schirme unser schönes Vaterland!"
Das innige und aufrichtige Gebet machte auf alle Kameraden einen tiefen Eindruck. Kurt Möller, seines Zeichens Student der Rechte, kauerte, an die Wand gelehnt, in tiefe Gedanken versunken. In seinem Innern entstand ein Kampf zweier Weltanschauungen. Er war Protestant, ein kluger und vornehmer Mensch. Eigentlich war er nicht religiös erzogen worden. Die Erlebnisse der letzten Monate bewegten ihn sehr. Es muß einen Gott geben und folglich auch ein Fortleben nach dem Tode! Das war jetzt sein fester Glaube. Vor wenigen Monaten hatte er noch auf der Universität begeistert die Vorlesungen glaubensloser Professoren über Haeckel oder andere Apostel des Unglaubens gehört. Alle diese Lehren waren auf einmal für ihn Trug- und Lügengebilde. Dazu machte der brave Schmid auf ihn einen herzgewinnenden Eindruck. Sein kameradschaftliches, immerzu hilfsbereites Wesen, seine Unerschrockenheit und die strikte Pflichterfüllung gefielen ihm.
Plötzlich blies der Hornist zum Angriff. Mutig stürmten die Soldaten aus der Kirche, dem Feinde entgegen. Eine tückische Kugel traf Möller am Oberarm — er wurde gänzlich kampfunfähig. Schnurstracks ging er in die Kirche zurück und ließ sich von einem Sanitäter verbinden. Inbrünstig betrachtete er das Muttergottesbild vor dem sich die in Alarmbereitschaft stehenden Kameraden für schwere Stunden Kraft und Trost geholt hatten. Eine innere, fromme Glut durchströmte ihn. Ermunternd und freundlich neigte die liebe Gottesmutter ihm ihr gekröntes Haupt zu. So empfand er es und begann, zum ersten Male in seinem Leben, zu beten. Sein Inneres wurde beruhigt und er empfand frohes, seliges Glück. Nie hatte er in seinem Leben ein solch herzbewegendes Glück erlebt und verspürt.
Die Verwundeten wurden nach Ostende in die Lazarette gebracht. Unter ihnen befand sich auch Kurt Möller. Um das Muttergottesbild vor der Zerstörung und dem Untergang zu retten, hatte er es sorgfältig und liebevoll in seinem mit Dachsfell bezogenen Tornister verstaut. In Ostende übergab er das lieb gewonnene Kleinod dem Feldgeistlichen, einem Pater, und bat diesen, ihn in der katholischen Religion zu unterweisen. Später sah ich das Lombardsijder Muttergottesbild wohlverwahrt in der Kathedrale der Bäder- und Fischerstadt Ostende. Mitte Oktober 1918 stand ich mit meinen Leuten abmarschbereit auf dem freien, von Soldaten wimmelnden Platz vor der Kathedrale. Aus diesem Menschenknäuel löste sich Kurt Möller, mein Kriegskamerad. „Wohin gehst Du?", fragte ich ihn. „Ich nehme Abschied", so antwortete er, „von der Muttergottes von Lombardsijde, die mir den wahren Herzensfrieden gegeben hat und durch deren mächtige Fürbitte ich so glücklich geworden bin!" — Stumm reichte er mir die Hand. Um uns dröhnte dumpf, ernst und schaurig der Donner der Kanonen, auf seinem Gesicht aber lag Friede.
Theodor Lonien