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Das sibirische Wunder

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 25.06.2020, 07:35


Im Jahre 1951 verhaftete man 10 ukrainische Nonnen, brachte sie ins Gefängnis, ließ sie Hunger und Durst leiden und bereitete ihnen körperliche und seelische Qualen. Die Peiniger erreichten ihr Ziel jedoch nicht. Die Ordensfrauen blieben ihrem katholischen Glauben und ihren Gelübden treu, und keine verriet den Namen der Oberin. Schließlich kam es zur Verhandlung vor Gericht. Das Urteil lautete auf 10 Jahre Zwangsarbeit östlich des Urals.

Die Gefangenen wurden in Viehwagen verladen. Im Wagen der Schwestern befand sich auch Theodor B., ein deutscher Kriegsgefangener, der ein Jahr später mit einer Gruppe von Landsleuten begnadigt wurde und nach Deutschland zurückkehrte. Ihm verdanken wir den folgenden Bericht:

Im Wagen wandte Theodor B. sich an seine Unglücksgefährtinnen und fragte: „Woher kommen Sie?" Da sie die abgetragene Uniform eines deutschen Kriegsgefangenen kannten, antwortete ihm eine der Schwestern in tadellosem Deutsch: „Wir sind ukrainische katholische Klosterfrauen." „Warum hat man Sie deportiert?" Weil wir unserem katholischen Glauben und unseren Gelübden treu bleiben wollten." „Gibt es viele ukrainische Katholiken?" „Sechs Millionen. Vierzig Millionen Ukrainer sind orthodox." Theodor B. bewunderte diese Ukrainerinnen. Stets waren sie sauber gekleidet und sorgfältig gekämmt. Schon um sechs Uhr morgens begannen sie den Tag mit Gebet und Betrachtung. Die Wageninsassen hörten ihren erbaulichen Gesprächen bewundernd zu. Am Abend sangen sie mit weicher melodischer Stimme das Stundengebet in slawischer Sprache.
Die Fahrt ging zunächst durch die fruchtbare ukrainische Landschaft, die der Mai mit seiner Blütenpracht überschüttet hatte. Tag und Nacht rollte der Zug ostwärts. Nach drei Wochen trafen die Gefangenen an ihrem Verbannungsort in Mittelsibirien ein. Es gab fünf Konzentrationslager in der Gegend mit Baracken, Stacheldraht und einer zahlreichen Wachmannschaft mit groben Gesichtern, rohen Gesichtszügen und harten Augen. Der Lagerkommandant, ein kämpferischer Atheist, war ein stumpfsinniger Mann. Bei jeder Gelegenheit ließ er und seine Soldaten ihrem Hass gegen die Schwestern freien Lauf. Er nannte sie nur „die tollwütigen Hündinnen des Vatikans".

Eines Tages trat er plötzlich in das Zimmer der Schwestern, riß das Christus- und das Muttergottesbild von der Wand, warf sie auf den Boden, zertrampelte sie mit den Stiefeln und brüllte: „Schluss mit dem Aberglauben, ihr Hündinnen!" Den ganzen Sommer und Herbst waren die armen Klosterfrauen dem Hass und der Wut des Kommandanten ohnmächtig ausgeliefert. Doch auf alle Schikanen, Misshandlungen und Verfolgungen hatten sie nur eine Antwort: Eine engelgleiche Geduld, eine unerschütterliche Ruhe und eine innere Freude, für Christus und seine Kirche leiden zu dürfen. Dabei wuchs ihr Ansehen im eigenen und in den benachbarten Lagern ständig. Selbst die orthodoxen und mohammedanischen Gefangenen nannten sie „Engel vom Himmel" und „heilige ukrainische Jungfrauen". Die Schwestern betreuten heimlich die Frauen und Mädchen im Lager und tauften Hunderte von Erwachsenen. Sie mussten alle erdenklichen Schliche anwenden, um die Aufmerksamkeit ihrer Wächter abzulenken. Einmal im Monat kam nachts ein ebenfalls deportierter ukrainischer Geistlicher und feierte die hl. Messe. Am Morgen verteilten dann die Schwestern die hl. Kommunion.

Dann kam der furchtbare sibirische Winter, der sieben Monate dauert, von Oktober bis April. Die Temperatur sank auf 50 und 60 Grad unter Null, Der Atem gefror zu Eis und nachts erschallte das Geheul der Wölfe.

Am Dreikönigstag ließ Napluef die Schwestern in sein Büro rufen und begann ohne Umschweife zu sprechen: „Der sowjetische Staat hat alle normalen Mittel erschöpft, um euch umzuschulen und zu guten Bürgerinnen der Sowjetunion zu erziehen. Alles vergeblich. Inzwischen habe ich nun persönliche Anweisung von der Zentrale in Moskau erhalten. Ihr seid fanatische Agentinnen des Vatikans und des ukrainischen Nationalismus, und ich habe Befehl, strengere Maßnahmen zu ergreifen, um euren sinnlosen Widerstand zu brechen. Man wird euch eine Woche lang getrennt in Einzelzellen sperren. Als Nahrung werdet ihr einmal am Tag ein Stück Brot und eine Tasse warmes Wasser erhalten. Sollten auch diese Maßnahmen ohne Wirkung bleiben, werdet ihr im Anblick des ganzen Lagers drei Stunden lang, nur mit dem Hemd bekleidet, der Kälte ausgesetzt. Dann wollen wir sehen, wer recht hat, euer Gott oder die sibirische Kälte und die Macht des Proletariats. Hier ist eine Erklärung. Ihr braucht sie nur zu unterschreiben, und ihr bleibt verschont."
Mit diesen Worten reichte Napluef seinem Sekretär ein mit Maschine geschriebenes Blatt, der es laut vorlas:
„ Wir, die unterzeichneten Nonnen der Kongregation..., erkennen unsere ideologischen Irrtümer an und verzichten daher freiwillig und ohne Zwang freudig und begeistert auf unser Gelübde und versprechen, dass wir von jetzt an keinerlei religiöse Tätigkeit und Propaganda unter den Gefangenen mehr ausüben werden.

Nach der Verlesung fragte der Kommandant die Schwestern: „Ich frage euch zum letzten Mal: Wollt ihr unterzeichnen oder nicht?"
Die Schwestern antworteten ruhig, aber entschlossen:
„Niemals, Kommandant! Unser Gewissen verbietet uns, zu unterschreiben."

„Charascho, gut, meine Kleinen. Dann wird man euch eben entsprechend behandeln. Karaul, Wärter! Führt diese papistischen Idioten sofort in die Einzelzellen!"
Es folgten nun sechs Tage unbeschreiblicher Martern. Die Schwestern wurden in ungeheizte Zellen gesperrt.
Am folgenden Sonntag ging Napluef um 8 Uhr morgens von Zelle zu Zelle und fragte, ob sie nun bereit wären zu unterschreiben. „Nein, niemals!", war die gleichlaufende Antwort jeder einzelnen.
„Charascho"!, zischte der Kommandant mit drohender Miene und befahl, dass sich alle Gefangenen um 10 Uhr zu versammeln hätten. Zur vorgeschriebenen Zeit standen 2000 Gefangene auf dem großen Platz des Lagers und bildeten ein riesiges Viereck. Die Maschinengewehre auf den vier Wachtürmen waren drohend auf sie gerichtet. Nicht weniger als zehn Kommandos der MWD-Kräfte waren außerhalb des Vierecks aufgestellt. Napluef und sein Stab traten vor das Verwaltungsgebäude. Alle waren in dicke Pelze gehüllt und trugen riesige Astrachanmützen. Jeder führte einen großen, auf Menschen abgerichteten Polizeihund an der Leine.
Mit barscher Stimme befahl der Kommandant: „Bringt die Gefangenen her!"

Nach wenigen Augenblicken sah die Masse der Gefangenen 10 abgemagerte Frauen in langem Hemd barfuß aus der Gefängniszelle herauskommen und sich in die Mitte des Vierecks begeben. Hunderte von Stimmen brüllten in ohnmächtiger Wut: „Ihr Henker! Wie könnt ihr die armen Frauen so behandeln? Fluch über euch, ihr Mörder!"
Sofort wurden die automatischen Waffen auf die Menge der Gefangenen gerichtet, und Napluef brüllte, außer sich vor Wut: „Ruhe! Ruhe! Ihr Hunde! Oder wir schießen!" Und die Schreie der Menge erstarrten unter der Drohung. Nun wandte der Kommandant sich an die Nonnen, die sich inzwischen in der Mitte des Platzes aufgestellt hatten: „Bürgerinnen, das ist meine letzte Warnung. Entweder ihr unterzeichnet dieses Dokument oder ihr werdet in einer viertel Stunde in Eisblöcke verwandelt sein."
Die Menge der Gefangenen wartete auf die Antwort der Schwestern: „Wir weigern uns, zu unterzeichnen. Unser Gewissen als Christinnen erlaubt es uns nicht." „Charascho. Wir werden sehen. Wir haben Zeit."
Napluef und seine Gefährten zündeten sich eine Zigarette an. Die Schwestern waren inzwischen auf dem gefrorenen Schnee niedergekniet und begannen mit lauter Stimme den Rosenkranz zu beten.
Eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vergingen träge. Noch immer knieten die Schwestern an der gleichen Stelle und fuhren fort zu beten.

Der Kommandant verlor zusehends die Nerven. Schließlich konnte er nicht mehr länger an sich halten und schrie: „Wenn ihr euch in fünf Minuten nicht bereit erklärt zu unterschreiben, lassen wir die Hunde auf euch los."

Kaum hatte er geendet, stimmten die Schwestern das Credo an. Da konnte sich Napluef nicht mehr beherrschen. Er und seine Leute ließen die Hunde los und hetzten sie auf die Frauen.
Starr vor Schrecken und Entsetzen stand die Menge der Gefangenen da. Wenn die Hunde nicht sofort zurückgerufen würden, würden sie den Schwestern an die Kehle springen und sie zerreißen!
Mit heiserem Gebell stürzten die Tiere in Richtung der Opfer los. Die Schwestern fuhren fort zu singen. Zwei Meter von ihnen, schon bereit zum letzten Sprung, hielten die Hunde jedoch plötzlich inne und legten sich in den Schnee nieder.
Da erhob sich ein ungeheurer Schrei der Erlösung aus den Kehlen der Gefangenen: „Gott sei gepriesen! Ein Wunder! Ein Wunder! Die heldenhaften Schwestern sollen leben! Tod den Henkern!" Und die Tausende der ukrainischen Deportierten stimmten das Te-Deum an.

Das Gesicht Napluefs lief zuerst rot an und wurde dann leichenblass. In ohnmächtiger Wut befahl er den Deportierten und den Schwestern, in ihre Baracken zurückzukehren.
Das war im Januar 1952. Von da an ließ Napluef die Schwestern in Ruhe. Ihr Ansehen bei den Deportierten aber war ins Ungeheure gestiegen. Im folgenden Jahr brachen die berühmt gewordenen Streiks in fast allen Lagern aus, die von ukrainischen Patrioten organisiert und ausgelöst worden waren. Und dann kam wie ein Blitz die Nachricht vom Tode Stalins. Bald danach sprach man vom „Tauwetter". Das Gerücht von einer teilweisen Auflösung der Lager verbreitete sich unter den Gefangenen und ließ Hoffnung in ihnen aufkommen. Und wenn auch nicht alle frei wurden, so konnten doch viele von ihnen in den Jahren 1953/54 in ihre Heimat zurückkehren.

Aus „Ecclesia", Paris


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