Der große Strickkreis
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Feierabend-Mitglied
Samstag 15.08.2026, 15:37
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Es war einmal ein kleines, ordentliches Dorf, in dem die Einwohner sehr stolz auf ihre Socken waren. Die ältesten Dorfbewohner hatten vor langer Zeit einen Verein gegründet: „Die Bruderschaft der Rechten Masche“. Sie behaupteten, der Ur-Schöpfer des Universums habe ihnen persönlich das einzig wahre Strickmuster offenbart.
Die Bruderschaft machte daraus eine riesige Wissenschaft. Sie legten millimetergenau fest, wie lang die Nadeln sein mussten, in welchem Winkel man den Daumen hielt und dass man beim Stricken nur leise summen durfte. Wer eine linke Masche strickte oder gar bunte Wolle benutzte, wurde schief angeguckt und vom Dorffest ausgeschlossen. „Der Ur-Schöpfer liebt nur die graue, rechte Masche“, predigte der Vereinsvorsitzende jeden Sonntag von einer Holzbank herab. „Wer anders strickt, den versteht er nicht, und der kommt nicht in den großen Wolken-Strickkreis im Jenseits.“
Im selben Dorf wohnte Benno. Benno strickte überhaupt nicht. Er saß lieber am Bach und schaute den Libellen zu.
Eines Tages kam der Vereinsvorsitzende an Bennos Wiese vorbei, fuchtelte mit seinen Holznadeln und sagte: „Benno, du bist verloren. Du summst nicht, du strickst nicht rechts, der Schöpfer wird niemals zu dir sprechen.“
Benno kaute auf einem Grashalm und sah den Mann an. „Sag mal“, meinte Benno, „dieser Schöpfer hat doch angeblich die ganze Welt gemacht, oder? Die Berge, die Blitze, das Universum?“
„Ja, natürlich!“, sagte der Vorsitzende stolz.
„Gut“, erwiderte Benno. „Wenn so ein mächtiges Wesen, das Galaxien baut, mir wirklich etwas Wichtiges mitteilen will – glaubst du nicht, der kriegt das hin? Wenn der will, dass ich ihn verstehe, dann lässt der mir überhaupt keine Chance, ihn misszuverstehen. Da brauche ich doch kein Handbuch für Nadelstärken von euch. Der würde einfach dafür sorgen, dass es in meinem Kopf Klick macht. Ohne Übersetzer.“
Als der Vereinsvorsitzende mit hängenden Schultern ins Dorf zurückkehrte und Bennos Worte am Stammtisch wiedergab, breitete sich große Ratlosigkeit aus. Die Logik war wie ein kleiner, spitzer Kieselstein im Getriebe einer riesigen, hölzernen Maschine.
Die Bruderschaft der Rechten Masche trommelte noch am selben Abend eine Krisensitzung zusammen. Man saß im Dorfkrug vor Bergen von grauer Wolle, doch niemand strickte.
„Wenn Benno recht hat“, flüsterte der Jüngste in der Runde, „dann bedeutet das, dass der Ur-Schöpfer gar kein Strickzeug braucht, um mit uns zu reden. Und wenn er reden will, tut er es einfach so, dass man es sofort kapiert.“
Ein Raunen ging durch den Raum. Das war das Gefährliche an Bennos Logik: Sie war viel zu einfach. Sie sparte den kompletten bürokratischen Aufwand ein. Wenn der Allmächtige allmächtig war, brauchte er keine Dolmetscher, keine Socken-Prüfer und vor allem keine Vereinsbeiträge.
Der Vorsitzende räusperte sich streng. „Wir dürfen uns von diesem Grashalmkauer nicht verunsichern lassen! Wo kämen wir denn da hin? Wenn jeder darauf wartet, dass der Schöpfer direkt im Kopf 'Klick' macht, dann macht hier bald jeder, was er will. Dann strickt der eine rot, der andere grün, und am Ende schaut sich keiner mehr unsere komplizierten Muster-Diagramme an!“
Also beschloss das Dorf eine Gegenstrategie. Sie gingen nicht zu Benno, um mit ihm zu diskutieren – denn gegen seine Logik kamen sie nicht an. Stattdessen bauten sie ihre eigenen Rituale einfach noch weiter aus. Sie erfanden neue, noch kompliziertere Zwischenschritte. Ab sofort musste man vor jeder rechten Masche dreimal hüpfen und ein lateinisches Schaf-Lexikon rückwärts aufsagen.
Sie machten die Regeln so absichtlich kompliziert, dass die Dorfbewohner vor lauter Auswendiglernen gar keine Zeit mehr hatten, über Bennos simplen Satz nachzudenken. Wenn jemand fragte, warum das alles nötig sei, hieß es nur: „Weil es schwer sein muss! Wenn es so einfach wäre wie Benno sagt, bräuchte man uns ja nicht.“
Das System hatte allerdings einen Haken: Vor lauter Hüpfen, Deklinieren und Einhalten der komplizierten Vorschriften kam im ganzen Dorf kein einziges Paar Socken mehr rechtzeitig fertig. Der Winter brach ein, ein eisiger Wind fegte durch die Gassen, und die Dorfbewohner zitterten erbärmlich in ihren dünnen Holzschuhen.
An einem besonders frostigen Nachmittag saßen die Ältesten der Bruderschaft blau angelaufen um ein großes, prasselndes Lagerfeuer auf dem Marktplatz. Sie versuchten krampfhaft, die Nadeln im richtigen Winkel zu halten, doch ihre Finger waren so steif gefroren, dass ihnen ständig die Wolle in den Schmutz fiel.
Benno schlenderte vorbei, die Hände warm in den Taschen vergraben. Er blieb stehen, schaute sich das zitternde, murmelnde Häufchen Elend an, trat nah an das Feuer und wärmte sich die Hände.
Der Vereinsvorsitzende blickte wütend auf. „Spone uns ja keine deiner Weisheiten auf, Benno! Wir tun das hier für den Schöpfer!“
Benno zuckte die Achseln, schaute auf die tanzenden Flammen und sagte trocken:
„Wisst ihr, das Feuer hier ist wie die Wahrheit. Wenn es da ist, wärmt es jeden, der sich dazustellt. Ganz ohne göttliche Strickanleitung. Ihr könnt natürlich weiter frierend im Kreis hüpfen und auf die perfekte Socke warten – oder ihr lasst die Nadeln einfach fallen und setzt euch ans Feuer.“
Damit drehte er sich um und ging nach Hause. Die Bruderschaft schwieg. Nach und nach hörte man im ganzen Dorf das leise Klappern von Holznadeln, die im hohen Bogen ins Feuer geworfen wurden.