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Der Rosenkranz des Abbe Pierre

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 09.07.2020, 06:25


Obwohl es um diese sehr frühe Morgenstunde noch verhältnismäßig still war in den breiten Straßen und Boulevards von Paris, drängte sich doch im Handumdrehen eine ansehnliche Menschenmenge am Pont de Bercy, wo der lange Polizist gerade das klatschnasse kleine Mädchen auf die Arme hob und zu trösten begann. "Ruhig, ruhig - Marietta", sie war ja nun gerettet. Die Seine hatte ihr Opfer nicht behalten.
Wo war sie denn zuhause? Wie hieß sie? Das Kind schluchzte nur. Der Polizist wandte sich an den Nächststehenden.
„Kennt jemand die Kleine? Wie konnte sie jetzt im Morgengrauen schon allein auf der Brücke spielen? Hallo- Monsieur, kannten Sie - aber wo ist er denn?"
Die Leute wichen zurück - in der Freude um das gerettete Kind hatte man den Helfer vergessen, der ihm nach gesprungen war in das herbstkalte Wasser. Nicht einmal die Personalien hatte der Polizist aufnehmen können; begreiflicherweise gilt die erste Sorge dem verunglückten Kind. Nach und nach bekamen sie es aus dem verstörten Mädchen heraus, ein Arbeiterkind, das irgendwo zwischen den Lagerschuppen am Pont de Bercy wohnte und vermutlich den Vater von der Nachtschicht abholen wollte.

Aber wo war sein Retter? Hatte er nicht eine Belohnung verdient? Sah ja selbst armselig genug aus, der Mann. War ihm denn niemand gefolgt? Eine Frau deutete zurück in den schwachen Morgennebel: „O doch — der Pater drüben nahm seine Spur auf, der mit der Lederjacke und dem dunklen Bart, der die ganze Zeit drüben gestanden hat." Der Polizist lachte: „Der? Das war Abbe Pierre, na, dann können wir getrost sein, der stöbert alle auf, die er finden will. Komm, ma petite!"
Er schickte sich an, das Kind heim zutragen. Die Menschen zerstreuten sich. Nur eine Dame lief eilig dem Pater nach, eine Dame, die es wohl kaum nötig hatte so weit zu Fuß zu gehen, aber sie erreichte ihn noch, wie er sich in einem grauen Viertel verlieren wollte. „Bitte, Abbe — ich wollte ihnen schon immer einmal begegnen, aber zum Unglück habe ich jetzt nichts Kostbareres bei mir — als dies — bitte nehmen Sie es an — für die Armen!"
Sie drückte ihm etwas in die Hand, kühl und blinkend, und ehe Abbe Pierre danken konnte, hatte sie ihm den Rücken gewandt, fast beschämt über die Herzenswallung. Gelassen steckte der Pater das Geschenk unbesehen ein, jetzt war keine Zeit, es zu betrachten, er musste den Unbekannten wieder finden, der das Kind gerettet hatte. Irgendwo war er ihm schon einmal in den Weg getreten — aber wo? Einer der Clochards, dessen war er gewiss. Solche Gesichter vergaß er nicht.
Er stutzte — richtig, unter dem nächsten Brückenbogen hauste er. Da kauerte der Mann und versuchte, aus altem Papier und Holz einen kleinen Scheiterhaufen zu bauen, um sich daran die nassen Kleider trocknen zu können; jetzt zündete das Streichholz und beleuchtete sein hageres, bärtiges Hungergesicht. Hoch schoss die Flamme — er erschrak und wandte sich um. Da war er wieder — der Armeleutepriester, dieser Pater Abbe Pierre, dessen „trauriger Ruhm" darin bestand, den menschlichen Abfall unter den Brücken zu sammeln und ihm mit dem „Abfall" den die reiche Kaste großmütig verschleuderte, wieder aufzuhelfen zu menschenwürdigem Dasein. Aber er verachtete ihn und dies ganze Werk des Mitleids — er haßte Mitleid, er haßte Barmherzigkeit, die es sich leicht sein läßt, so einem Priester einen Brocken zuzuwerfen — für die Clochards. „Machen Sie, dass Sie weiterkommen, Abbe, ich brauche Sie nicht", knurrte er wütend.
Abbe Pierre sah ihn mit seinem unergründlichen Lächeln an. „Stimmt, mon ami, aber Gott braucht Sie.- Der Clochard biss die Zähne zusammen. „Ich will nichts von ihm wissen!" Er drehte dem Bettlerpater den Rücken. Ihn würde er nicht einfangen. Er wollte arm bleiben und niemand danken, am wenigsten dem reichen Pack, das sich mit Abbe Pierres Erbarmen nachher brüstete. „Sie haben eben ein Kind gerettet, unter Einsatz ihres Lebens, mon ami", fuhr der hartnäckige Abbe fort, „niemand hat Ihnen gedankt, aber Gott sah das." Der andere kümmerte sich um das Feuer. „Brauche keinen Dank, weder von Gott, noch von Menschen." Abbe Pierre sah ihn an. „Würden Sie wohl auch ein zweites Mal jemanden das Leben retten?", fragte er unvermittelt; er sah, wie der Arme in seinen Lumpen vor Kälte schauerte. Aber jetzt nickte er fast hochmütig. „Selbstverständlich, weiß bloß nicht, was Sie das angeht." Abbe Pierre trat näher.
„Sehr viel. So viele Menschen sind in akuter Lebensgefahr, würden Sie mir helfen, sie zu retten? Hiermit?" Er griff in die Kutte und zog etwas hervor, kühl blinkend. „Es wurde mir eben von einer Dame geschenkt, der lebensrettende Rosenkranz. Sie hatte gerade nichts anderes, sie wusste wohl nicht, wie kostbar ihr Geschenk ist. Nehmen Sie und beten Sie für meine Armen. Adieu, mon ami —"
Ein glitzernder Rosenkranz fiel vor die Füße des Clochard, er griff danach, ehe ihn die Flammen des Holzstoßes erfassten. Hallo — Abbe — das, das war ja kein gewöhnliche Rosenkranz, lieber Himmel — das war echtes Silber — das Kreuz und die großen Perlen aus Gold. Auch Abbe Pierre hatte sicher nicht gewusst, was er verschenkte. Und jetzt — der Clochard kniete neben dem Feuer unterm Brückenbogen nieder — hob den Rosenkranz dicht unter die Augen und — dann schlug er die Hände vor das Gesicht.
Eine Stunde später hatte er Abbe Pierre eingeholt; er weilte in der neuen Siedlung für die Armen, die aus lauter Spenden entstanden war. Sofort erkannte er den Verlorenen vom Brückenbogen der Seine wieder, noch war dessen Kleidung klamm. „Ja, mon ami, was ist?" Und dann erzählte ihm der Mann mit dem graubärtigen Gesicht seine erschütternde Lebens-Beichte.

„Mon Pere — Sie hatten recht — Gott braucht mich, Gott wollte danken. Dieser Rosenkranz, den Sie mir gaben — er — er ist immer mein gewesen, er ist — der Rosenkranz meiner verstorbenen Mutter. 0 Abbe — ich bin ein verlorener Sohn — meine reiche, vornehme Familie enterbte mich wegen einer schweren Schuld — Mutter konnte nichts tun, sie schenkte mir nur ihren kostbaren, echt silbernen Rosenkranz mit dem goldenen Kreuz. Als mir das Wasser bis zum Halse stand — versetzte ich ihn bei einem Juwelier, ich bekam soviel dafür, dass ich einen Monat lang nicht zu hungern brauchte, dann vergaß ich das Erbstück meiner Mutter vollends, ich betete nie mehr. Ich verbannte Gott aus meinem Leben — ich versackte ganz und gar. Sie wissen ja, was aus mir wurde — auf der Leiter des Elends immer tiefer hinab — bis unter die Brücken von Paris."
Abbe Pierre lächelte nur. „Und nun, mon ami, werden Sie diesen Rosenkranz wohl ein zweites Mal — versetzen? Der Clochard krampfte seine Hand zusammen. „Nie — mon Pere — nur, was kann ich mit ihm tun, andere zu retten. Was meinen Sie?" Und der Mann mit dem heilandsgütigen Lächeln nahm ihn bei der Hand. „Ich werde Sie beten lehren — beten zuerst, und dann bauen — für die andern. Helfen Sie mir?"
Und sie gingen miteinander die Siedlung entlang — niemand sah die silberne Kette, die sie verband, Gott sah sie und das genügte.

C. M. Lakotta

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