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Der Rosenkranz des Jagdfliegers

Von ehemaliges Mitglied 04.10.2020, 09:56


Es war 1944 in einem Großstadt-Lazarett. Als Frau eines Wehrmachtsbeamten war ich dienstverpflichtet und in der Eigenschaft einer Lazaretthelferin einem Stabsarzt der Neurologie als Schreibkraft zugeteilt. Ihm unterstand die so genannte „Geschlossene Abteilung", in die Epileptiker, Neurotiker und psychiatrische Grenzfälle eingewiesen wurden. Meine Aufgabe bestand u. a. darin, von jedem neu aufgenommenen Patienten die Vorgeschichte seiner Erkrankung aufzuschreiben. Da geschah es eines Tages, dass mein Chef an Diphtherie erkrankte und in ein Infektionsspital gebracht werden musste. Stabsarzt Dr. A. von der „Offenen Abteilung übernahm daher vorübergehend auch unsere Patienten.

Eines Morgens kam Stabsarzt Dr. A. zu mir, um mir einen Brief aus einem Erholungslazarett vorzulesen, der uns die Überweisung eines gewissen Oberfeldwebels B. mit der Diagnose „Nikotin-Missbrauch" ankündigte. Zugleich wurde darin mit geteilt, dass der besagte Patient sich dort an einem Mädchen vergangen habe und man ihn wegen seines unbeherrschten Wesens in besonderen Gewahrsam nehmen möge. Es war vielleicht eine Woche später, ich hatte an die Sache gar nicht mehr gedacht, die ich viel leichter aufgefasst hatte als Dr. A., der viele Jahre Primar an einer Nervenheilanstalt gewesen war. Als ich durch den Tagraum der geschlossenen Abteilung ging, gewahrte ich einen sonnengebräunten, großen und kräftigen jungen Mann. Sofort war mir klar, dass dies niemand anders sein könnte als der angekündigte Kranke.
Nachdem ich eine Reihe von Patienten nacheinander abgefertigt hatte, rief ich schließlich auch ihn ins Zimmer. Er machte keineswegs den Eindruck eines Kranken. Sein Gang und seine Haltung verrieten Selbstbewusstsein, sein Benehmen gute Kinderstube und Bildung.
Nachdem er neben meiner Schreibmaschine Platz genommen hatte, richtete ich einige formale Fragen an ihn, die er prompt beantwortete. Mit einemmal erkannte ich, dass dieser Mann am Ende seiner seelischen Kräfte war. B. war Flieger, und zwar Flieger „aus Leidenschaft". Im Kriegseinsatz hatte er sich immer furchtlos an die feindlichen Flugzeuge herangemacht, und es verging auch kein solcher Tag, an dem ihm nicht ein Abschuss glückte. Dafür bekam er dann jedes Mal 300 Zigaretten und ich weiß nicht wie viele Flaschen Likör zur Belohnung. Die Zeitungen seiner Heimatstadt hatten in großen Schlagzeilen seine Erfolge berichtet. Als einmal sein Bild auf der Titelseite erschien, suchten die Partisanen seine Mutter auf, hielten ihr die Zeitung unter die Nase und schlugen ihr den Kopf ab. Auch seine Schwester, sein Schwager und die Kinder seiner Schwester wurden hingemordet. Die eine seiner beiden Schwestern war am Leben geblieben, doch hatten auch ihr die Partisanen einen Arm abgehackt. Auch das Haus wurde weggenommen, so dass er nun überhaupt keine Heimat mehr hatte. Dies alles aus Hass, weil er der deutschen Wehrmacht beigetreten war. Langsam und stockend war der Bericht von seinen Lippen gekommen. Das Ungeheuerliche, das er in einer soeben erst vergangenen ganz kurzen Zeitspanne erlebt hatte, spiegelte sich im Gesicht des Patienten wieder.

Mit einem schweren Nervenzusammenbruch war er im Zustand der Bewusstlosigkeit in das Erholungslazarett eingeliefert worden. Dass er sich dort an einem Mädchen vergangen habe, bestritt er energisch. Es sei vollkommen einverstanden gewesen. Nun habe man ihn in das hiesige Nervenlazarett eingewiesen, doch fühle er sich bereits wieder ganz gesund und wolle so rasch wie möglich aus diesem „Irrenhaus" wieder herauskommen. Er schäme sich, mit Menschen beisammensitzen und spazieren geführt werden zu müssen, die keinen Lebenswillen haben und sich nur stur ihrem Zustand hingeben. Er fühle genügend Kräfte in sich, um wieder an die Front zu gehen. Ich möge ihn doch verstehen und etwas für ihn tun.

Der Bericht war erschütternd. Ein Mann mit 26 Jahren, seelisch vollkommen ausgebrannt und nichts sein eigen nennend als irgendwo im Partisanenland eine Schwester, „seinetwegen" verkrüppelt — als letztes Kleinod seiner geliebten Familie. Selten ist mir eine Lebensgeschichte so nahe gegangen wie diese. Ich musste mich ordentlich zusammenreißen, um mir meine Empfindung nicht anmerken zu lassen.
Sobald sich die Möglichkeit dazu ergab, suchte ich also den Stabsarzt auf. Ich wiederholte den Bericht des Oberfeldwebels und bat für ihn um Versetzung auf die „Offene Abteilung.
„Ich kann ihr Mitleid ganz gut verstehen", wendete dieser ein, „aber da kann ich wirklich nicht helfen. Lang und breit erzählte er mir nun Geschichten aus seiner ereignisreichen Praxis und gab seiner Befürchtung Ausdruck, dass der Patient Selbstmord begehen oder davonlaufen könnte, was ihn, den Arzt, vor das Kriegsgericht brächte.
Ich hörte nur mit halbem Ohr zu und verließ schließlich enttäuscht das Zimmer. Mit gesenktem Blick ging ich durch den Tagraum in mein Zimmer, weil ich dachte, B. müsse es mir anmerken, daß ich nichts erreicht habe. — Ja, wenn mein richtiger Chef, Stabsarzt Dr. R., da gewesen wäre! Er hätte mir meine Bitte nicht abgeschlagen.

Ich ließ eine Zeit verstreichen. Eines Tages nahm ich mir ein Herz und trat wieder bei Stabsarzt A. ein. Seine Laune war zufriedenstellend, also konnte ich es wagen. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr Stabsarzt", sagte ich. „Schwester E. und ich machen mit dem Patienten B. einen Spaziergang durch die Stadt und bringen ihn dann wieder heim. Führt er sich ordentlich auf, dann könnten Sie ihn doch bedenkenlos auf Ihre Abteilung nehmen!

„Meinen Sie?, war die lachende Antwort. „Na, meinetwegen, machen wir diesen Versuch! Aber dass Sie ihm ja einschärfen, worum es geht! Berichten Sie mir nachher, wie er sich aufgeführt hat. Am Abend berichtete ich dem Stabsarzt, dass der Patient sich einwandfrei aufgeführt habe, worauf er mir versprach, ihn nun doch auf seine Abteilung zu nehmen. Nachdem etwa zwei Wochen verstrichen waren, kam eines Tages Oberfeldarzt Dr. U. zu uns, um die Abteilungen zu inspizieren und festzustellen, wer von den Patienten entlassungsfähig sei. Bei dieser Gelegenheit wurde auch Oberfeldwebel B. als „k. v." bezeichnet. Er selbst hat es mir nicht gesagt. Zufällig kam ich bei Schwester E. vorbei, die mir ganz aufgeregt mitteilte, dass B. bis 18 Uhr Ausgang habe und noch nicht zurück sei, obwohl es schon auf 19 Uhr zuginge. Auch sie wusste bereits, dass er morgen an die Front gehen solle. Betroffen sah ich sie an: „Er wird sich doch nichts antun?" Sie hegte die gleiche Befürchtung. Wir wussten beide, wie wohl er sich im Lazarett gefühlt hatte, seit er frei herumgehen durfte und konnten uns vorstellen, dass der Entscheid des Oberfeldarztes wie eine Bombe auf ihn gewirkt haben musste. Immer wieder sah Schwester E. zum Fenster hinaus. Plötzlich rief sie: „Er kommt! Er kommt?"

Schwerfällig und ohne Gruß trat B. ein. Er musste von Schwester E. seinen Schlüssel verlangen. Stattdessen ließ er sich müde auf eine Bank fallen, die nahe dem Fenster stand. Sein Gesicht hatte den Eindruck völliger Trostlosigkeit.
„Ja, was ist denn los mit ihnen?", fragte ich teilnahmsvoll. Ach, mir ist alles egal", gab er zur Antwort. Plötzlich griff er nach seinem EK 1, riss es von der Brust und warf es zum Fenster hinaus.
„Sagen Sie, was soll denn das heißen", fuhr ich ihn an. „Sind Sie denn verrückt geworden?”
Er schwieg. Ein unaussprechliches Weh drückte ihn nieder. Hier konnte ich nicht helfen. Ich gab Schwester E. still die Hand und ging auf mein Zimmer, um mich für den Heimweg fertig zu machen. Da klopfte es an meiner Tür. Eine sonderbare Angst stieg in mir auf. Ich öffnete zaghaft: Tatsächlich stand B. vor mir und bat, eintreten zu dürfen.
„Verzeihen Sie, bitte, die Störung, ich möchte mich nur verabschieden. Eine unbeschreibliche Traurigkeit lag auf seinen Zügen als er langsam und stockend sagte: „Sie werden ja wissen, dass ich fort muss. Ihnen ist das wohl gleichgültig, aber Sie müssen mich verstehen: Ich habe hier endlich eine neue Heimat gefunden; die Menschen waren gut zu mir, ich habe mich hier wohl gefühlt. — Jetzt ist alles aus! — Natürlich, es konnte ja nicht immer so bleiben. Ich weiß auch, was ich Ihnen zu danken habe. Er ergriff meine Hand und drückte einen Kuss darauf. „Sie sind eine Frau, wie ich noch keine gefunden habe und auch keine finden werde... Ich weiß, Sie sind verheiratet... Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Mann aus dem Krieg gesund zurückkehrt. Und ich gehe wieder an die Front und werde fliegen. Mit dem ersten Flugzeug aber, mit dem ich aufsteige, werde ich in den Tod gehen." Entsetzt starrte ich ihn an. „Was sagen Sie da? Ich begreife Sie nicht!

"Verhaltenen Tones fuhr er fort: „Ich wollte schon ehe ich ins Erholungslazarett kam, meinem Leben ein Ende machen. Ich habe meine Maschine angezündet, aber es hat nicht sein sollen. Ich wurde lebend aus dem Flugzeug gebracht. Diesmal aber wird es klappen."
„Um Gottes Willen!", rief ich erschrocken. „Wissen Sie denn nicht, dass ein Selbstmord Sie für ewig unglücklich machen würde? Seien Sie doch vernünftig, bedenken Sie doch, was das heißt! Ich habe Ihnen zur Freiheit verholfen und soll damit nun schuld sein an Ihrem Tod? Wollen Sie mir das wirklich antun? Ich könnte ja nicht mehr froh werden."

„Ich kann nicht anders", war die verzweifelte Antwort. Er drückte noch einmal einen Kuss auf meine Hand und verließ das Zimmer.
So, das hatte ich also von meiner Hilfsbereitschaft! In höchster Erregung verließ ich meine Arbeitsstätte. Als ich daheim ankam, richtete ich ein Päckchen zurecht mit verschiedenen Kleinigkeiten, wie sie Soldaten brauchen konnten.
Wir Frauen hatten damals einige Übung in solchen Dingen. Dazu schrieb ich einen Brief, den B. erst beim Eintreffen an der Front öffnen sollte. Darin bat ich ihn flehentlich, wenigstens meinetwillen von seinem Vorhaben abzusehen, weil mich das zeitlebens schwer belasten würde. Ich stellte ihm vor Augen, dass der Herr ihm dieses Leben geschenkt und dass er es nicht unbestraft wegwerfen dürfe. Mit einem Wort, ich bot all meine Überzeugungskraft auf, um ihn von diesem Schritt zurückzuhalten. Dann kniete ich vor dem Kreuz nieder und beschwor den Herrn und seine gütige Mutter unter Tränen, diesem armen Menschen beizustehen und ihn vor dem ewigen Tod zu bewahren. Ich glaube, es war Mitternacht, als ich mich endlich zu Bett legte.

Am nächsten Morgen geschah etwas Überraschendes: Ich war müde und übernächtig ins Lazarett gekommen und suchte B. kurz auf, um ihm das Päckchen und den Brief zu übergeben. Gleich darauf ging ich in mein Arbeitszimmer und blieb in freudigem Schreck an der Türe stehen. War denn ein Wunder geschehen? Mein Chef, Stabsarzt Dr. R., stand vor mir, er trat heute seinen Dienst wieder an. „Gott sei Dank, Herr Stabsarzt, dass Sie da sind", jubelte ich.
Verwundert drückte er mir die Hand. „Ja, was ist denn los? Sie sehen ja ganz schlecht aus!"
Nun erzählte ich ihm unter Tränen alles, was vorgefallen war. „Da muss etwas geschehen, B. darf heute nicht fort", erwiderte er. „Ich werde sofort mit Oberfeldarzt Dr. U. und mit dem Stabsarzt A. sprechen. Sie tun mir leid, dass Sie soviel mitgemacht haben." Ja, das war Stabsarzt Dr. R. mit seinem goldenen Herzen! Nicht umsonst haben ihn die Kranken alle so sehr geschätzt und verehrt.
Es dauerte ziemlich lange, bis er wieder zurückkam. Sein freudiges Gesicht verriet mir, dass er Glück gehabt hatte.„Es ist alles in Ordnung", sagte er. Ich habe mit den Herren gesprochen, B. bleibt einstweilen bei uns, bis er richtig erholt ist, und zwar wird ihn Prof. E. auf seine Abteilung nehmen, damit er nicht ständig in ihrer Nähe ist. Nehmen Sie sich aber schon noch ein wenig um ihn an, er wird Sie brauchen!" Dankbar sah ich den Stabsarzt an.

Eines nur bedrückte mich: Ich sollte mich auch weiterhin um diesen Oberfeldwebel annehmen. Wie konnte dies aber geschehen, ohne dass mein Ansehen darunter litt? Ich sprach auch darüber mit meinem Chef. Dabei kam mir ein glänzender Einfall: Ich hatte eine Freundin, ein grundkatholisches Mädel, die Direktorin einer Haushaltungsschule war und die mich niemals im Stich ließ, wenn ich ihrer bedurfte. Mit ihr wollte ich mich beraten.

Die Sache klappte. In einem zur Schule gehörigen Küchenbetrieb wurden laufend Kochkurse für jugendliche Schülerinnen abgehalten, die dort die auserlesene Gerichte herstellen und nachher verspeisen durften. Meine Freundin war damit einverstanden, dass B. öfter zum Mittagessen hinkommen sollte.
Das war nun eine Umgebung, in der B. sich wohl fühlte. Er lachte und scherzte mit den Mädchen, und sein Gemütszustand heiterte sich immer mehr auf, so dass er bald nicht wieder zuerkennen war. Alle gewannen ihn lieb, sogar mein Chef sagte mir, er plaudere gern mit ihm, er sei wirklich ein netter Kerl.

Einmal trafen wir uns bei mir daheim: Meine Freundin, eine Bekannte von ihr und B. Unsere Wohnung lag am Rand der Stadt, nicht weit vom Lazarett entfernt. Wir hatten eine hübsche Terrasse und einen kleinen Garten, wo man sich recht behaglich fühlen konnte. B. schien auch ganz sorglos und heiter. Nach der gemeinsamen Jause nahm er die Gitarre zur Hand und sang ein paar Lieder aus seiner Heimat. Wenn wir den Text auch nicht verstehen konnten, so freuten wir uns doch an seinem aufgelockerten Wesen.

B. war wieder für ein paar Stunden froh, wenngleich zuweilen ein dunkler Schatten seine Züge verdüsterte. Die beiden Mädel, denen es nicht entging, verstanden es aber gut, ihn immer wieder aufzuheitern und freuten sich sichtlich über ihre Erfolge.
So kam der Abend heran und mit ihm der Abschied. Wir halfen alle zusammen, die Stühle wieder in Ordnung zu bringen, dann verließen wir gemeinsam die Wohnung. Bei der Straßenbahnhaltestelle trennten wir uns voneinander. Die Mädel fuhren in die Stadt, B. wollte sich, ehe er ins Lazarett zurückging, noch im daneben liegenden Gasthaus ein Glas Bier kaufen. Ich verabschiedete mich und ging nach Hause, innerlich zufrieden für den harmonisch verlaufenen Nachmittag.
Mein Weg führte durch eine Allee den Berg hinan. Obwohl es vielleicht erst 19 Uhr war, begegnete ich kaum einem Menschen. Ich war schon bald bei unserer Wohnung angelangt, da hörte ich Schritte hinter mir. Eine böse Ahnung überfiel mich: B. wird es doch nicht gewagt haben, mir nachzukommen?
Leider war meine Ahnung echt. „Was machen Sie denn noch hier?", fuhr ich ihn etwas unfreundlich an. „Ach, verzeihen Sie! Ich habe noch soviel Zeit... dürfte ich nicht ein bisschen bei Ihnen bleiben?" — „Kommt überhaupt nicht in Frage!", herrschte ich ihn an. „Sie wissen genau, wie ich darüber denke." Er hatte mich nämlich schon beim Wegräumen der Stühle heimlich gefragt, ob er noch dableiben dürfe, was ich energisch verneinte. Er gab aber nicht auf. Ich möge doch nicht so hart sein und ihn doch die kurze Zeit bei ihm verbringen lassen. Da riss meine Geduld. „Kommen Sie mit mir", sagte ich, „ich begleite Sie zurück ins Lazarett! Damit hoffte ich, mich von ihm freimachen zu können.

Eine Weile ging er schweigend neben mir her. Dann blieb er plötzlich stehen und beteuerte mir, daß er ohne mich nicht mehr leben könne. Mir wurde unheimlich zumute. Ich ging weiter und er folgte mir. Ich erklärte ihm, daß ich in einer sehr glücklichen Ehe lebe und außer meinem eigenen Mann keiner für mich existiere. Er solle sich ein junges Mädchen suchen, er werde auch mal sein Glück finden. Meine Worte schienen jedoch seine Leidenschaft noch mehr anzufachen. „Nein!", gab er zur Antwort. „Eine Frau wie Sie, finde ich nicht mehr. Sie sind mir gerade recht." Dabei riss er mich an sich und wollte mich küssen. Obwohl er dreimal so stark war wie ich, gab mir der Herrgott die Kraft, mich loszumachen. In diesem Augenblick griff er mit der rechten Hand nach seiner Hintertasche. — Seit er auf der Abteilung des Professors E. war, war es ihm nämlich nicht verboten, eine Waffe zu tragen. Ich erschrak zutiefst. Fortlaufen war zwecklos, ich musste einfach mit ihm fertig werden.
„Sind Sie wahnsinnig?”, schrie ich ihn an. „Werden Sie sofort die Hand da loslassen!" Ich weiß nicht mehr, was ich ihm in höchster Erregung alles zugeschrien habe. Ich wusste ja mein Leben bedroht. Aber der Himmel stand mir bei. Er ließ die Hand von der Tasche sinken und begann plötzlich am ganzen Körper zu zittern.
„Lassen Sie mich jetzt allein!", bat er.
„O, nein", entgegnete ich, jetzt lasse ich Sie nicht allein! Kommen Sie mit mir, ich begleite Sie zum Lazarett."
Tatsächlich gehorchte er. Ich fühlte eine Kraft von mir ausgehen, der er nicht widerstehen konnte. Völlig erschöpft ging er neben mir her. Es blieb mir nichts übrig, als ihm meinen Arm anzubieten. Nun hieß es, jeden Augenblick ausnützen! Ich erzählte ihm von der unendlichen Güte Gottes und malte ihm sein künftiges Leben in den schönsten Farben aus, wenn er nur auf Gott vertraue.
„Mir ist alles egal wie diese Wand da", war die wenig aufmunternde Antwort.

Ich aber ließ mich nicht beirren. Ich redete weiter auf ihn ein mit einer Überzeugungskraft, die der Heilige Geist mir verlieh. So kamen wir in die Nähe des Lazaretts. „Lassen Sie mich jetzt allein!", bat er wieder. „Es kommen jetzt viele Soldaten heim... Ich möchte nicht, dass Sie meinetwegen..."

„Das ist mir völlig gleichgültig", gab ich zur Antwort. „Ich gehe mit Ihnen bis zum Tor." Immer wieder sprach ich auf ihn ein. Er sagte nichts, als: „Ihr Mann muss eine große Freude mit Ihnen haben!"
An der Ecke vor der breiten Zufahrt blieb er stehen. Ich bat ihn um ein Versprechen: „Möchten Sie es nicht versuchen, heute Abend ein Ave Maria zu beten? Ich weiß bestimmt, die Muttergottes wird Ihnen helfen!" Da geschah etwas Merkwürdiges: Sein Gesicht wurde auf einmal auffallend weich und mit leuchtenden Augen sagte er: „Meine Mutter hat mir, als ich ins Feld ging, einen Rosenkranz mitgegeben. Den will ich heute zum ersten Mal aus dem Koffer nehmen."
„Können sie denn den Rosenkranz beten?", fragte ich erstaunt. „Natürlich kann ich das. Ich bin daheim ja auch jeden Monat zu den Sakramenten gegangen. Jetzt war ich schon lange nicht mehr." Er sprach nun wie ein Kind, dem plötzlich etwas Wichtiges eingefallen ist. Ich konnte mich nicht genug wundern über seine Veränderung.
„Ich weiß nicht", fuhr er fort, „es ist jetzt etwas über mich gekommen, das ich nicht begreifen kann... Vor einigen Jahren ist es mir auch so ergangen. Ich wollte mir damals eine Kugel durch den Kopf schießen. Als ich ansetzte und losdrückte, funktionierte es nicht. Das war für mich ein unbegreifliches Wunder. Ich war darüber so erschüttert, dass ich zwei Stunden lang in der Kathedrale gebetet habe... Auch jetzt ist mit mir ein Wunder geschehen." Und fröhlich wie ein Kind fügte er hinzu: „Glauben Sie mir, jetzt kann ich Sie ruhig nach Hause begleiten, Sie brauchen sich nicht mehr vor mir zu fürchten." Mein Herz jubelte. Ich zweifelte keinen Augenblick und machte ihm die Freude, mich noch ein Stück zurück begleiten zu lassen. Dann ging er ins Lazarett. Das geschah am 30. April 1944, wo in vielen Kirchen bereits die erste Maiandacht gefeiert wurde. Tiefe Dankgebete begleiteten meinen Heimweg. Als ich einige Tage später B. traf, war er immer noch in der gleichen Seeligen Stimmung. Ich wirkte weiter auf ihn ein und fragte ihn, ob er den Rosenkranz auch gebetet habe, worauf er begeistert zur Antwort gab: „O, den bete ich jetzt jeden Tag!"
Es dauerte nicht lange, so kam er von unserem Lazarett nochmals in ein Erholungsheim und von dort an die Front. Ober sein weiteres Schicksal habe ich nichts mehr erfahren, aber ich vertraue ganz auf unsere himmlische Mutter; er hat ja zum täglichen Rosenkranz gefunden.
Mein Mann ist drei Jahre später aus Krieg und Gefangenschaft heimgekehrt, und seitdem sind uns nun über zwei Jahrzehnte glücklicher Ehe geschenkt worden, für die ich Gott täglich danke.
Oft denke ich an die Worte des Herrn: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war" (Lukas 19,1).

J. H.

Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

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