Der Ruf
Von ehemaliges Mitglied Montag 05.10.2020, 07:54
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In welch wunderbarer Weise die Gottesmutter jedem, der in höchster Not seine Zuflucht zu ihr nimmt, beisteht, zeigt uns der spannende Bericht eines in China tätigen Missionars. Doch hören wir ihn selbst:
„An einem glühendheißen Julitag des Jahres 1936 suchte mich ein Bote in meiner Missionsstation in der subtropischen Zone Südhunans, China, auf und ließ mich wissen, dass der Sohn des Katechisten Ly Bentu schwer erkrankt sei und im Sterben liege. Um den Kranken mit dem Leib des Herrn und dem hl. Öl versehen zu können, musste ich eine Entfernung von 30 Meilen zurücklegen, wozu angesichts des beschwerlichen, bergan führenden Weges und der in der Luft flimmernden Sonnenglut eine gewisse Erfahrung zur Erhaltung der guten körperlichen Verfassung notwendig gewesen wäre. Als unerfahrener Neumissionar hatte ich jedoch nicht für die Mitnahme von genügend Flüssigkeit gesorgt, so dass sich während meiner Wanderung immer mehr Hitze in meinem Körper staute und ich schließlich, vom Sonnenstich schwer mitgenommen, mehr tot als lebendig mein Ziel erreichte.
Nach einer unruhig verbrachten Nacht sah ich mich veranlasst, zur Rückreise eine Sänfte zu benützen. Um die Mittagszeit erreichten wir einen kleinen Weiler, wo wir die Gelegenheit zu einem Imbiss wahrnahmen. Die Träger stellten die Sänfte ab und folgten meiner Aufforderung, etwas zu sich zu nehmen, während ich lediglich warten wollte. Doch dies ließen sie nicht zu. „Pater, wenn du nichts essen willst, hast du sicher ,Sa` im Leib! Lass dich Kasa', dann wirst du wieder gesund und kannst mit uns essen. Als „Sa" bezeichnet man in den subtropischen Gebieten eine Epidemie, die in wenigen Stunden zum Tode führen kann, wenn nicht schnell Gegenmittel angewandt werden. Das landesübliche Gegenmittel ist in Hunan „Kasa", und wenn der Krankheitsausbruch ganz gefährlich ist, „Boss". —„Kasa" besteht im Zwicken der Haut bis zur Striemenbildung. Ist die Strieme rot, dann besteht keine Gefahr, ist sie aber schwarz, dann ist der „Sa" lebensgefährlich: In Hunan sterben jährlich viele Menschen dieses plötzlichen Todes.
Ein Träger bot sich an, an mir die Probe machen zu dürfen, um zu sehen, wie es um mich steht. Ich ließ ihn gewähren. Er tauchte die eingebogenen Mittel- und Zeigefinger in warmes Wasser, kniff fest in meinen Hals und ließ die Haut zurück- schnellen. „Hu!", rief er erschrocken, „die Strieme ist ganz schwarz, der Pater ist voll ,Sa`. Schnell, schnell ,Kasa` ". Ergeben und an die Geißelung des Herrn denkend, setzte ich mich auf die Marterbank und ließ mich in der geforderten Weise „bearbeiten". Bald hatte ich rund um den Hals einen Kranz von schwarzen Striemen. Da sich keine Besserung zeigte, wurde das Zwicken über Rücken und Brust weiter praktiziert. Doch als der Behandelnde die Herzgegend erreichte, hielt ich es nicht mehr aus, ich fühlte den Tod nahen, sprang vom Stuhl und wollte fliehen. Doch ich kam nicht weit! In meiner Todesnot rief ich nur noch: „O Muttergottes, hilf!!" Dann stürzte ich, vom Hitzschlag getroffen, rücklings zu Boden, wie tot.
Erst später erzählte man mir von dem großen Schreck, den ich durch meinen Sturz den anderen zugefügt hatte. Denn ich war gegen eine Tischkante und dann mit einem solchen Gepolter auf den Boden geschlagen, dass man annahm, meine Schädeldecke sei gebrochen. Da Atem und Pulsschlag ausgesetzt hatten und die Pupillen meiner Augen nach aufwärts verdreht waren, hielt man mich für tot, trug mich aus dem Haus und legte mich auf die Straße.
Wie ich später erfuhr, war auch der Hausherr, der als Arzt besonders durch seine hervorragende Hilfeleistung an vom Hitzschlag Getroffenen einen guten Ruf genoss und als Spezialist des „Bosa" bekannt war, nicht zu Hause anzutreffen gewesen. Er hatte sich, ohne auch nur im Geringsten gestört werden zu wollen, an diesem Tag ganz seiner Feldarbeit verschrieben und sich jede Unterbrechung seitens erkrankter Patienten verbeten. In meinem Fall hatte man hin und her überlegt und war zu dem Schluss gekommen, dass auch hier ein Rufen des Arztes zwecklos sei, da mit den notwendigen Verhandlungen zuviel Zeit verstreichen und währenddessen mein träge fließendes Blut zum Stillstand kommen würde, ehe „Bosa" helfen könne. Mit der Bemerkung: „Er ist ja doch nur ein Ausländer", ging man schließlich zur Tagesordnung über und setzte sich an den Mittagstisch.
So war ich zwar von den Menschen, nicht aber von jener aufgegeben, die ich sterbend angerufen hatte!
Unbeschreiblich das Erstaunen der gerade mit der Mahlzeit beginnenden Leute, als sie den Hausherrn und Arzt aufgeregt angelaufen kommen sahen, fragend, was denn los sei. Doch als er den Toten auf der Straße liegen sah, wusste er Bescheid. „Wie lange liegt er da?" — „Wir haben ihn gerade hinausgetragen, wir haben ihn ,Kasa`, aber dennoch hat ihn der Hitzschlag getroffen." — „Gut, dann geht es noch mit ,Bosa`. " Schnell wusch er sich die Hände und begab sich sofort an die Arbeit. Mit seinen langen, eigens zum „Bosa" gepflegten Fingernägeln bohrte er in alle Gelenks- und Muskelbindungen und riss an den Sehnen. Schon hatte er den halben Körper bearbei- tet, doch zeigte sich immer noch kein Zeichen der Wiederbelebung. Der Arzt ließ sich nicht entmutigen, suchte mit seinen langen Fingernägeln die verborgensten Sehnen, um durch Zwicken und Reißen die Herztätigkeit wieder zu beleben. Plötzlich begann der Puls wieder zu schlagen, die Herztätigkeit setzte regelmäßig ein, die Pupillen meiner Augen nahmen ihren ursprünglichen Stand wieder ein. Ich kam zu mir und sah in den schönen blauen Himmel, in die erwartungsvollen Gesichter und auf den Arzt, der erbarmungslos meinen Körper weiter bearbeitete. Da ich noch nicht sprechen konnte, bat ich ihn mit meinen Augen, aufzuhören. Doch er lächelte und setzte seine Tätigkeit fort. Plötzlich fühlte ich einen wohltuenden warmen Strom durch meinen ganzen Körper fließen und meine Lebenskraft zurückkehren. Nach tiefem Atemholen sprang ich auf und lief ins Haus. Alles war in freudiger Erregung: „Er ist wieder lebendig geworden!"
Der Arzt, dem ich von ganzem Herzen dankte, hatte ob des großen Erfolges eine tiefe Freude. Er fragte die Anwesenden, wer ihn denn gerufen habe. Erstaunt sahen sie ihn an: „Von uns hat dich keiner gerufen, du hast doch in der Früh gesagt, dass man dich nicht rufen solle." Bestürzt schüttelte der Arzt den Kopf: „Aber, mich hat jemand gerufen, und zwar ganz energisch.
Dann erzählte er: „Ich war gerade mitten in der Arbeit, da rief mich eine Stimme von weitem, heimzugehen. Unwillig, wie ich war, schenkte ich der Stimme kein Gehör. Da rief sie wieder. Zornig wandte ich mich um, mit der Hacke in der Hand und rief: ,Ich komme nicht.' Als ich meine Arbeit fortsetzte, rief die Stimme abermals, diesmal ganz dicht hinter mir. Als ich mich umsah, konnte ich niemanden erblicken. Da erfasste mich eine unheimliche Angst, es müsse etwas passiert sein, und ich warf die Hacke fort und lief so schnell ich konnte heim. Aber wer hat mich denn gerufen!?"
Die Stimme, die den Arzt gerufen hatte, war wohl die himmlische Antwort auf meinen flehenden Todesruf: „O Muttergottes hilf!" Und da der Arzt nicht kommen wollte, zwang sie ihn zu kommen, segnete seine ärztliche Kunst — denn wir sollen ja einander beistehen, so gut es möglich ist.
So wurde ich nicht nur vom Sonnenstich, sondern auch von allen Schmerzen des „Kasa" und „Boss" geheilt. Auch mein Hinterkopf, mit dem ich so unglücklich gegen die Tischkante und auf den Boden gefallen war, wies weder ein Loch noch ein Geschwulst auf. Nicht der geringste Schmerz war zu spüren, ein Zeichen, dass mich die Gottesmutter restlos geheilt hatte. Frisch und munter setzte ich mich zu den anderen an den Mittagstisch und trank und aß mit großem Appetit, so dass alle staunten.
Ich bin überzeugt, dass ich mein Leben nur der gütigen Vermittlerin aller Gnaden zu verdanken habe, denn wären die Dinge den Weg des Natürlichen gegangen, läge ich schon seit 1936 auf einem der einsamen Missionsfriedhöfe von Fukiatzung im Herzen Chinas begraben.
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München