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Der Selbstmörder

Von ehemaliges Mitglied Freitag 12.06.2020, 05:18

Pater Guillaume, der Obere des Klosters zu St. Diziers, berichtet folgende selbst erlebte Geschichte:
1855 - auf der Fahrt nach Ars. In aller Fahrgäste Mund ist der Name Vianney, des armen, abgemagerten, überarbeiteten und doch übermenschlich arbeitenden Pfarrers von Ars. Auf allen Lippen sind seine Wunder und geheimnisvollen Gesichte, seine in die Seele dringende und dort die heimlichsten Heimlichkeiten enthüllende Schau, seine merkwürdigen und haargenau eintreffenden Prophezeiungen, der unheimliche Spuck, den der Teufel mit dem Pfarrer allnächtlich treibt, die auffallenden Bekehrungen in Ars, diese Predigten und Christenlehren, die Verstockte und Verhetzte, Spötter und Zweifler in neue, bekehrte und glaubensbegeisterte Menschen umwandeln.
Neben Pater Guillaumes sitzt eine landfremde Dame in tiefem Schwarz, stumm, schweigend. Erst beim Aussteigen in Villefranche, der Station von Ars, öffnet sie den Mund zu den paar Sätzen: „Hochwürden, erlauben Sie, dass ich Ihnen nach Ars folge? - Nicht war, Sie nehmen sich meiner an, dort so gut wie anderswo, ich bitte Sie darum. Ich reise der Zerstreuung halber.-
Der Pater begreift die dunklen Sätze nicht, stellt sich aber der Dame zur Verfügung. Ein Wagen fährt beide nach Ars. Vor der Kirche steigen sie aus. Die Elf-Uhr-Messe geht gerade zu Ende; so fährt der Priester die Dame auf den Platz zwischen Kirche und Pfarrhaus. Nach einer Weile kommt der Pfarrer aus der Kirche, schreitet durch die kniende Menge, geht geradewegs auf die Dame zu, neigt sich zu ihrem Ohr und sagt: „Er ist gerettet". - Die Unbekannte schnellt empor, Vianney wiederholt: „Er ist gerettet."
Eine ungläubige Geste der Dame ist die Antwort. Da entgegnete der Heilige, jedes Wort betonend: „Ich sage Ihnen, er ist gerettet. Er ist im Fegfeuer, und wir müssen für ihn beten. Bei dem Sprung vom Brückengeländer in das Wasser hat er noch Zeit gehabt, einen Akt der Reue zu erwecken. Die Muttergottes hat ihm diese Gnade erwirkt. - Erinnern Sie sich noch an den Monat Mai, den Marienmonat, in Ihrem Zimmer? Obgleich glaubenslos, hat er sich doch zuweilen mit Ihrem Gebet vereint. Das hat ihm die Reue und ein letztes Erbarmen verdient."
Der dabeistehende Pater konnte sich die rätselhaften Worte des Pfarrers an die Unbekannte nicht deuten.
Am nächsten Morgen aber sollte er erfahren, welch wunderbare Schau Gott hier wieder - wie so oft schon - seinem Diener verliehen hatte.
Vor Ihrer Abreise besuchte die fremde Dame den Pater, um sich zu verabschieden. Auf ihrem Gesicht lag eine friedvolle Ruhe und Heiterkeit, nicht mehr der trostlose verzweifelte Zug wie vorher. Sie dankte dem Pater, dass ihr das gestrige Erlebnis mit dem Pfarrer zuteil wurde und fügte dann hinzu: „Die Ärzte haben mir aufgetragen, ich müsste im Interesse meiner Gesundheit reisen, in Wirklichkeit war ich nicht krank, sondern litt an einer wilden Verzweiflung beim Gedanken an den tragischen Tod meines Gatten. Mein Gatte war ungläubig und ich lebte nur dem Bemühen und der Hoffnung, ihn doch noch zu Gott zurückzubringen, aber ich hatte nicht mehr die Zeit dazu. Er hat sich selber ums Leben gebracht, indem er sich vom Brückengeländer ins Wasser stürzte. Ich verzweifelte ganz; denn ich wurde den Gedanken nicht los, dass er, der Glaubenslose und Selbstmörder dazu, verdammt sei. Und nun einander nie mehr sehen zu können! In Ewigkeit nicht mehr! Hochwürden, Sie haben gestern des Pfarrers Worte zu mir und ihre Wiederholung gehört: „Er ist gerettet". Auch das vom Brückengeländer und vom Wasser und von dem öfteren Mitbeten meines ungläubigen Mannes bei meinen häuslichen Maiandachten und von der Gnade der Reue noch im selbstmörderischen Todessprung. Er ist gerettet, und ich werde ihn im Himmel wieder sehen. Hochwürden ich bin geheilt.

Dieses wahre Erlebnis zerteilt das schwarze Gewölk der Verzweiflung und reißt der Hoffnungslosigkeit den Himmel auf. Da kommt diese landfremde Frau wie durch einen Zufall nach Ars. Sie, dem heiligen Pfarrer völlig unbekannt und er ihr, sieht ihn durch die Menge schreiten und kann nicht verstehen, dass er ihr sagt: „Er ist gerettet." Und muss es doch glauben; muss es, weil er von ihrem Gatten, von dem hier in Ars niemand etwas weiß, so genaue Einzelheiten nennt: die häuslichen Maiandachten, die Glaubenslosigkeit ihres Gatten und trotzdem sein Mitbeten, seinen Selbstmord, Brückengeländer und Wasser und Todessprung - muss es glauben - und darf aufstehen mit der hoffnungsfrohen, auf Maria bauenden Gewissheit, dass die liebe, treue Mutter Gottes ihm jenes Mitbeten durch die Gnade der Reue im Todessturz dankte und mit der Rettung für den Himmel belohnte. 0 du liebe Mutter Gottes! Es ist noch nie gehört worden, dass einer, der zu dir sich wandte, von dir verlassen worden sei.

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