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Der verstümmelte Rosenkranz

Von ehemaliges Mitglied Samstag 17.10.2020, 06:46


Die Unantastbarkeit und die hohe Bedeutung des Rosenkranzgebetes in seinem von der Gottesmunter gewünschten Gefüge mag uns die von einem Pater aus Taiwan geschilderte seltsame Begebenheit so recht zum Bewusstsein bringen. So heißt es in diesem Bericht:
Die Mutter meines Katechisten Tokinobu litt schon lange an Krebs. Sie wohnte im Dorf Kweihwe Tauyän, Taiwan. Obwohl sie sich schon mehreren Operationen unterzogen hatte, ging es mit ihrer Gesundheit konstant abwärts. Dennoch bewahrte sie stets ihren guten Humor und ihren tiefen Glauben. Als sie schließlich an das Krankenlager gefesselt war, hielt sie ihren Rosenkranz immer fest in ihren Händen. Von einigen evangelischen Gemeinschaften angehörenden Verwandten oftmals wegen ihres „Aberglaubens" verspottet und belächelt, ließ sie sich dennoch nicht einschüchtern und bewahrte ihrem Rosenkranzgebet die Treue. Kurz vor ihrem Tod jedoch verlor sie den Rosenkranz in den Fugen ihres Bettes. Man gab ihr einen neuen, den sie bis ins Grab um die Hände gewickelt hielt.

Am Tage ihrer Beerdigung, an der ich teilnahm, erzählte mir der Sohn der Verstorbenen eine sonderbare Geschichte, die sich am Vortage ereignet hatte. Als nämlich die Mutter friedlich im Herrn entschlafen war, entfernte man ihr Bett. Dabei entdeckte der Enkel der Verstorbenen, der die Mittelschule besuchte, aber vom christlichen Glauben nichts wissen wollte, den verloren gegangenen Rosenkranz. Seine tiefe Verehrung der Großmutter und sein noch größerer Aberglaube veranlassten ihn, diesen Rosenkranz als Glücksbringer an sich zu nehmen und ihn als Erinnerungsstück um den Hals zu hängen. Als „Schmuckgegenstand" zu lang befunden, verkürzte er ihn, indem er die Perlen zwischen dem Kreuz und der Medaille, dazu noch ein Gesätz und die nächste große Perle herausnahm und den so wieder zusammengesetzten und verstümmelten Rosenkranz anlegte.

Wie groß war aber das Entsetzen der Anwesenden, als der Junge ohnmächtig zu Boden sank. Man machte ihm Umschläge auf Stirn und Schläfen, versuchte, ihm Alkohol einzuflößen, holte den Arzt, aber alles war vergebens.

Nach einer Stunde kam mein Katechist hinzu. Mit seinem ihm eigenen Feingefühl erkannte er sofort den Rosenkranz seiner Mutter, wollte ihn nicht in unwürdige Hände fallen lassen und bestand auf seiner Entfernung vom Hals des Jungen. Empört stellte er fest, dass der Rosenkranz verstümmelt war und suchte in den Taschen des Ohnmächtigen nach den übrigen Stücklein. In dem Augenblick jedoch, als er diese gefunden und wieder in den Rosenkranz eingefügt hatte, wachte der ohnmächtige Junge auf. Alle Anwesenden erkannten sofort den Zusammenhang der Dinge und staunten über die Eigenart des katholischen Rosenkranzes.

Als ich diese Geschichte gehört hatte, ließ ich den Jungen, dem solches passiert war, zu mir rufen. „Ist es wahr, was die Leute erzählen?", fragte ich ihn. „Ja, es hat sich gestern zugetragen." Was hast du denn in dem Augenblick, als du ohnmächtig wurdest, gefühlt oder gedacht?" — „Mir geschah etwas Furchtbares", erzählte er. „Ich wanderte auf einem Pfad an einem steilen Abgrund vorbei. Da kamen plötzlich sechzehn schwarz gekleidete Männer auf mich zu und wollten mich den Abgrund hinunterwerfen. Ich wehrte mich mit aller Kraft und hatte große Angst. Da erblickte ich meine ganz in Weiß gekleidete Großmutter oben auf dem Berg und rief ihr zu, mich zu retten. Sie kam denn auch, vertrieb die sechzehn Strolche — und ich wachte aus meiner Ohnmacht auf.

Auf die Frage, was dies alles zu bedeuten habe, wusste er keine Antwort. Mir fiel aber auf, dass er immer von sechzehn Männern und nicht etwa einer Schar von Männern sprach. Als ich dann die Perlen des Rosenkranzes zählte, die er vordem entfernt hatte, wusste ich die Antwort: Es waren genau sechzehn!
Die ganze Geschichte war ein Fingerzeig des Himmels. Und in jener Gegend Taiwans wird wohl niemand mehr über den Rosenkranz der Katholiken spotten.


Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

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