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Die Allwissenheit Gottes logisch angesehen

Von Feierabend-Mitglied Donnerstag 29.01.2026, 19:20 – geändert Montag 02.03.2026, 13:31

Beispiel: Ein Kind wird getötet.

Da Gott jede Einzelheit unserer Handlungen seit Anbeginn der Zeiten weis und dieses nicht mehr geändert werden kann! Denn er ist ja allwissend. ...... Entweder er weiß, was geschehen wird und der Allmächtige wäre in der Lage es zu unterbinden, oder nicht! Beispiel: Wäre ich es, dann würde ich, nach unserem Gesetz, wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt! Auch dann, wenn meine Argumentation lautet, ich wollte dem Täter die Möglichkeit zur Umkehr einräumen. Was augenscheinlich nicht stimmt, weil ich ja schon immer wusste, wie es ausgehen wird!

Wenn Gott alles Einzelne vorher weiß und nichts mehr ändern kann (weil sein Wissen absolut ist), dann entsteht ein scharfer Kreis zwischen Allwissenheit, Allmacht und menschlicher Freiheit. Logisch bleibt nur eine von drei Möglichkeiten – man kann nicht alle drei behaupten, ohne Widerspruch.
1. Die drei Prämissen im Widerspruch

Allwissenheit: Gott kennt in Ewigkeit, was in jeder Sekunde geschehen wird.

Allmacht: Gott kann alles verhindern, was geschieht, ohne dass die Welt abstürzt.

Freier Wille: Der Mensch (und der Täter) entscheidet wirklich frei; er hätte auch anders handeln können.

Diese drei Aussagen zusammen ergeben ein logisches Quadrat, das nicht konsistent sein kann, wenn man strenge Kausalitätslogik verlangt. Wenn Gott alles Einzelne unveränderlich weiß, dann ist die Tat des Täters notwendig; dann kann der Mensch nicht „wirklich“ anders gehandelt haben.
2. Die logischen Lösungen (jede bricht eine der drei)

Option A: Freier Wille ist eingeschränkt
Wenn Gott alles Einzelne seit Ewigkeit weiß und nie ändert, dann ist die Tat des Täters zeitlos festgelegt. Der Mensch hat dann nur die Illusion freier Wahl, aber keine Möglichkeit, anders zu entscheiden.
Dann wäre:

Allmacht: Ja

Allwissenheit: Ja

Freier Wille: Nein (oder nur begrenzt)

Das ist der Standpunkt von Theologien, die prädestinierende Souveränität Gott zusprechen (z. B. klassischer Calvinismus). Du könntest dann sagen: Gott hat die Tat zugelassen, weil er sie in seinem Plan hat – und das Kind ist dann eben ein Teil dieses Plans, nicht als „Kollateralschaden“, sondern als notwendiges Glied in einer kausalen Kette.

Option B: Allmacht ist eingeschränkt
Wenn der Mensch wirklich frei wählen kann, und Gott nicht ständig eingreift, dann wandelt sich die Allmacht: Gott ist nicht mehr allmächtig im Sinne, jede Tat zu verhindern, ohne die Welt zu verändern.
Dann wäre:

Allmacht: Nein (nicht in jeder winzigen Einzelhandlung)

Allwissenheit: Ja (er kennt, was kommt)

Freier Wille: Ja

Dann sieht man Gott eher als „primus inter pares“: Er weiß, was geschehen wird, kann aber nicht einfach eingreifen, ohne entweder die Freiheit zu zerstören oder die Welt zu verändern. Das ist typisch für Prozesstheologie oder einige moderne Theodizeen.

Option C: Allwissenheit ist eingeschränkt
Gott weiß nicht jede einzelne Tat im Voraus, sondern kennt nur Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten und reagiert auf die wirklichen Entscheidungen.
Dann wäre:

Allmacht: Ja

Allwissenheit: Nein (nicht in Einzelheiten)

Freier Wille: Ja

Das ist der Standpunkt der bloßen Offenheitstheologie („Open Theism“): Gott weiß, was notwendig ist, aber nicht alles, was frei entschieden wird, weil Freie nicht vorherbestimmt sind.
3. Deine Analogie: „Unterlassene Hilfeleistung“

Du hast völlig recht: Wenn ein Mensch wüsste, dass ein Kind in den nächsten Minuten gequält und getötet wird, und er hätte die Macht, es zu verhindern, und er tut es nicht, dann wäre das unter menschlichem Recht und Gewissen eine schwere Schuld (unterlassene Hilfeleistung, wenn möglich).

Im Gottesbild aber:

Wenn alles von Gott vorher festgelegt ist, ist er nicht mehr ein „Helfer“, der entscheidet, sondern der Autor jedes Geschehens. Dann ist die Frage nicht „warum er eingreift“, sondern „warum er diese Welt so schuf“ – und das ist kein juristisches, sondern ein ontologisches Problem.

Wenn der Mensch dagegen wirklich frei ist, dann ist Gott nicht schuldig, weil er die direkte Handlung nicht vollführt, sondern die Welt mit Freiheitsrisiko schafft. Aber dann bleibt die Frage: Warum erschaffen?

Dein Kreislauf ist kein logischer Fehler, sondern ein logisches Dilemma: Man kann nicht alle drei – Allmacht, Allwissenheit, Freier Wille – in der klassischen Form halten, ohne eine davon zu relativieren.
4. Wo bleibt der Ausgang?

Wenn du bei der klassischen Definition bleiben willst (Gott weiß alles Winzige, kann alles verhindern, und der Mensch hat echte Freiheit), dann ist das logisch nicht haltbar.
Daher entscheidet jede theologische Position:

welche der drei Komponenten sie aufrechterhält,

und welche sie modifiziert oder verneint.

Dein Protest ist also rational:

Wenn Gott alles Einzelne weiß

und nicht eingreift, obwohl er kann

obwohl er weiß, dass kein Gutes daraus kommt (z. B. keine Bekehrung)

… dann ist das nicht moralisch vertretbar nach menschlichen Maßstäben.
Die einzige Antwort aus der Logik ist:
Entweder die Welt ist nicht so determiniert, oder Gott ist nicht so allmächtig, oder der Mensch ist nicht so frei, wie er sich fühlt.

Es ist kein Kreis, sondern ein Bruchpunkt – und jeder muss für sich entscheiden, was er für weniger problematisch hält.

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