Die drei Ave Maria
Von ehemaliges Mitglied 12.07.2020, 07:39
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Ich war damals Pfarrer in Lesch in Albanien, einer Stadt, die zu meiner Zeit an die 4000 Einwohner zählte. Die Hälfte davon waren Mohammedaner, die übrigen Katholiken. Die Pfarrei war sehr ausgedehnt und meine zwei Reitpferde hatten es nicht leicht, denn ich war meistens auf dem Wege, um meinen Verpflichtungen nachzukommen. Das eine, eine Stute, arabisches Vollblut, namens Milizza war ungemein ausdauernd und flüchtig wie eine Gazelle, doch neben ihren guten Eigenschaften auch sehr stolz und halsstarrig. In meiner Abwesenheit durfte es keiner wagen, ihr auch nur nahe zu kommen. Ich muss dies anführen, damit man die späteren Ereignisse besser begreifen kann.
Ich musste öfters nach Scutari, der damaligen Hauptstadt des Landes, reiten, ca. sieben Reitstunden von meiner Pfarrei entfernt. Eine Stunde vor Scutari führt der Hauptweg geradeaus in den Basar. Als ich nun das erste Mal mit der Milizza nach der Stadt ritt, benützte ich wie selbstverständlich den Hauptweg, welcher durch den Basar führt. Doch als ich dort ankam, sträubte sich das Pferd weiterzugehen, denn es hatte die Fischhalle gerochen, wo es gewöhnlich pestilenzialisch duftet.
Kurzum, alle Versuche, das Pferd weiter zu bringen, schlugen fehl, so war ich gezwungen, den weiteren beschwerlichen Seitenweg einzuschlagen. Und so geschah es auch späterhin, wenn ich den Weg nach Scutari nahm.
Eines Tages erhielt ich vom Außenministerium in Wien wichtige Nachrichten, die mich veranlassten, gleich nach Scutari zu reiten, um mit dem Herrn Generalkonsul die Sache zu besprechen. Ich ließ die Milizza satteln und brach auf. Das Pferdging den ihm gewohnten scharfen Trab, ich aber war während des ganzen langen Weges beschäftigt mit den kommenden Verhandlungen und den zu fassenden Beschlüssen, als mich ein gewisser Geruch aus meinen Gedanken riss. Zu meinem größten Erstaunen bemerkte ich, dass ich durch die Fischhalle ritt. Ja — war denn ein Wunder geschehen? Die Milizza ging durch die ihr verhasste Hölle! Und zwar so selbstverständlich, als ob sie es wie alltäglich gewohnt wäre.
Kopfschüttelnd stieg ich ab, da das Pflaster sehr schlecht und nass war, nahm den Zügel über den Arm und schritt hinein in den Basar, wo mir die eigenartige Ruhe auffiel, da es doch Mittwoch, also Basartag, war. Erst am Ende desselben wurde mir des Rätsels Lösung klar. Der große Platz nebenan war voll von schreienden, gestikulierenden Menschen. „Aha, eine Revolution", dachte ich und bemühte mich durch den Menschenknäuel hindurch zu kommen, als plötzlich eine Stimme aufgellte: „Ktu ast nie Papass!" - „Hier ist ein Priester!" Und ein überlanger Offizier kam auf mich zu, gab die Zügel einem Soldaten und schob mich an den Schultern wie ein Sturmbock durch die Menge. Ich verstand und begriff meine Rolle nicht, die mir so urplötzlich zugedacht wurde. Erst durch die Stimme des Leutnants an meiner Seite erhielt ich Klarheit: „Er wurde erschossen, ist ein Christ, und nun stirbt er!" — „Ein Christ im türkischen Heere?", dachte ich ungläubig. Bald sah ich vor mir den Sterbenden liegen, einen türkischen Offizier, seinem Rangabzeichen nach ein Major. Ergriffen neigte ich mich zu ihm nieder und sagte ihm ins Ohr: „Ich bin ein katholischer Priester und gebe dir die Absolution! Bereue deine Sünden! Mein Jesus, Barmherzigkeit! — Ego te absolvo ... 11 Dann hebt sich des Sterbenden Brust, einmal, zweimal, — er ist tot!
Ich aber kehrte zu meinem Pferd zurück, das ich zu meinem nicht geringen Erstaunen eingekeilt, doch ruhig unter der großen Menge vorfand. Ich führte es hinaus ins Freie und strich ihm liebkosend über Kopf und Hals: „Brav bist du gewesen, sehr brav" und steckte ihm ein Stück Zucker nach dem anderen zu. Dann ritt ich zurück ins Kloster, erschüttert von dem soeben Erlebten, das mir manche Rätsel aufgab, Dinge, die ich nicht begriff. War es nicht sonderbar genug und schier unbegreiflich, dass mein starrköpfiges Pferd plötzlich den ihm so verhassten Weg einschlug, dass ein Fremder seine Zügel angestrafft, wo es sonst kein Fremder berühren durfte, um dann in der drängenden Menschenmenge wie ein alter Karrengaul stille zu stehen? Und war es wirklich nur ein Zufall, dass ich auf die Minute genau dort ankam, wo man meiner bedurfte? Wer war denn auch dieser Major, der ein Christ sein sollte? Mitten in diesen Erwägungen hatte ich das Kloster erreicht und eilte nun so schnell als möglich zu P. Anastasius, um ihm dieses außerordentliche Ereignis mitzuteilen. Er betete gerade sein Brevier und musste wohl mein eiliges Schreiten gehört haben, da er erstaunt aufsah:„Nun, was gibt es denn?"
Ich begann zu erzählen, erst hastig, dann allmählich gefasster. Ruhig hörte mir P. Anastasius zu, doch als ich jenen christlichen Major erwähnte, der erschossen worden war und dem ich im letzten Augenblick die Absolution erteilte, da schnellte er empor, hob die Hände zum Himmel und sprach ganz erschüttert: „Kennst du diesen Mann?" Ich schüttelte den Kopf:„Nein, ich habe ihn niemals gesehen, kenne daher auch seinen Namen nicht." — „Doch, du kennst ihn, hast ihn oft gesehen, auch seinen Namen täglich gehört!" Und er nannte den Namen, den ich freilich kannte und dessen Träger ich auch oft genug gesehen hatte wie er auf stolzem Pferd, umgeben von seiner Leibgarde, durch die Straßen ritt. Er, der Schrecken aller Verbrecher, aber auch der Hohen und Höchsten im Lande, den alle fürchteten und den der Sultan selbst zum Polizeipräsidenten über ganz Albanien gesetzt hatte. Das alles wusste ich.
P. Anastasius begann wieder zu sprechen und deutete auf einen Stuhl: „Setze dich, ich werde dir von diesem Manne erzählen. Ich kannte ihn schon als kleinen Buben. Er war der Spross der berühmten fürstlichen Familie Mirditas und wuchs heran zu einer herrlichen, stolzen Jünglingsgestalt. Ich bewunderte ihn aufrichtig. Da geschah das große Unglück. Die türkischen Gewalthaber in Scutari taten ihm in wichtiger Sache ein offenbares Unrecht an. Es war der alte Hass der herrschenden Mohammedaner gegen die besiegten, unterjochten Christen, der da wieder zum Ausbruch kam. Der Grimm, dass es unter den verachteten Rahas noch immer freie Stämme gab, die sich unter ihr Joch nicht beugten, nach eigenen Gesetzen lebten, keinen Sultan anerkannten und dass ein Fürstengeschlecht existiert, das von allen Christen anerkannt wurde und welches offen anzugreifen man sich scheute, weil es unter dem Schutze einer starken Auslandsmacht stand. So versuchte man eben durch kleine Schikanen den Gegner, diesmal in der Gestalt des jungen Mirditenfürsten, zu treffen.
0 hätten sie es nicht getan! Man hatte den friedlich schlafenden Löwen gereizt, der nun als brüllende, gereizte Bestie erwachte. Der Jüngling war plötzlich zum Mann geworden, zu einem gewaltigen Riesen, der seine grausamen Gedanken der Wiedervergeltung bald in die Tat umsetzte, wobei die Betroffenen laut aufschrien und die Regierung ins Wanken geriet. Der Rächer hatte Mirditen, die sich nicht vor Hölle und Teufel fürchteten. Mit diesen zog er aus zur Vergeltung. Es war ihm nicht darum zu tun, Beute zu machen, sondern vielmehr jene Regierungsmänner lächerlich zu machen und zum Spotte des Landes, was ihm vortrefflich gelang. Da die türkische Regierung ihre Post nicht fremden Bahnen und Schiffen anvertrauen wollte, wurde sie durch die so genannte Tatarenpost befördert. Ein ausdauernder Reiter musste sie von Kostantinopel nach Scutari bringen, wobei nicht bloß Briefe, sondern auch die Gelder zur Bezahlung des Paschas, der Offiziere, der Soldaten und Beamten befördert wurden. Einmal kam wohl der Postreiter, aber nicht die Post nach Scutari. Der Bote erklärte, er sei auf offener Straße überfallen und ausgeplündert worden. Auch die ihn begleitenden Soldaten hatten das gleiche Los gehabt. Man hatte ihnen alles, Pferde, Waffen und Monturen, abgenommen und sie im bloßen Hemde zurückgelassen. Derlei Husarenstücke gab es mehr als genug, sie folgten in längeren oder kürzeren Intervallen. Die 20 Mirditen aber und ihr Führer hatten ein unstetes, aufreibendes Leben, doch während sie tafelten und unsinnig tranken, geschah es nun öfters, dass ihr Führer mitten in der Orgie plötzlich stille wurde und eine Zeitlang in sich versank, dann aber begann er zu sprechen, und wie eine Beichte klangen seine Worte: „Ich bin eingroßer Sünder vor Gott, und vieles, was ich getan und noch tue, ist nicht recht. doch seit Jahren bete ich täglich drei „Gegrüßt seist du Maria" zur Muttergottes, damit sie mir die Gnade erbitte, mir bei meinem Sterben einen Priester zu senden. Wenn er so sprach, wurde es still in der zechenden Gesellschaft, unwillkürlich falteten sich die Hände...
Die Regierungsmänner aber waren fertig mit ihrem Latein. Man hatte alles getan, dieses schrecklichen Menschen habhaft zu werden. Militärs wurden ausgesandt, doch man fand ihn nicht. Er war überall und nirgends. Es wurden findige Spione bezahlt, um seine nächsten Pläne zu erkunden, aber auch der Gegner hatte seine Leute, die von ihm besser bedient wurden als von den Herren der Stadt. Vergebens waren die Fallen, die man ihm stellte. Da griff die türkische Diplomatie ein und fand ein Mittel, freilich einen Ausweg, der nur in Konstantinopel gangbar war.
Ein Irade des Sultans wurde abgesandt, worin der seltene Mut und die Tapferkeit des Mirditenchefs gerühmt ward und dieser gebeten wurde, seine Kraft in die Dienste des Sultans zustellen, und so Ordnung zu schaffen in den desolaten Zuständen Albaniens. Es wurde ihm der Negedieorden übersandt, dazu die Ernennung zum Major, und die Würde eines Polizeipräsidenten von Albanien verliehen. Und er nahm an, da seine Ehre wiederhergestellt war. In erstaunlich kurzer Zeit hatte er Ruhe geschafft. Er erstickte die Unbotmäßigkeit im Blut. Unzählige Polizeibeamte wurden entlassen, entweder ob ihrer Unfähigkeit, oder weil sie die Gerechtigkeit nach der Höhe des empfangenen Bakschischs verhandelten. Somit schaffte er sich viele Feinde."
Soweit P. Anastasius. Dann schwieg er eine Weile und fuhr dann an mich gewandt fort: „Ich kenne dich sowie dein unbändiges eigenwilliges Pferd. Ihr beide ward heute Handlanger im Dienste der Gottesmutter, die das Gebet eines Mannes, seine täglichen drei Ave', auf diese Weise beantwortet hat."
Ich war durch das eben Vernommene tief erschüttert. Nun hatte ich Antwort erhalten auf die vielen Fragen, die ich mir gestellt und nicht hatte beantworten können. Seit jenem denkwürdigen Tage aber bete ich täglich drei „Ave" zur lieben Gottesmutter, damit sie auch mir beim Sterben gnädig sei.
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München