Die Königin des Friedens
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 28.05.2020, 05:26
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 28.05.2020, 05:26
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Als Berger auf der ziellosen Wanderung durch die Stadt plötzlich vor der Kirche stand, verhielt er verwundert den Schritt an. Im Kreis herum hatten ihn die Gedanken geführt, so dass er jetzt wieder hier stand, nahe seiner Wohnung. Seiner Wohnung! Seinen Lippen entrang sich ein zorniger Laut, er konnte immer noch nicht begreifen. Hatte er denn die Kinder großgezogen, damit seine Älteste, die Luise, nun anfing einem jungen Mann nachzulaufen, der noch nichts war? Dass sie sich mit einem verloben wollte, der sich erst noch eine Existenz schaffen musste!
Diese Sorge war nicht neu, sie quälte ihn schon seit Monaten, nun zerstörte sie mehr und mehr den Frieden in der Familie. Er hatte zu der Wahl seiner Tochter nein gesagt, nein auch dem jungen Manne Stefan Heim, als er gestern gekommen war, sein Einverständnis zur Verlobung mit Luise zu erbitten. In drei Wochen wollten die jungen Leute die Ringe an die Finger stecken. So eine Verrücktheit, hatte er gesagt. Den Gefahren einer langen Verlobungszeit würde er seine Tochter nicht aussetzen. Nie und niemals! Er möge wiederkommen, wenn er eine Existenz habe.
Das hatte er gesagt. Ja, nun aber war der Friede daheim ganz dahin; alle, auch seine Frau, schauten ihn wie einen Feind an, glaubte er erkannt zu haben.
So war es auch vorhin noch zwischen ihm und den beiden Frauen zu einer Auseinandersetzung gekommen. Zuerst war Luise weinend fort gegangen, dann hatte seine Frau gesagt:
„Merkst du denn nicht, dass du vor lauter Besserwissen und Korrektseinwollen andere Menschen unglücklich machst? Luise ist volljährig, sie könnte ihren Weg allein gehen, wenn sie wollte. Doch sie möchte, dass wir an ihrem Leben, ihrem Glück in der Zukunft mit teilhaben, darum wünscht sie dein Einverständnis. Wann endlich begreifst du, dass seit unserer Hochzeit fünfundzwanzig Jahre vergangen sind?"
„Die Existenz des Mannes ist auch heute noch das A und O des Familienstandes-, rief er ungestüm aus. „Ein Mann der nicht danach fragt, handelt gewissenlos."
„Glaube, Liebe und Opferbereitschaft sind das Wichtigste für ein glückliches Familienleben", sagte sie.
„Wie viele Ehen zerbrechen, obwohl der Mann eine sichere Existenz hat. Sei doch nicht so! In zwei Jahren macht Stefan sein Examen; er ist tüchtig und ordentlich — er steht allein, und Luise möchte ihm Frau und Mutter sein."
„Unsinn. Sie will in ihrer Dummheit für ihn arbeiten gehen, damit er sorglos leben kann. Ich habe nein gesagt, weil ich ihm nicht traue.-
„Du bist ungerecht und herzlos." Seine Frau hatte zu weinen begonnen. Das hatte ihn hinausgetrieben. Nun stand er also wieder auf dem Kirchplatz und wusste nicht recht wohin. Im Westen sank langsam die Sonne, und das Blau des Himmels verblasste. Aus der Kirche drang der Klang der Orgel an sein Ohr und die Stimmen der Gläubigen tönten herüber: „Meerstern, ich dich grüße..." Er stand und lauschte. Wie Melodie und Worte sein Herz packten und seltsam aufwühlten, wie sie Bilder schufen, die vor vielen Jahren einmal Leben waren.
Er erinnerte sich an damals, als die Mutter ihn das Marienlied und den Rosenkranz singen und beten lehrte, als er Blumen in die Kirche trug. Er sah das Bild klar vor sich: die Statue der Himmelskönigin, ihr liebevolles Lächeln, die vielen Blumen zu ihren Füßen. Und er hörte die Stimme der Mutter: „Wer die Gottesmutter liebt, der meistert auch das Leben."
Das Lied klang aus, die Stimmen verstummten, das große Kirchenportal wurde geöffnet, und nun strömten sie heraus, jung und alt — sie alle, die Maria lieb hatten. Langsam trat Bergen näher, stieg die Stufen empor, betrat die Kirche. Aus dem Dämmerlicht, das die großen, bunten Fenster schufen, hob sich im Schein der Kerzen der Marienaltar heraus. Er schritt den Gang hinauf darauf zu und blieb plötzlich überrascht, beinahe erschrocken stehen. Vor ihm knieten Luise und Stefan nebeneinander auf einem Betstuhl. Ihre Blicke waren zur Madonna empor gerichtet. Sie beteten. Er trat hinter eine Säule und starrte von dort her zu den beiden hinüber. Welch ein Bild des Friedens, durchfuhr es ihn. Die Gesichter der jungen Menschen waren ernst und angefüllt mit kindlichem Glauben und Vertrauen.
„Königin des Friedens, bitte für uns", schoss es ihm durch den Sinn. Hatte er nun wirklich den Frieden in seiner Familie zerstört? War er allein der Unvernünftige, Unbelehrbare? Er
meinte es doch gut mit seiner Tochter. Er starrte das Antlitz der Madonna an und lauschte in sich hinein. War er wirklich im Begriffe, schwere Fehler zu begehen? Würden die beiden da vor ihm denn das Leben meistern und nicht in den zwei Jahren schon zerbrechen, ehe Stefan Heim sein Examen gemacht hatte? Freilich, erinnerte er sich jetzt, erhielt der Junge einen ansehnlichen Ausbildungszuschuss. Und wenn Luise ihren Ver-
dienst solange hinzu tat, dann... Mein Gott, warum fiel im das jetzt, und hier ein, warum sah jetzt plötzlich vieles anders, gar nicht mehr so absurd und unmöglich aus? War er blind gewesen? Oder — wollte er seine Tochter nur noch nicht hergeben, war es väterliche Eifersucht auf den anderen, auf Stefan Heim?
Er tupfte sich mit dem Taschentuch über die leucht gewordene Stirne. „Königin des Friedens, hilf uns", murmelte er vor sich hin. Er wollte doch nicht, dass seine Tochter unglücklich werden sollte. Am Ende hatte seine Frau doch recht, dass er vor lauter Korrektheit das natürliche Maß übersah und der Vernunft die Zügel schießen ließ.
Seine Augen brannten heiß, und sein Schuldgefühl wuchs, als er sah, wie Stefan sich erhob, fort ging, und mit zwei Kerzen in der Hand zurückkam. Eine reichte er Luise und nickte ihr liebevoll tröstend zu. Sie entzündeten die Kerzen und steckten sie
zu Füßen der Gottesmutter in einen eisernen Halter.
Bergers Augen schimmerten feucht. Nein, dachte er, vom Erlebnis des Augenblicks der beiden unter dem Bildnis der Gottesmutter erneut aufgewühlt und ergriffen, zwei junge Menschen, die in ihrer Not zur Himmelskönigin gingen, die dort um Frieden und Glück und um Hilfe flehten, ihren Weg gehen zu dürfen, den sie für gut und richtig hielten, die handelten gewiss nicht leichtfertig und gewissenlos, denen war das Leben bitter ernst. Jedenfalls hatten sie jetzt darum gebetet, dass er, der Vater, ein Einsehen haben solle, weil ihnen soviel daran lag, in Frieden mit ihm zu leben.
Leise zog er sich zurück, verließ die Kirche und schritt ein Stück beiseite. Er musste etwas tun, er wollte kein starrköpfiger, rücksichtsloser Vater sein. Er wollte... Da kamen die beiden die Stufen heruntergegangen, und er schritt ihnen, wie zufällig da-
hergekommen, entgegen.
„Vater!" Die Röte schoss Luise in die Wangen. Angst verschlug ihr die Stimme „Herr Berger ...... begann Stefan Heim, doch Berger unterbrach ihn. „Schon gut", sagte er und wunderte sich, wie leicht ihm die Worte über die Lippen kamen.
"Kommt jetzt mit zur Mutter. Wir wollen noch einmal in Ruhe über alles sprechen. Schließlich bin ich es ja nicht, der Verlobung und Hochzeit machen will."
Als Luise ihre Hand in seinen Arm schob, und ihren Kopf für einen Augenblick an seine Schultern drückte, da war ihm, als würde er unverdient reich beschenkt.
Es wird wieder alles gut, dachte er dankbar.
Lorenz Binkowski in „Rosenkranz"