Die königliche Vergeltung
Von ehemaliges Mitglied 05.07.2020, 07:20
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Männer sind keine Freunde von vielen Worten - auch beim Beten nicht. Als Hildegard mit Heinz verlobt war und allmählich auch seinen Alltag kennen lernte, ergriff eine kleine Gewohnheit sie mehr als religiöse Diskussionen: Jeden Morgen kam er auf dem Weg zur Arbeit an der Kirche mit dem Gnadenbild der „Schwarzen Muttergottes" vorüber. Nie ging er vorbei, ohne die Kirche zu betreten. Dann schaute er einen Augenblick lang zum Altar, stand ebenso kurz vor dem aus dunklem Ebenholz geschnitzten Bilde der Mutter Maria, nahm Weihwasser und verließ nach einer etwas ungelenken Kniebeugung wieder die
Kirche.
Hildegard, die ihn auf diesem Weg oft begleitete, fragte nichts, bis er einmal ganz beiläufig erklärte: „Ich bin das gewohnt seit den Jahren wo meine Mutter noch lebte. Sie bat mich, es so zu halten. Ich tue es und bin der Überzeugung, ohne das Vaterunser und Ave, das ich dort bete, fehlt mir der rechte Auftakt für den Tag. Verstehst du?"
„Sehr gut", erwiderte Hildegard. Sie freute sich, denn sie hatte manchmal gemeint, Heinz dürfte schon etwas frömmer sein. Nun erkannte sie, dass er ein innerlicher Mensch war.
Doch auch nach außen trat Heinz unbeirrt für das Recht und das Gute ein. Und das bedurfte des Mutes in jenen Jahren, wo in Deutschland das Unrecht herrschte.
In der Kirche mit dem Gnadenbild wurden sie getraut, und begannen ein überaus glückliches Eheleben. Hildegard begleitete morgens ihren Gatten in die Kirche und betete mit ihm, nahm an der Autobus-Haltestelle Abschied und kehrte zufrieden in
ihre kleine Wohnung zurück.
Es kam der Krieg. Als ihnen der kleine Sohn Michael geboren wurde, kam der Vater von der Westfront auf Urlaub. Hildegard erlebte Stunden, da Heinz sich schweigend verschloss, obwohl die innere Not in seinen Augen zu lesen war. Die Frau verstand, dass er für den Sohn den Namen des Anführers der himmlischen Heerscharen nicht aus kriegerischer Begeisterung gewählt hatte, sondern dass diese Wahl gerade aus jener inneren Not zu begreifen sei. Er klammerte sich wie ein Ertrinkender an die Vorstellung, dass das »Wer ist wie Gott« des Erzengels einmal den Teufel gestürzt hatte.
Ehe er fort musste, stand er mit seiner Frau noch einmal vor der Madonna in der nahen Kirche. „Ob dieses Gotteshaus unzerstört bleibt?", bangte Hildegard. Er zuckte die Achseln: Alles Zeitliche ist zerstörbar - auch die Kirchen." Sie legte ihre Hand auf seinen Arm: „Wir wollen das Ewige hüten!
Es war ein schweres Scheiden, ein Losreißen. Lang wurden die Kriegsjahre, seltener die Heimfahrten. Die Kirche des Gnadenbildes sank in Trümmer, aber das Bild selbst blieb erhalten.
In einem anderen Gotteshaus fand es Aufnahme und wurde mehr noch als sonst zur Zuflucht der von innerer und äußerer Not bedrängten Menschen. Michael, der Bub, faltete schon die Hände und betete, wie der Vater getan, und das kleine Schwesterchen trippelte brav mit.
Da kam das Ende des Ringens. Keine Nachricht mehr vom Gatten und Vater; daheim Hunger und Trümmer. Mit immer geringerer Hoffnung nahm Hildegard den Weg zum Gnadenbild. Aber sie ging hin - und wenn sie einmal versagen wollte, sah der kleine Michael sie so eindringlich fragend an, dass sie nicht widerstehen konnte.
Ein graues Jahr, indem das Licht der Zuversicht immer mehr nieder brannte ... Eines Tages traf dann das Telegramm ein: „Heinz kommt!" Er kam, von den Kindern stürmisch be-
grüßt, mit Blumen überschüttet - aber nur noch ein Schatten des Mannes, der er einst gewesen war: hager und bleich, einen Granatsplitter in der Brust, eine lange Narbe über Stirn und Kopf.
Die Ehegatten sahen einander an und schwiegen. Auch die Kinder wurden still. Nach schwerem Schlaf war die erste Frage des Heimgekehrten: „Ist unser Gnadenbild noch da?"
Hildegard brauchte nichts zu sagen. Michael nickte eifrig:
„Ich zeig es dir, Papa!" „Ich kenne den Weg auch! ", rief das kleine Mädchen.
Die Blicke von Hildegard und Heinz trafen sich. In dieser Minute schien der Mann ein Stück seines früheren Wesens zurückgefunden zu haben. Dann gingen sie zur Kirche.
Als löse sich ein innerer Krampf, begann er daheim zu sprechen - kurz, abgerissen. Weniger als je liebte er große Worte und doch hatten seine Worte Großes zu berichten: Wie er mit sechs Kameraden eines Spähtrupps in die Hände von Partisanen fiel - gerade in jenem Wald, wo wenige Tage zuvor ein Dutzend Partisanen erschossen worden waren. Nun sahen die sieben Soldaten die Gewehrläufe auf sich gerichtet. Blitzschnell, wie man
es nur in solchen Augenblicken vermag, schloss Heinz mit dem Leben ab. Als ein trostvolles Bild sah er vor seinem Geist die Madonna in der Heimat, die er täglich besuchte. Er zog den Rosenkranz, und mit einem Ave hinüberzugehen.
Aus einer Kopfwunde floss ihm das Blut. Nur wie durch einen Schleier gewahrte er plötzlich eine Frau, die nach seinem Arm griff und ihn zur Seite zog. Dann verlor er das Bewusstsein - und erwachte auf der Ofenbank in einer russischen Hütte, gepflegt von jener Frau, die ihn von den Todgeweihten abgesondert hatte. „Du nicht sterben, du guter Mann, du beten wie wir!", sagte sie. In einer Ecke ihres Hauses hing eine Ikone der Muttergottes. Heinz war überzeugt, die Madonna hatte ihm das kleine tägliche Ave königlich vergolten. Hildegard sagte nichts. Auch die Kinder schwiegen. Aber die Frau drückte die Hand ihres Mannes und der Bub schmiegte sich an ihn. Das Töchterchen indes fragte, als habe es alles verstanden: „Hast du den Rosenkranz noch, Papa?"
Er schüttelte den Kopf: „Als ich später ins Gefangenenlager kam, hat man ihn mir abgenommen. Aber das macht nichts, Kinder - was man drinnen im Herzen bewahrt, kann einem niemand nehmen. Das hielt mich aufrecht.
Die Kleine sah den Vater prüfend an; seine letzten Worte waren ihr zu schwer. Dann kramte sie aus ihrem Täschchen einen Kinderrosenkranz und drückte ihm diesen in die Hand. „Ich schenke dir dafür meinen, Papa!"
Ein erstes gemeinsames Lächeln vereinte die Familie.
Aus „Maria"