Die Madonna von Kozielsk
Von ehemaliges Mitglied Samstag 20.03.2021, 16:33
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Die Geschichte dieses Bildes ist, auch wenn sie an die schrecklichsten Zeiten des Krieges erinnert, mit solch tiefen Gefühlen und religiösen Erfahrungen verbunden, dass es die schmerzlichen Begleitumstände, unter denen es entstand, vergessen lässt.
Und hier handelt es sich nicht um eine jener gefühlsvollen Weihnachtslegenden, die aus den antiken Traditionen und biblischen Erzählungen hervorgehen, und die jedes Jahr in ähnlicher Weise dargestellt werden. Nein, dieses ist eine wirkliche Begebenheit unserer Zeit, die sich vor nur wenigen Jahrzehnten abgespielt hat. Die Erinnerung daran ist noch immer in den Herzen jener lebendig, die sie miterlebt und die sie an die jung Generation weitergegeben haben.
1939 wurden, infolge des militärischen Zusammenbruchs Polens, 15 700 Militärs, Zivilisten, Angehörige der religiösen Orden und Persönlichkeiten aus der Wissenschaft und dem kulturellen Leben, d. h. die wahre Elite der Nation, in drei Lager interniert, die sich in den von der Sowjetunion besetzten Gebieten befanden. Es waren die so genannten »Drillingslager« von:
Kozielsk, Starobielsk und Ostashkow.
Den Kriegsgefangenen wurden alle religiösen Gegenstände weggenommen und die Wächter ließen ihnen nicht einmal die Halskettchen mit Kreuz oder Skapulier, sondern rissen sie ihnen gewaltsam weg.
Unter diesen Bedingungen waren im Lager von Kozielsk ungefähr 2000 Kriegsgefangene, vorwiegend höhere Offiziere, in Baracken und Zelten zusammengepfercht. Ihr Schicksal wurde von einigen Militärkaplänen und einigen Künstlern, Malern und Bildhauern, geteilt, die bei Kriegsausbruch eingezogen worden waren.
Es waren dieselben Künstler, die beim herannahen der Weihnachtszeit, das Bild von der »Madonna mit dem Kind« schnitzten, um so, auch in dieser gottlosen Umgebung, das Ereignis der Ankunft des Erlösers feiern zu können. Sie arbeiteten schichtweise nach einem Entwurf auf einem Stück Papier und geschützt von der solidarischen Komplizenschaft der Mitgefangenen, so dass kein Aufseher es entdeckte.
Als »materia prima« benutzten sie ein breites und abgetragenes Brett, das sie in der Nähe des Lagers (Totenkammer) gefunden hatten. Ihr Arbeitsmaterial bestand aus einem Schnitzmesser, einem rostigen Nagel und einem Dosenöffner. Die anderen, nicht eingeweihten Kriegsgefangenen, bekamen das von einem Kaplan geweihte Bild zum ersten Mal am Heiligen Abend in der Zentralbaracke zu sehen. Was dann geschah, beschreibt ein Augenzeuge folgendermaßen:
„Beim Anblick des von zwei Kerzen beleuchteten Bildes hörte schlagartig das allgemeine Stimmengemurmel auf, und irgendeiner intonierte diese religiöse Hymne:
Deinem Schutz, o himmlische Mutter,
vertrauen deine Kinder ihr Schicksal an.
Segne sie und hilf ihnen in ihrer Not!
Sei du ihr Schutz und Schild
gegen das sie umgebende Böse!
Dieser Gesang war von einer solchen kindlichen Begeisterung durchdrungen, von einem solch inbrünstigen Glauben und zahllosen Tränen der Rührung, dass man in diesem Flehruf um Hilfe fast physisch die plötzliche innere Umwandlung, die in jedem Häftling durch die Gegenwart der Madonna stattfand, spüren konnte. An diesem Abend wagten weder die russischen Soldaten noch die atheistischen Propagandisten auf der Bildfläche zu erscheinen.
Wenn ich heute über die Wandlungsfähigkeit der Menschen zum Guten unter dem Einfluss des Glaubens nachdenke, so kommt mir immer wieder dieser Heilige Abend im Lager in Erinnerung: die Stille, die nach dieser Hymne eintrat, das Gefühl der inneren Reifung, die wir alle in den folgenden Tagen und Wochen verspürten. und die Gewissheit der Brüderlichkeit, die uns auf einmal verband und die unser Zusammenleben und -arbeiten im Lager von einem Tag auf den anderen vollkommen veränderte."
Mitte April des folgenden Jahres begann die Evakuierung der drei Lager von Kozielsk, Starabielsk und Ostashkow mit unbekanntem Ziel. Den Kriegsgefangenen wurde nur erklärt, sie würden in ein Lager mit „besseren Bedingungen" überführt. Die Fahrt ging in Richtung des Waldes von Katyn und von diesem Augenblick an hörten diese Menschen auf zu existieren. Die einzige Ausnahme von diesem Schicksal bildeten 400 Häftlinge aus Kozielsk, deren Zug sie aufgrund einer falschen Weichenstellung anstatt in den Wald von Katyn in das Lager von Griazoviex brachte. So blieben von den 17 500 Kriegsgefangenen allein 400 Menschen am Leben. Zusammen mit dieser (Truppe, versteckt unter dem Mantel eines Soldaten, reiste auch das Bild der Madonna von Kozielsk.
In den darauf folgenden Jahren kam dieses Bild, von den Soldaten und Zivilisten eifersüchtig bewacht und gehütet, nach einer langen und gefahrvollen Wanderfahrt, die es durch Sibirien, Kirgisien, Usbekistan, den Iran, Ägypten und Italien führte, schließlich auf die britischen Inseln.
Heute befindet sich das Bild über dem Altar der Kirche der polnischen Kolonie in London, verehrt von allen Exilierten und von vielen gläubigen Engländern.
(Aus „pro fratribus)