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Die Madonna zwischen den Fronten

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 16.09.2020, 08:10


Kein Erlebnis hat mich so erschüttert wie jene Nacht vom 30.April zum 1. Mai. Auf dem Marktplatz einer rheinischen Stadt standen dicht gedrängt, Kopf an Kopf, gegen zehntausend Jungmänner. Dumpfes Murmeln wogte durch das Meer der dunklen, nur von wenigen Laternen beleuchteten Gestalten. Ich stand abseits.
Ich sah, wie erst ein schwankendes Lichtlein in die Höhe huschte, wie sich dann Licht auf Licht aus dem einen schwankenden gebar und wie dann ein strahlendes Meer von flackernden Kerzen Blumenbüsche und Girlanden erstehen ließ und sah zuletzt, gerade als das Glockenspiel von St. Anna die Mitternachtsstunde schlug, wie aus dem vielen Licht Maria, die Maienkönigin, erwuchs. Eintausend, zweitausend, zehntausend Jungmänner, — Schweigen.

Dieses Schweigen hatte etwas Gewaltiges — dieses Atemanhalten dieser munteren, quecksilbrigen rheinischen Jugend etwas Großes! Und dann: Zehntausend Jungmänner singen! —Maria, Maienkönigin, dich will der Mai begrüßen.
Ich gestehe, — doppelt von Ferne sah ich diesem Geburtstag des Maien zu, der in seiner ergreifenden Art mich so packte.
Nicht nur, dass ich all den Jungmännern fremd war und landfremd dazu — ich war auch ihr fremd geworden, ihr, der Jungfrau Maria und ihrem Kinde! Allen Heiligen und Gott! Und der heiligen Kirche — ich fand nicht zu ihr. So war ich traurig, dass ich abseits stand von dieser frommen Feier, glaubte ich doch, mich nicht beugen zu können, weil ich — ach so vieles besser wissen wollte.

Gerade war ich im Begriffe, davonzueilen, um nicht weich zu werden, da fasste mich jemand an der Schulter. Ich sah herum, es war ein französischer Offizier. Einen Augenblick fuhr es mir durch den Sinn davonzulaufen, hatte ich doch erst einige Wochen vorher böse Erfahrung mit der Besatzungsbehörde gemacht. doch der Blick des Mannes war so eigenartig, dass ich verwundert stehen blieb.
„Verzeihen Sie", sagte der Mann unsicher, ja beinahe erschrocken. „sagen Sie mir, ob ich träume: Waren Sie Infanterist in diesem Krieg?" Ich wusste nicht, ob ich lachen sollte, so dumm schien mir diese Frage. Schließlich sagte ich: „Ja!"
„Sind Sie — haben Sie — mein Gott, wie soll ich fragen, haben sie an der Priseux-Ferme, am Brunnen, die Madonna mit Blumen geschmückt? Sie wissen — 18! Im Mai, wie jetzt!"
Er hatte mich an den Armen gefasst und mich so lebhaft geschüttelt, wie seine Sprache war.
In meinen Gedanken aber schwirrte es durcheinander. Priseux-Ferme! Wie oft hatten wir sie gestürmt! — Der Brunnen, ja der Brunnen. — Ich hatte mich verlaufen, wie es sich später herausstellte. Es gab zwei Brunnen, der eine zwischen den beiden Linien, dicht an der genannten Ferme, beinahe an der gegnerischen Front — der andere weiter rechts in einer Schlucht. Hatte man es mir falsch gesagt, oder was weiß ich —ich war zum linken Brunnen gelaufen.
Mit vier Kochgeschirren und etlichen Feldflaschen kam ich angeklappert. Niemand außer mir war zu sehen. Ich wähnte natürlich unsere Posten vor uns. Der Brunnen lag unter ein paar Linden an einem Gebüsch. Neben dem Brunnen stand eine alte verwitterte Marienstatue. Ich schöpfte mir nun meine Gefäße voll, trank etwas — und dann — es war ja so heiß damals — zog ich mich aus und badete darin. Das kalte Wasser war ein wunderbar belebender Genuss.

Nachdem ich mich angezogen hatte, pflückte ich ein paar blühende Zweige und Blumen und schmückte damit die Marienfigur. Dabei fiel mir die Maienzeit ein. Andere Jahre weilte ich daheim und konnte zur Maiandacht gehen. Diesmal? — Ich kniete hin und betete. Darauf nahm ich meine Geschirre und rückte ab. Bald war ich wieder im schützenden Laufgraben. Mehrere Lagen deutscher, schwerer Granaten heulten über mich hinweg und schlugen in und um die Gebäude der Ferme mit berstendem Getöse ein. Die Erde zitterte. Ich suchte mein Heil in schleunigster Flucht.
Schweißdampfend und wütend langte ich endlich bei den Kameraden an, denen ich schimpfend erzählte, dass die eigene Artillerie nichts weiter kann, als zu „kurz" schießen. Jetzt stellte sich heraus, dass ich an den falschen, außerhalb unserer Front gelegenen Brunnen gelaufen war.
Dieses Erlebnis war mir bei der Frage des Franzosen sofort aufgetaucht. Als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, zerbrach ich mir den Kopf, woher dieser Mann mein Erlebnis wissen konnte. Er enthob mich der Frage, indem er weiter sprach: „Ja, ja, Sie sind es, Sie sind es! — Ist es so?"

Ich konnte nur stumm mit dem Kopf nicken, so erregt war ich. Er zog mich mit sich fort.
In seiner Wohnung saßen wir uns gegenüber. Nach einer langen Pause erzählte er: „In dem Gebüsch, von dem Sie Zweige brachen, haben wir gesessen. Zwei Korporäle und fünfzehn Mann. Der Posten sah Sie ankommen. Er wollte schießen. Ich hinderte ihn daran und gebot den anderen lautlose Stille, weil ich annahm, dass Sie nicht allein zum Brunnen gelaufen sein würden. Wir hielten es für eine unerhörte Kühnheit, dicht vor unseren Stellungen das Trinkwasser zu holen. Alle siebzehn Mann standen wir hinter den Büschen verdeckt und belauschten Sie. Siebzehn Mann hatten Ihnen das Leben zu verdanken.
Was war das für ein sonderbarer Anblick, einen Gegner, einen Feind, blank und bloß sich mit Wasser beschütten zu sehen. Zu baden, obwohl der Tod hinter den Büschen hervor lauerte! Denn wir waren fest entschlossen, Sie nicht laufen zu lassen, wie es sich versteht. — Bei dem geringsten Fluchtversuch nachdem Anruf schießen! — Das war selbstverständlich!

Der Posten vom Schnellladegewehr richtete andauernd seinen Lauf nach Ihnen. Es war ein junger Rekrut, dem es noch eine Heldentat gewesen wäre, Ihre nackte Haut zu zerfetzen. Etliche aber waren, die um Sie zitterten. Uns paar Alten war es wie im Theater, wo das Publikum um seinen Helden bis zum letzten Aktschluss bebt.
Sie zogen sich an. — Gleich wird er gehen. — Und gleich wird er angerufen werden, wird davonlaufen wollen — nein, mehrere Schüsse werden die Stille durchpeitschen — er aber wird zusammensinken.
Ich blickte meine Leute an. Der am Schnellladegewehr verfolgte Sie mit den Augen wie ein Raubtier. Alle aber hatten die Brauen fest zusammengezogen, da sie jeden Augenblick das Drama erwarten konnten.
Es war eine Spannung sondergleichen.
Ich überlegte, ob ich hinauslaufen sollte und Sie festhalten, damit keiner schieße. Mir klopfte das Herz, als hätte ich nie einen Krieg und seine Konsequenzen gesehen. Sie aber pflückten Blumen. Brachen vor unseren Köpfen ein paar Zweige ab. Wir warteten was Sie tun würden.
Die Madonna!
In ihren Arm legten Sie die Blüten!
Zu ihren Füßen knieten Sie hin!
Der Mann am Schnellladegewehr stieß sein Gewehr beiseite und starrte. Unsere Augen weiteten sich, verloren sich in dem Bild des friedlich betenden Boche.
Erst als Sie beinahe an den schützenden Mauern der Ferme waren, erwachten wir aus unserer Betäubung. Der Posten hantierte am Magazin seines Gewehrs — ein anderer Mann blickte mich fragend an. Ich winkte ab. —

Kaum waren Sie indessen verschwunden, so stürzten wir aus den deckenden Büschen und traten zum Marienbild, das einige von uns bisher noch gar nicht gesehen hatten. Wir hielten ihre Blumen in der Hand, und hier — sehen Sie, in meiner Brieftasche dieses vertrocknete Blümchen im Papier — haben Sie gepflückt! — Ich trage es immer bei mir, denn es hat uns das Leben gerettet, wie auch vorher Ihnen!
Ja — vielleicht erinnern Sie sich, — Sie können nicht weit gewesen sein, als es heranheulte. Erst vier, dann noch einmal vier Schüsse schweren Kalibers. Drei davon gingen mitten hinein in das Gebüsch, in dem wir noch vor wenigen Sekunden gestanden hatten. Dort wären wir ja auch geblieben, wenn wir nicht alle herausgestürmt wären, um Ihre Blumen und die Madonna zu sehen. — Wir blieben sämtlich unverletzt. Nur unsere Sachen und Gewehre, die dort geblieben waren, lagen zerschlagen, waren herumgespritzt oder in die Erde hineingebohrt.
Können Sie sich denken, dass wir noch lange von Ihnen sprachen, dass Sie noch lange unser heimlicher Held gewesen waren?
Heute aber — ich hatte ihr Gesicht kaum und auch anders im Gedächtnis, und doch erkannte ich Sie! Sei es Zufall, sei es Schicksal oder Fügung, es gibt Dinge, die wir nicht enträtseln können."
Es ist nicht mehr viel zu sagen. Der Franzose und ich schieden als Freunde. Am nächsten Tag aber und an allen folgenden Tagen standen wir zwei beieinander in der Nähe des Marienaltars und feierten die Maiandacht, wie am 1. Mai die zehntausend Jungmänner. Ich aber nicht mehr fern, sondern mitten unter ihnen. Mitten unter dem Mantel Mariens, die ihren Schutz all denen leiht, die sie darum bitten.

Jörg Breuer
in „Die Wacht" 1931/32, Düsseldorf


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