Die Marienmedaille
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 26.05.2020, 07:34
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Die Muttergottes-Medaille rettet vor der Guillotine
Ein französischer Verbannter aus gräflichem Stamme, der den größten Teil seines Vermögens den berüchtigten Revolutionären Robespierre, Danton, Marat und Konsorten entriss, erzählte oft folgende Begebenheit aus seinem Leben:
Ich saß schon längere Zeit im Gefängnis in Paris und sah mit hundert anderen der Vollstreckung des Todesurteils entgegen. Eines Morgens trat der Kerkermeister ein und rief die Namen derer auf, die bestimmt waren, ihr Haupt unter das Fallbeil
zu legen. Die Totenliste mochte ungefähr 50 Namen enthalten.
Auch ich war darunter. Eine namenlose Verwirrung entstand! Die einen weinten, andere fluchten, manche jedoch lobten und dankten Gott für die Stunde der Erlösung.
Alle hatten bereits das Gefängnis verlassen, nur ich war noch zurück. „Ach haben Sie Geduld mit mir!", rief ich dem Kerkermeister zu, „ich habe heute Nacht meine Medaille verloren, ohne diese kann ich doch nicht gehen. „Medaille, was für eine Medaille?", rief dieser unwillig aus.
„Meine Medaille", antwortete ich, indem ich mit ängstlicher Hast das Kerkerstroh durchsuchte.
„Vorwärts!"
„Ach, seien Sie barmherzig, gönnen Sie mir nur einen Augenblick, bat ich ihn auf den Knien. „Mein ganzes Leben hindurch habe ich die Medaille auf der Brust getragen und jetzt — auf meinem letzten Gang?" — Die Stimme versagte mir. Ich erwartete einen heftigen Zornesausbruch des unbeugsamen Gebieters und dachte nichts anderes mehr, als daß dieser die Wache rufen und mich mit Gewalt hinwegführen lassen würde.
Doch wie täuschte ich mich! Er blieb völlig ruhig und sprach:
„Nun, so bleiben Sie heute ohne Medaille am Leben um morgen mit derselben die Guillotine zu besteigen." Mit diesen Worten kehrte er mir den Rücken und warf die Tür des Gefängnisses ins Schloss. Im selben Augenblick fand ich die Medaille. Ich rief den Kerkermeister, er hörte mich nicht mehr. Ich nahm mein Kleinod und küsste es mit Innigkeit, als hätte ich das Leben gewonnen.
Am nächsten Morgen öffnete sich die Gefängnistür, ein fremder Kerkermeister, den ich nie zuvor gesehen, trat ein und nannte die zur Hinrichtung bestimmten Opfer. Ich war nicht dabei. Die Ursache blieb mir unbekannt. Vielleicht glaubte man mich bereits dem Henkerbeil verfallen, vielleicht ward ich als Flüchtling notiert.
Nach ungefähr acht Tagen hörte man plötzlich eines Abends im Hof den Ruf: „Feuer!" Gleich darauf sprang die Tür des Gefängnisses auf und eine Stimme, welche ich für die des früheren Kerkermeisters hielt, rief: „Rette sich, wer kann!"
Offenbar war die Entstehung des Feuers keine zufällige, sondern sollte den Gefangenen ein Mittel zur Flucht bedeuten.
Diese Absicht hatten wir schnell erraten und jeder beeilte sich nun, den günstigen Augenblick zu nutzen. Ich war einer der ersten, die aus dem Gefängnis entkamen. Die Flucht gelang indessen nur sehr wenigen, da die Wachen, nachdem sie sich vom ersten Schrecken erholt hatten, rasch alle Ausgänge besetzten.
Ungehindert passierte ich, begünstigt vom Dunkel der Nacht, die Gassen der Stadt.
Nach wenigen Tagen hatte ich glücklich die Rheingrenze erreicht. Ein alter Freund meines verstorbenen Vaters traf mich
in Straßburg. Er verschaffte mir die nötigen Mittel zum Fortkommen. Mein einziger Wunsch war nun, meine Frau und meine Kinder, zwei Mädchen von zehn und zwölf Jahren, wieder zu finden. Bei meiner Verurteilung hatten sie den Entschluss gefasst, das Vaterland, das ihnen nichts mehr bieten konnte, zu verlassen und in irgendeiner Stadt Deutschlands, am liebsten in der katholischen Rheingegend ihren Aufenthalt zu nehmen.
Ohne Zweifel war ich in ihren Augen längst ein Opfer der wütenden Revolutionspartei.
Emsig forschend wanderte ich den Rhein auf und ab.
Kein Städtchen, kein Fleckchen, beinahe kein Dorf entging mir. Meine teueren Angehörigen musste ich finden, ohne sie hatte das Leben keinen Wert mehr für mich.
Zwei volle Jahre waren bereits verflossen und meine Nachforschungen, so eifrig ich sie auch betrieben hatte, führten nicht zum Erfolg. Die Hoffnung des Wiedersehens begann allmählich zu schwinden. Eines Tages wohnte ich in einer Kirche dem Gottesdienst bei, wie ich bei meinen Wanderungen fast täglich zu tun gewohnt war. Schon ging derselbe zu Ende, die Versammlung zerstreute sich, nur wenige Andächtige waren noch zurückgeblieben. Ich ging in eine Seitenkapelle, in welcher eine in tiefe Trauer gehüllte Dame und zwei Mädchen, die vor einem Marienbild in Andacht knieten, meine Aufmerksamkeit erregten. Es war offenbar eine Mutter mit ihren Kindern. Da ich ihnen in einer Entfernung von 15 bis 20 Schritten im Rücken
stand, konnte ich weder das Gesicht der Dame, noch das der beiden Mädchen sehen, aber der Gedanke: Hier sind deine teuren Angehörigen, hatte mich mit einmal erfasst. Ich verließ die Kapelle und suchte mir im Schiff einen geeigneten Platz.
Dort konnte ich unbemerkt jeden, der die Kirche verließ, beobachten.
Nach einer viertel Stunde bangen Wartens erhoben sich die Beterinnen und verließen die Kapelle. Wer beschreibt meine Ge fühle, als ich in ihnen meine geliebte Gemahlin, meine teuren Kinder erkannte! - ich wagte es nicht, dem Zug meines Herzens
zu folgen und sie sogleich in meine Arme zu schließen. In einiger Entfernung folgte ich ihnen, bis ich sie in einem etwas abgelegenen Haus eintreten sah. Bald hatte ich in Erfahrung ge bracht, daß diese Leute seit ungefähr einem Jahr hier wohnten.
Nun endlich hatten wir uns wieder gefunden. Unser erstes war, dem unsichtbaren Lenker der Welt, der uns so wunderbar beschützt und wieder vereinigt hatte, sowie der heiligen Gottesmutter Maria aus innigster Seele unseren Dank darzubringen.
Noch trage ich, fügte der edle Graf hinzu, die Marienmedaille, der ich die Erhaltung meines Lebens verdanke, auf meiner Brust, wie ich sie einst im Gefängnis zu Paris getragen habe. Selbst der Tod und das Grab sollen sie mir nicht rauben.
Gekürzt aus „Marien-Geschichten" von Dr. Keller Verlag, Kirchheim, Mainz.