Die Mariensäule in München
Von ehemaliges Mitglied Samstag 04.07.2020, 06:43
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Spätherbst 1944. Offizierskurs in einer Münchner Kaserne. Die Stadt war wieder einmal das Ziel eines furchtbaren Bombenangriffes geworden. Kaum war der Angriff vorüber, kam der Befehl zum Rettungs- und Aufräumungsdienst. Vorbei an brennenden Häuserreihen marschierten wir in die sterbende Stadt. Ich erhielt mit einigen Kameraden den Auftrag, am Marienplatz zu helfen. Wie sah es da aus! Das Rathaus stand in Flammen. Die Mariensäule starrte, der herrlichen Marienstatue beraubt, düster in den brandroten Himmel. Gegenüber dem Rathaus war gerade eine ganze Häuserfront brennend zusammengestürzt und hatte eine Anzahl Menschen unter sich begraben. Wir gruben in dem hoch rauchenden Schutt fieberhaft nach ihnen. Und bald stießen wir auch schon auf den ersten Verschütteten. Schnell hatten wir ihn freigelegt. Er war noch warm — aber schon tot. Ein Unteroffizier der Flak aus Graz, konnten wir dem Soldbuch entnehmen. Behutsam trugen wir ihn vom Schuttberg und legten ihn zu Füßen der Mariensäule. Ein paar herumliegende Bretter lehnten wir darüber, damit nicht jeder Vorübergehende den Toten sehe. Wir gruben noch weiter nach anderen Verschütteten, wurden aber dann bald abgelöst. Oft hatten wir solche Einsätze, aber dieser Einsatz in der Herzmitte meiner geliebten Heimatstadt hat sich mir wohl am tiefsten eingeprägt.
Einige Zeit nach Kriegsende fiel mir ein schlichtes Buch in die Hände, „Maria im Volk", gedruckt 1929. Da fand ich unter anderen folgende Geschichte:
„Unseren Gruß zuvor, umsichtige, ehrsame, weise, liebe Getreue! Nachdem man bei vorgegangenem feindlichen Einfall, in dem der Feind auch diese unsere Haupt- und Residenzstadt okkupiert, augenscheinlich erfahren, dass der allmächtige Gott allhiesige Stadt, und zwar unzweifelhaft durch Fürbits, der allerseligsten Himmelskönigin und Mutter Gottes Mariä als besondere Patronin und Beschützerin unseres Landes gemeldete Stadt von Brand und anderem feindlichen Verderben sonderlich behütet und errettet, und wir daher zur schuldigsten dankbarsten Bezeigung und Seiner göttlichen Majestät zu besonderem Lob, auch der heiligsten Himmelskönigin zu Ehren und ewigem Gedächtnis ein öffentliches Monumentum von einer Säule und darauf stehenden U. L. Frau Bildnis, also inmitten des Platzes aufrichten und künftigen Montag damit einen löblichen Anfang zu machen vorhaben, haben wir's Euch zu Eurer Nachricht und Wissenschaft hiermit gnädigst notifizieren wollen und sind Euch dabei in Gnaden gewogen. "
Mit diesem Erlass, gegeben am 12. Dezember 1637, einige Zeit nach Abzug der Schweden — also im Dreißigjährigen Krieg — lud der bayrische Kurfürst Maximilian den Bürgermeister, den Stadtrat und die Bürger der Stadt München ein, der Grundsteinlegung der Mariensäule beizuwohnen, welche noch heute am Marienplatze steht.
Im Jahre 1855 wurde die Säule restauriert, das Reliquiengefäß von 1638 auf dem Haupt Mariens wurde in eine neue silberne Kapsel eingeschlossen und die Figur neu vergoldet.
Die Restaurierung der Mariensäule geschah aus großer Dankbarkeit gegenüber der Gottesmutter, denn im Jahre 1854 wütete in München die Cholera. Am 28. August 1854 zog aus der Peterskirche eine feierliche Prozession unter dem Vorantritt des Erzbischofs Karl August mit brennenden Kerzen an die Mariensäule zu einem feierlichen Bittamt. Von diesem Tag an minderte sich die Zahl der Sterbenden, die Krankheit nahm rasch ab, und zum Dank wurde am 3. Oktober neuerdings eine Riesenprozession von St. Peter veranstaltet, an der wieder der Erzbischof und sämtliche Minister teilnahmen. Am Mittag fand ein feierliches Dankamt zu den Füßen Mariens statt, nachmittags ein Rosenkranz mit Litanei. Anschließend an diese Gottesdienste bildete sich, wie seinerzeit 1681, eine religiöse Vereinigung, ein Bürgerbund zur jährlichen Abhaltung des Cholera-Amtes am 28. August. Am Geburtstag des Königs (17. November) wurde der Schrannenplatz in Marienplatz umgetauft.
An dem großen Dankgottesdienst nahm der Jungmann Franz Xaver Brantl, Schreinergeselle, damals 19 Jahre alt, und Maria Giehrl, Schreinerstochter von München, die erst 18 Jahre zählte, teil. Diese beiden Menschenkinder, die auf ehrbare Weise eine nur ihnen bekannte Liebe zueinander im Herzen trugen, hielten sich jedoch ganz hinten im Zuge, wo, wie das immer so zu sein pflegt, schon etwelche Unordnung herrschte; so konnten sie nämlich während der Feier nebeneinander stehen, wohingegen im wohlgeordneten Festzug weibliche und männliche Teilnehmer getrennt gingen. Sie störten jedoch die Feier nicht etwa durch törichtes Geschwätz, sondern es genügte ihrer Liebe, still eines neben dem anderen stehen zu können. Acht Jahre später wurden diese zwei Mann und Frau, weil der Vater des Mädchens gestorben war und die Mutter jetzt in ihre Ehe einwilligte. Franz Xaver Brantl übernahm hierbei die Schreinerei, die der Verstorbene hinterlassen hatte. Es waren aber diese Eheleute recht herzliche Verehrer Unserer Lieben Frau. — Xaver, der auch das Bildschnitzen nebenher ein wenig gelernt hatte, pflegte, soweit ihm die Schreinerei Zeit ließ, in den Musestunden Muttergottesbilder zu schnitzen, und diese verschenkte er, nachdem er sie zu weihen gegeben, jeweilen an Verwandte und Freunde zu ihren Familienfesten. Er bemühte sich, diese kleinen Statuen derjenigen, welche von der Säule getragen ist, ähnlich zu machen. Nach öfterer Wiederholung gelang ihm die Ähnlichkeit einmal besonders gut, darum schenkte er diese Statue seinem eigenen Weib, dieses trug sie zu weihen, und sie stellten sie dann in ihrer Wohnung auf, unter dem Kruzifix, das nach ehrwürdigem Brauch in einer nach Osten gerichteten Ecke des Zimmers angebracht war. Hier verrichteten sie auch ihre täglichen Gebete.
Die Ehe war nur mit zwei Kindern gesegnet, einem Sohn und einer Tochter. Der Sohn zeigte keine Neigung für das Handwerk des Vaters, sondern ergab sich dem Handel, worin er viel Glück hatte. Mit fünfunddreißig Jahren war er ein wohlhabender Mann, da starb er eines jähen Todes, ihm folgte ein Jahr später in frühem Heimgang, zufolge schweren Kindbettes, seine Schwester nach. In diesen Jahren vergossen die vielgeprüften Eltern viele Tränen vor dem Kruzifix und dem geschnitzten Marienbild, vor Christus unserem Herrn und Maria (denn sie wussten gar wohl, dass man nicht das Bild selber anbete).
Es fiel dem Vater Brantl späterhin noch lange aufs Herz, dass er von seinem Sohne Geld geerbt und dass sie nun von diesen Zinsen dieses Erbes leben sollten, denn er war inzwischen zu alt geworden, um weiter zu schreinern. „Maria", sagte er zuweilen zu seinem Weibe, „ob du es mir nun glaubst oder nicht — es tut mir jeder Pfennig weh, den ich davon ausgebe. Sie glaubte es ihm aber schon. Und sie kamen überein, dass, wenn sie einmal beide gestorben seien, dieses Geld niemand anderem gehören sollte als Unserer Lieben Frau, indem sie es nämlich als Benefiz für einen Priester der Dompfarrei vermachen wollten. — Früher hatten viele Leute wenn sie an der Mariensäule vorübergingen, ehrfürchtig gegrüßt, auch konnte man nicht selten Männer und Frauen aus dem Volk vor der Einfassung des Denkmals knien und ihre Andacht verrichten sehen. Inzwischen wurde München immer größer, es gingen immer mehr Menschen an der Mariensäule vorüber, aber immer seltener kam es vor, dass dort jemand sein Gebet tat. Später, als die Bevölkerung noch weiter gewachsen war, wurde auch das bloße Grüßen vor dem Bild Mariens am Platz recht selten, das Beten hörte überhaupt auf. Wieder ein paar Jahre später grüßte niemand mehr, und die Männer behielten alle ihren Hut auf dem Kopf.
Dieses Verhalten in seinen Veränderungen hatte das Ehepaar Brantl mit Betrübnis verfolgt. Und sie vereinbarten, dass zur Sühne, in unauffälliger Weise, jedes jeden Tag ein paar Ave Maria dort bete. So hätte man sie, sofern man ihrer achtete oftmals wie zufällig in der Nähe der Säule stehen sehen können. Xaver nahm dann wie zufällig seinen Hut ab, und so beteten sie. Aufsehen wollten sie nämlich mit dieser frommen Übung nicht erregen, nicht aus Menschenfurcht, sondern aus Bescheidenheit. Hingegen sagte Brantl manchmal zu seinen infolge allmählichen Hinsterbens seltener werdenden Freunden, wenn er ihnen etwa begegnete, mit aufrichtiger Betrübnis: „Das kann kein gutes Ende nehmen, dass alles so gleichgültig an der Mariensäule vorbeiläuft; denn das Marienbild steht da auf dem Hauptplatz der Stadt, die Stadt aber ist die Hauptstadt vom Land, und das Land ist der Muttergottes geweiht. Wenn aber unsere Patronin den Leuten nichts mehr bedeutet, wird eines Tages das Land selber auch nichts mehr für die Patronin bedeuten. Sollte mich wundern, wenn das ein gutes Ende nimmt, ich glaub's nicht. Aber man hörte auf solche Worte nicht viel, auch sagten schließlich seine Freunde zueinander: „Jedes Mal, wenn man den Brantl trifft, fängt er von seiner Mariensäule an, er wird halt auch schon langsam kindisch."
Hingegen sprach einmal des Brantl gutes Weib zu ihm über diese Sache, und sie sagte, seit mindestens zehn Jahren, nein schon seit fünfzehn, seien sie und er selber, ihr Mann, die zwei allereinzigen Menschen im ganzen Bayernland, die noch im Geheimen ein Ave Maria beten an diesem Marien- und Hauptplatz der Hauptstadt, wo doch das Land Maria geweiht ist, das könne wohl kein gutes Ende nehmen. — Er antwortete ihr, dass er das auch immer sage, aber er merke, dass man nicht einmal mehr auf ihn hört. Xaver Brantl und sein Weib gehörten nun allmählich zu den ganz alten Bürgern der Stadt.
Und es wurde infolge des angeschwollenen Verkehrs, der elektrischen Tramways und Autos und Wagen, für sie immer gefährlicher, den Marienplatz zu passieren. Da schlug Xaver einmal vor, sie sollten nun nicht mehr an den Marienplatz selber gehen, sondern in der Nähe, am besten vom Markt herauf an der Peterskirche vorbei, und von der Gasse vorn zur Mariensäule hinunterschauen. Aber als sie da in der Gasse standen und nur so von weitem zur Mariensäule hinguckten, da war es ihnen beiden zu arg, und sie sagten zueinander: es wäre doch gar zu traurig, dass auch sie zwei allereinzigste Menschen im Bayernland, die bisher noch ein Ave Maria im geheimen gebetet hätten an diesem Marien- und Hauptplatz der Hauptstadt, jetzt mit dieser Übung aufhören und nur so von weitem vorgucken sollten, wo doch das Land Maria geweiht sei, sie wollten doch nicht mitschuldig sein, wenn das einmal kein gutes Ende nähme. — Deshalb gingen sie doch wieder, mit großer Vorsicht, vor bis zum Marienplatz und in die Nähe der Säule.
Als sie nach diesem Spaziergang heimgekommen waren, musste sich Frau Brantl zu Bett legen, denn es war ihr nicht gut. Sie merkte aber gleich, dass sie nicht mehr aufstehen würde, und sie sagte zu ihrem guten Mann, der mit einer Zeitung neben ihr auf einem Stuhl neben dem Bettrand saß: „Geh, Xaver, ich mein, es wär schön, wenn du jetzt die Muttergottes vom Wohnzimmer da ins Schlafzimmer hereinstellen möchtest, es ist doch die von der Mariensäule und ein Kreuz hab ich ja hier." Sie deutete aber auf das Sterbekreuzlein neben ihrem Bett. Da erschrak Xaver heftig und sagte: „Ja, Mutter, wie meinst du denn das jetzt?" — Da schaute sie ihn freundlich an und sagte: „Ja, Xaver, ich mein, dass ich unsere Kinder bald wiedersehen werd!" — Ihm zitterten die Knie und er ging unter dicken Tränen das geschnitzte Muttergottesbild holen; das stellte er auf ein Tischlein im Schlafzimmer und stellte das Tischlein so, dass sein Weib das Bild vom Bett aus gut sehen konnte. Da sagte sie: „Dank schön." — Und nach einer Weile ruhigen Liegens schlug sie die Augen auf und sagte: „Xaver!" — „Ja Mutter." „Xaver, mir hat was geträumt in diesem Augenblick." — „Was denn, Mutter?"
„Mir hat geträumt, es hätte mein Vater selig zu mir gesagt: Maria, wenn die Zeit kommt, wo kein Mensch mehr am Marienplatz betet, du nicht mehr und später auch der Xaver nimmer, dann kommt eine ganz böse Zeit und für eine Zeitlang ist es dann mit dem Bayernland ganz aus. Und es wird dann nicht eher wieder gut, als bis das ganze Deutschland der Muttergottes geweiht ist, dann kommt auch für's Bayernland wieder eine gute Zeit."
Da erwiderte ihr Mann: „Mutter, das jetzt ist sonderbar, ob du's mir glaubst oder nicht, aber wie du grad vorhin ein wenig geschlafen hast, habe ich dir so zugeschaut beim Schlafen, und da hab ich gedacht, dass du jetzt deinem Vater gar so ähnlich siehst. Und es ist mir vorgekommen, als wäre er selber auch hier im Zimmer, und was meinst du, was er gesprochen hat? — ganz das gleiche, denn er hat gesagt: Wenn die Zeit kommt, wo kein Mensch mehr am Marienplatz betet, dann kommt eine ganz böse Zeit, und für eine Zeitlang ist es dann mit dem Bayernland ganz aus. Und es wird dann nicht eher wieder gut, als bis das ganze Deutschland der Mutter Gottes geweiht ist, dann kommt auch fürs Bayernland wieder eine gute Zeit."
„Ja, Xaver", erwiderte sein Weib, „das ist wahrhaftig sonderbar, es wird wahrscheinlich wahr sein, was meinst du?" —
„Ich glaub, es ist ganz sicher wahr." Nach einer Weile aber bat ihn sein krankes Weib, er solle jemanden um einen Geistlichen schicken, es sei Zeit. Dieser wurde geholt. — Am anderen Morgen aber war der alte Brantl allein, denn sein Weib war zu den Kindern fortgegangen.
Dies war im Jahr 1912. Von da ab tat er allein den kleinen täglichen Gang zum Marienplatz in die Nähe der Säule, wenngleich zuweilen mit einiger Furcht vor den Wagen und Autos. Da hielt er nun als Letzter seine kurze Andacht und Marien- Ehrenwacht. Aber im Februar des Jahres 1914 sank er am Fest Maria Lichtmess neben dem so genannten Metzgerbrunnen am Marienplatz plötzlich nieder und war tot; sein Angesicht war noch der Mutter Gottes auf der Mariensäule zugewandt, und es war die Stelle, auf der er gestorben war, fast die gleiche wie die, an der er, neunundfünfzig Jahre früher, an der Seite des insgeheim von ihm geliebten Mädchens, seines späteren Weibes, dem Festgottesdienst unter der Mariensäule beigewohnt hatte.
Aus „Maria im Volk" von Karl Borromäus Heinrich
Soweit die Geschichte. Ich war eigenartig berührt. Lebendig erwachten in mir die Bilder der Schreckensnacht bei dieser Säule. Hat sich das nicht alles erfüllt, was dieses treue Ehepaar geschaut hatte? Die böse Zeit! Der Weltkrieg! Die Revolution! Die Machtergreifung Hitlers! Das Dritte Reich! — Für eine Zeitlang ist es ganz aus — ja, 1/4 der Innenstadt lagen in Trümmer und Asche!
Einige Jahre später hat sich aber auch das andere erfüllt: Im Marianischen Jahr 1954 hat Kardinal Frings in Fulda ganz Deutschland der Muttergottes geweiht. Und als Kardinal Wendel bald darauf diese Weihe für die Münchner Diözese und für die neu erstandene Stadt im Beisein Tausender Münchner Bürger vor dieser Mariensäule nachvollzog, da stand ich auch mit dabei und dankte und freute mich.
1970 wurde dann fast der ganze Marienplatz in eine Fußgängerzone umgestaltet und dabei die Mariensäule restauriert. Seitdem wird nun wieder, angeregt durch die Legio und einige Priester, am Samstag ein öffentlicher Rosenkranz davor gebetet. Bei günstigem Wetter sind es oft 5 - 600 Beter.
Durch dieses Beispiel angeregt, haben eine Reihe von anderen Städten nun ebenfalls begonnen, regelmäßig einen Rosenkranz auf öffentlichem Platz zu beten.
Volk und Reich, welche der Mutter Gottes nicht dienen, werden untergehen, weil sie beraubt der Hilfe einer solchen Mutter, auch keine Hilfe finden bei ihrem Sohne.
Hl. Johannes Damascenus