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Die Rettung

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 17.06.2020, 07:28

Der Zeiger des Tachometers stieg auf 140

Man wartete noch auf einen Fahrgast. Die Ausflügler schauten verärgert aus dem Fenster des Autobusses. Für sechs Uhr war die Abfahrt bestimmt und jetzt war es bereits zehn Minuten über die Zeit. „Abfahren, zum Kuckuck", rief jemand ungehalten. Aber der Fahrer reagierte nicht. Endlich tauchte an der Straßenecke eine Gestalt auf. Eine ältere Frau. „Ein bisschen mehr Tempo", rief jemand zum Fenster hinaus. Die Spannung war verflogen und man lachte über den verspäteten Gast. Der Fahrer ließ den Motor an und half der Frau einsteigen.
„Bitte um Entschuldigung, ich habe meiner kranken Nachbarin noch einen Tee kochen müssen. - Der Wagen rollte an. „Können wir unterwegs auch eine heilige Messe besuchen?", fragte die alte Frau. „Da sind sie aber falsch eingestiegen, Großmama", lachte ein eleganter, junger Mann in Blau, „wir machen einen Sonntagsausflug, keine Wallfahrt." Einige lachten. Die alte Frau hatte ihren Rosenkranz hervorgeholt und ließ die Perlen durch die Finger gleiten. „Ungemütlich so was", wandte sich der junge Mann in Blau an seine Nachbarn. „Den ganzen Tag kann einem so etwas verderben!" Die Angesprochenen lächelten. Der Blaue grub nun seinerseits aus einer prallen Aktentasche ein Paket hervor und machte sich ans Frühstücken. Bald fand er Nachahmer, und bald herrschte im ganzen Wagen Frühstückstimmung.
Nach etwa zwei Stunden Fahrt wurde eine Rast eingelegt. Alles stürzte aus dem Bus und der Wirtschaftsgarten belebte sich. Die alte Frau und der Fahrer blieben im Autobus.
„Wann kommen wir nach Birkenstein?", fragte die Frau. Das konnte er so genau nicht feststellen, es hing von der Gesellschaft ab. Zum Mittagessen würde man wohl dort sein. Warum hat es denn die Frau so eilig? Ja, sie hätte in der Zeitungsanzeige von der Fahrt nach Birkenstein gelesen und da wollte sie einmal die Gnadenstätte besuchen.
Ach so! Der Fahrer erklärte der Frau, dass die Gesellschaft nicht zur Gnadenkapelle wolle, sondern auf den Wendelstein. In Birkenstein sollte nur geparkt werden. Als er die Enttäuschung der Frau bemerkte, setzte er begütigend hinzu: „Sie brauchen ja nicht mitzuklettern. Wir machen die Zeit der Abfahrt aus und unterdessen machen sie ihre Gänge. Aber pünktlich sein, Frau. Die Fahrgäste werden leicht ungeduldig, wenn es mit der Zeit nicht klappt. Die wollen noch zum Tanzen fahren."
Der Frühdurst war gelöscht, die Gäste stiegen ein und der Wagen rollte weiter. Es ging die neue Straße zum Bergsee hinauf. Die letzte Kurve war überwunden und man machte Rast. Der Fahrer nützte die Zeit zur Überprüfung des Motors. Im Wagen betete die Frau ihren Rosenkranz.

Nach etwa einer Stunde waren die Gäste zur Weiterfahrt bereit. Nun ging es bergabwärts. Die Stimmung war ausgezeichnet. Der Autobus glitt langsam dahin. Auf einmal setzte der Motor aus. Der Fahrer stemmte sich mit der ganzen Kraft gegen die Bremsen. Einige Augenblicke schien es, als wollte der Wagen stehen bleiben. Dann hörte man ein Krächzen, und der schwere Bus rollte immer schneller. Es war ein ziemlich steiles Gefälle. Das Tachometer stieg auf achtzig, neunzig und hundert Kilometer. Jetzt kam die große Kurve. Die Straße war zwar breit, aber die Biegung scharf. Einige Fahrgäste schrieen entsetzt auf. Der elegante Herr in Blau verdeckte das angstverzerrte Gesicht mit beiden Armen und warf sich auf den Boden. Panik ergriff die Insassen. Grelles Angstgeschrei. Da schnellte die alte Frau von ihrem Sitz. Hoch erhob sie die rosenkranzumwickelte Linke in die Höhe und schrie laut: „Bleibt ruhig, die Muttergottes wird uns beschützen!"
In diesem Moment der Stille raste der Bus um die Kurve. Der Fahrer riss das Lenkrad nach links. Der Wagen taumelte einen Moment wie unschlüssig mit zwei Rädern in der Luft, dann aber ging es mit rasender Geschwindigkeit die nun gerade Straße ins Tal. Scheu drückten sich die entgegenkommenden Fahr- zeuge zur Seite. Der Zeiger des Tachometers stand jetzt auf 140, am Ende der Skala. Die alte Frau stand noch immer mit hocherhobener Hand. Das Kreuz des Rosenkranzes baumelte um ihr Handgelenk. Mit der Rechten hielt sie sich krampfhaft um die Nickelstange.
Jetzt raste der Autobus über die Querstraße, knapp an einem Personenwagen vorbei, in die Wiese. Ein Glück, dass kein Graben dazwischen lag. Die Geschwindigkeit verringerte sich schnell, dann stand der Autobus still. Der Fahrer saß totenbleich am Steuer. Dicke Schweißperlen bedeckten über und über sein Gesicht, seinen Hals und seine Hände. Mit einem Mal fiel er vornüber auf das Lenkrad. Einige Männer zogen den Ohnmächtigen aus dem Wagen und bemühten sich um ihn. Der große Wagen stand unversehrt mitten auf der blühenden Wiese. Unweit plätscherte ein Bach. Auf der etwa 300 Meter entfernten Straße rauschte der Verkehr weiter. Der Fahrer war zu sich gekommen. Am ganzen Körper zitternd, rang er nach Luft. Die Leute umstanden ihn. „Die Nerven verloren, was?", fragte gutmütig-frech der Blaue. „Aber eine tolle Fahrt war das schon, das muss man schon sagen." - „Es ist ein Wunder, dass wir alle noch leben, ein Wunder, sage ich", sagte der Fahrer und erhob sich langsam. „Ein Wunder Gottes."
Die Gäste hatten sich wieder gefangen. In Gruppen standen oder saßen sie herum und besprachen je nach Temperament das soeben bestandene Abenteuer. Der Fahrer arbeitete zusammen mit einem der Fahrgäste etwas am Motor. Im Wagen aber betete die alte Frau ihren Rosenkranz. Dann fuhr man weiter. Langsam und vorsichtig. Immer wieder murmelte der Fahrer: „Ein Wunder, wahrhaftiger Gott, ein Wunder."
„Ach Mann", sagte der junge Mann in Blau, „quatschen sie doch nicht immer von Wundern. Es gibt keine Wunder, Zufall war das und nichts weiter. Heutzutage gibt es keine Wunder mehr." Er schaute sich Beifall heischend um, aber niemand sagte etwas. Man war in Birkenstein angekommen und der Fahrer parkte vor einer Reparatur-Werkstätte. Man verabredete sich auf sechs Uhr. Die Gesellschaft hatte scheinbar das Abenteuer auf der Bergstraße bereits vergessen. Laut scherzend und lachend stiegen sie zum Wendelstein. Der Fahrer aber folgte der Frau. Und dann knieten die beiden lange vor dem Gnadenbild.

Richard Hardenberg in „Maria"

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