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Die Statue von Dachau

Von ehemaliges Mitglied Dienstag 06.10.2020, 07:16


Als am 29. April 1945 die Soldaten der Dritten amerikanischen Armee ins Konzentrationslager in Dachau einrückten, saß Hermann Tenner in der Stube 4 auf Block 16 und kostete das Alleinsein aus. Von der Lagerstraße drang das freudige Schreien der Mithäftlinge, die nun befreit waren. Er war also jetzt auch ein freier Mensch.
Hermann erhob sich. Er musste jetzt heraus aus dem Lager. Keine Minute der Freiheit wollte er versäumen. Zuerst einmal galt es, wenn er draußen war, Macht zu gewinnen. Macht gewann man durch Geld. Mögen die Träumer auf der Lagerstraße nur johlen! Hermann Tenner zögerte noch einen Augenblick. Er erinnerte sich an die Bitte seines Pfarrers, der vor einigen Monaten in seinen Armen verstorben war, er solle aus dem Gewächshaus III in der Plantage eine geschnitzte Muttergottes ausgraben und mitnehmen. „Es ist viel gebetet worden vor dieser Gottesmutter, und wenn ich tot bin, sollst du sie haben. Stell sie in dein Wohnzimmer, und wenn du einmal eine Familie hast, sollt ihr oft davor beten. Und denkt auch an mich im Gebet", hatte der Pfarrer gesagt. Ach was, soll sie ein anderer ausgraben. Er hatte keine Zeit für solche Sachen.
Die Wochen und Monate nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, als noch alles drunter und drüber ging und niemand so recht wusste, wie er sein Leben neu beginnen sollte, waren für Hermann Tenner schwer. Er musste sich zuerst zurecht finden in dieser Welt, die er sich in seinen Träumen ganz anders vorgestellt hatte. Aber er hielt sich klar an sein Ziel. Er begann, wie die meisten in dieser Zeit, mit Handel. Bald lernte er einflussreiche Leute kennen, die selbst aufzutreten sich scheuten, aber doch ihre Geschäfte machen wollten. Er gewann Einblick in die Machenschaften und mehrte durch geschickte Manipulationen seinen Gewinn. Noch vor der Stabilisierung der Währung besaß er eine Villa am Stadtrand, einen amerikanischen Wagen und hatte seine feste Verbindung zum Ausland.
Ein Jahrzehnt nach der Befreiung aus dem KZ hätte kein Mithäftling mehr den stattlichen, etwas angegrauten Handelsherrn wieder erkannt.
Hermann Tenner war wieder einmal auf dem Heimweg von einer erfolgreichen Geschäftsreise. Das Taxi, mit dem er vom Flugplatz gekommen war, bog auf den Kirchplatz ein und stoppte. Eine Prozession bewegte sich von der Kirche zur Marienstatue, die mitten auf dem Platz aufgerichtet war. Hermann Tenner stieg aus. Die Prozession hielt vor dem Altar, der am Fuße der Marienfigur aufgebaut war. Der Kirchenchor sang Lieder, eine Ansprache folgte. Hermann Tenner drängte sich langsam vor.
Ein Mädchen betete um Frieden auf der Welt, ein anderes um Segen in den Familien und das dritte... Ja, war denn das nicht Susanne? Freilich war das seine Tochter. Die Kleine betete zur Muttergottes um die Bekehrung der Sünder. Und als sie fertig war, zögerte sie einen Augenblick. Dann sagte sie leise, so dass es die Lautsprecher nur wie ein fernes Echo wiedergaben: „Liebe Muttergottes, gib meinem Vater, der soviel unterwegs sein muss, viel Gesundheit und gib, dass er öfters daheim bleiben darf.- Und noch leiser setzte sie hinzu: „Ich hab ihn so lieb."
Hermann Tenner zog sich vorsichtig, wie er gekommen war, zurück. Jetzt durfte ihn seine Tochter nicht sehen. Sein Gesicht brannte. Ein vorher nie gekannter Schmerz wühlte in seinem Innern. Aber es war ein freudiger Schmerz. „Ich hab ihn so lieb", hatte die Kleine gesagt. Und er, der Vater? Diese Liebe hatte er bisher nie erwidert.
Der Taxifahrer wartete. Hermann Tenner stieg ein. „Fahren Sie nach Dachau", sagte er.
Er ließ sich direkt zur Plantage bringen. Seit 1945 war er nicht mehr da gewesen. Es hatte sich nicht viel geändert. Hermann Tenner suchte den Leiter der Plantage auf. Im Gewächshaus III hätte er ein wichtiges Andenken während der KZ-Zeit verborgen, das er heute mitnehmen möchte. Der Leiter führte ihn hin. Hermann kniete nieder und buddelte in dem Sand unter einem der Seitentische. Nach einiger Zeit fühlte er das Holz der kleinen Statue. Sie war im trockenen Sand unversehrt geblieben, eine kleine, unbeholfen geschnitzte Statue. Er verabschiedete sich schnell und fuhr nach München zurück. Am Hauptbahnhof ließ er halten und tat etwas, was er in all den Jahren seiner Ehe noch nie getan hatte: Er rief seine Frau an und sagte, dass er in einigen Minuten daheim sein werde.
Die Frau hatte ängstliche Augen und hielt das Kind fest umschlungen, als Hermann Tenner in das Wohnzimmer trat. Er legte das Paket auf den Tisch, ging zu seiner Frau und küsste sie auf die Stirn. Dann kniete er vor der Kleinen nieder und strich ihr über das Haar. Seine Hand zitterte. Noch kein einziges Mal hatte er sein Kind liebkost: sein Kind, das ihn liebte. Und als die Kleine nach einigem Zögern ihre Arme um seinen Hals warf, fühlte er zum ersten Mal als erwachsener Mensch das große Gnadengeschenk der Liebe. Er trat mit der Kleinen in den Armen an den Tisch, auf dem die Pakete lagen, und hob die Madonnenfigur auf.
„Das ist ein Geschenk, das ich euch mitgebracht habe. Es ist von meinem Pfarrer, der im Konzentrationslager gestorben ist. Weißt du, Susanne, diese Madonna ist etwas ganz Besonderes. In dem Haus, in welchem sie aufgestellt wird, bleibt der Vater immer daheim und wenn er einmal fort muss, weit fort, so nimmt er seine Frau und seine Kinder mit. Er lässt sie niemals mehr allein.


Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

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