Ein Gnadenwunder in Lourdes
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 01.10.2020, 07:15
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Es war am Tag der Einweihung der Basilika Papst Pius X. durch den zukünftigen Papst Johannes XXIII. An diesem 25. März 1958 kniete in Lourdes ein vornehm gekleideter alter Mann vor der Grotte. Seine Züge konnten eine gewisse Härte nicht verbergen, die manchmal Menschen eigen ist, die viel Leid erfahren und es widerwillig tragen.
Wenn er heute hier kniete, so um das Versprechen zu erfüllen, das er seiner sterbenden Frau gegeben hatte. Zu allem Unglück hatte er kürzlich den Tod seines einzigen Sohnes erfahren, der in Algerien sein Leben lassen musste. Seit Jahren hatte das Schicksal Herrn Garnier nur harte Schläge zugeteilt. Die Bitterkeit, die er vor 15 Jahren erlebt hatte, stieg mit neuer Wucht in sein Gemüt. Damals war er wegen unvorsichtigen Reden seines Freundes verhaftet worden, der dann bei den Gerichtsverhandlungen nicht den Mut fand, der Wahrheit die Ehre zu geben, und bei seinen Verdächtigungen blieb. Diese Verleumdungen brachten Herrn Garnier für mehrere Jahre ins Gefängnis. Er verlor sein Vermögen, seine Stellung und seine Gesundheit. Für die Bitten und Gebete seiner Frau hatte er nur Spott und Hohn übrig, wenn sie zu ihm vom Verzeihen sprach. Er dachte nur an die Rache, die er für das empfangene Unrecht nehmen wollte.
Die Treue seiner Frau und ihre vollkommene Unterwerfung unter das, was sie den Willen Gottes nannte, bewog ihn eines Tages, ihr das Versprechen zu geben, bei seiner Haftentlassung eine Wallfahrt nach Lourdes zu unternehmen. Inzwischen hatte der Kummer seiner Frau das Herz gebrochen. Von diesem Tage an versuchte er, etwas mehr zu beten.
Heute aber wollte ihm das Beten nicht recht gelingen. Er lenkte seine Blicke etwas neugierig auf die Beter vor der Grotte. In seiner Nähe hielt eine Mutter in Tränen ein offensichtlich schwerkrankes Kind in ihren Armen. Dort kniete ein junges Ehepaar, das anscheinend seine Zukunft der Gottesmutter empfahl.
Am meisten ergriff ihn ein junges Mädchen, das in seiner Nähe vor der Grotte kniete, ganz in sich versunken, mit ausgebreiteten Armen einer antiken Orante. Alles an ihr schien um Hilfe zu rufen bei der fürbittenden Allmacht. Er fühlte sich weniger verbittert bei diesem Anblick, und er betete sogar für dieses Mädchen um Erhörung in seinem schweren Anliegen, um Trost für das junge sorgenvolle Herz.
In diesem Moment begriff er etwas von der Solidarität der Leidenden. Er erkannte, dass man sein eigenes Kreuz leichter trägt, wenn man an andere denkt. „Der eine trage des anderen Last" kommt ihm in den Sinn, und er betete jetzt für alle Anwesenden, ja für alle Lebenden und Verstorbenen. Dann wohnte er den Messen bei, die im Laufe des Morgens in der Grotte gefeiert wurden.
„Wie auch wir vergeben".
Nach der letzten hl. Messe begann ein Priester, laut den Rosenkranz vorzubeten. Ein Wort des Vaterunsers riss plötzlich die alte Wunde seines Herzens wieder auf: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben..." Nein, das konnte er nicht, er konnte dem nicht verzeihen, der ihm so schweres Unrecht angetan hatte.
Er verließ den Platz in der alten Verbitterung und wanderte während langen Stunden durch die belebten Straßen von Lourdes. Nach und nach wurde er etwas ruhiger, er war schließlich bereit zu verzeihen, aber der Urheber seiner großen Prüfung möge ihm nie mehr vor die Augen treten... das könnte er nicht ertragen. In diesen Gedanken führten ihn seine Schritte in die neu erbaute Basilika, wo die Einweihungsfeierlichkeiten beendet wurden. Er sah und hörte nichts von den Gesängen, er überließ sich seinem Schmerz, bis ihn ein Priester an der Schulter berührte und ihn fragte: „Kann ich vielleicht etwas für Sie tun?..." Herr Garnier wehrte zunächst ab, doch sein Kreuz drückte ihn so schwer, dass er sich entschloss, dem Priester seine Seele bloßzulegen, die nach einer befreienden Beichte — einem Akt der Demut - ihr Gleichgewicht wieder fand. Mit frohem Herzen kehrte er zur Grotte zurück.
Beim Verlassen der Grotte wandte er sich den Brunnen zu, die das Quellwasser verteilen. Hier bot ihm das Mädchen, das er bei der Grotte so innig hat beten sehen, ein Glas mit Quellwasser an mit den Worten: „Lieber Herr, Ihr Leid, das Sie heute morgen auf ihrem Gesicht trugen, hatte mich derart ergriffen, dass ich mein eigenes Leid vergaß, um für Sie zu beten".
„Und ich, mein Kind, hatte zur Gottesmutter gebetet, sie zu erhören in dem, was sie so inständig zu erflehen schienen".
„Ihnen verdanke ich vielleicht, dass ich heute Lourdes so zuversichtlich verlasse; mein Vater leidet nämlich an Kehlkopfkrebs. Seine physischen Leiden sind aber nichts im Vergleich zu seinem seelischen Schmerz; er hat nämlich durch falsche Anzeigen einen seiner Freunde ins Unglück gebracht. Von Gewissensbissen gemartert, hat er in einem Brief Abbitte geleistet, aber, ach, keine Antwort darauf bekommen, und nun verzehrt er sich in der Verzweiflung, dass ihm dieser nicht verzeihen will. Um diese Gnade für ihn zu erlangen, kam ich nach Lourdes, und ich hoffe bestimmt, erhört zu werden. Aber was ist Ihnen, mein Herr, Sie sind so blass geworden?"
Herr Garnier konnte kaum sprechen: „So bist Du also Jacqueline? — Ich bin das Opfer deines Vaters." Das Mädchen wollte erschreckt fliehen. Doch Herr Garnier fügte hinzu: „Sei beruhigt, mein Kind, indem wir für einander beteten, hat der Himmel deinen Wunsch erfüllt und mich von meinem Hass geheilt. Gehen wir zur Gnadenmutter, um ihr zu danken, und dann eilen wir zu deinem Vater, damit er seinen Freund wieder finde, der von heute an nur Gutes tun will."
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München