Eine Bekehrung auf dem Sterbebett
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 08.10.2020, 06:50
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Im Oktober 1881 kamen zu einem Ordenspriester in Rom einige fromme Personen und fragten ihn, ob es wahr sei, dass er hie und da in der Erziehungsanstalt von Poterotto bei den Vorbereitungsübungen auf die erste heilige Kommunion predige. Er bejahte ihre Frage. Seine Besucher sagten darauf: „Pater, in dem Spital von... liegt seit drei Monaten ein Kranker, der nun in Todesgefahr schwebt. Er weist aber jeden geistlichen Zuspruch zurück und will nichts vom Empfang der hl. Sakramente wissen, da er nach seinem Bekenntnis ein Sektierer sei. Wir baten ihn doch wenigstens das Kruzifix zu küssen, jedoch umsonst. Es kam soweit, dass er sich aus dem großen Saal entfernen ließ, um das Bild der Muttergottes, das sich in demselben auf dem Altar befindet, nicht mehr sehen zu müssen. Vor mehreren Tagen besuchte ein Kardinal die Kranken und auch ihn. Damit er nun nicht zu reden brauchte, zog er sich das Betttuch über den Kopf. Als einige seiner gleich gesinnten Freunde sahen, dass er in Lebensgefahr schwebe, umgaben sie fast immer sein Bett. Da wir so viele Hindernisse bei diesem Unglücklichen fanden, fragten wir ihn, ob er denn ein Jude sei. Er antwortete uns, er sei ein Christ. Sofort fragten wir, ob er schon seine erste hl. Kommunion empfangen habe, und er antwortete: Ja. Wir forschten weiter, wo er sie empfangen habe. Er sagte uns: In Ponterotto. Sofort begaben wir uns daher zu Ihnen, Hochwürden und bitten Sie nun inständig, den Kranken besuchen zu wollen. Vielleicht lässt er sich mit seinem einstigen Seelsorger in ein Gespräch ein, das ihm zum Heile sein könnte."
Der Priester entgegnete den Leuten: „Wahrscheinlich war nicht ich der Prediger in Poterotto zu der Zeit, wo der Unglückliche sich auf die erste hl. Kommunion vorbereitete, da er nach euerer Aussage schon 35 Jahre zählt und ich erst seit sieben Jahren das Glück habe, die Kinder auf die erste hl. Kommunion vorzubereiten."
„Ich kann euch mit dem größten Vertrauen versichern, dass, wenn der Kranke seine erste hl. Kommunion in Ponterotto empfangen hat, ihn die liebe Muttergottes sicher bekehren wird. Ich habe eine kleine Kopie des Bildes der himmlischen Königin, das man in dem genannten Institut verehrt, durch das schon viele Gnadenerweisungen geschehen sind. Meine Zöglinge halten dieses Bild hoch in Ehren, da es das Andenken an einen ihrer heiligmäßig gestorbenen Kameraden ist. Ich werde es heute Abend aussetzen und meine Zöglinge auffordern, recht eifrig um die Bekehrung des Kranken zu beten. Unterdessen gehe ich sofort ins Spital."
„Nein, Hochwürden, gehen Sie jetzt nicht hin", baten die Leute, „der Kranke befindet sich in einer fürchterlichen Aufregung', seit wir zu ihm nochmals vom Beichten redeten. Wir werden Sie benachrichtigen."
Der Pater war damit zufrieden. Er empfahl die verführte Seele dem Gebet seiner lieben Zöglinge und übergab die Sache der mütterlichen Sorge Mariens.
Am Mittag des folgenden Tages erhielt der Priester ein Billet, welches ihm meldete, dass der Kranke in den letzten Zügen liege. Doch möge der Pater sofort ans Krankenbett kommen. Es war ein Samstag. Ohne Zögern nahm der seeleneifrige Ordensmann das erwähnte Bild, steckte es in seine Brusttasche und machte sich auf den Weg.
Wir wissen bereits, dass der Kranke allein in einem Zimmer war, in das er sich tragen ließ, um nicht mehr das Bild Mariens zu sehen, ferner, dass er ein Sektierer war. Der Priester trat allein ins Zimmer. Der Kranke war ganz schwach und hatte vor Müdigkeit die Augen geschlossen. Der Ordensmann rief ihm zu: „Fortunat!" Der Gerufene bewegte sich, öffnete die Augen, aber, o mein Gott, als er einen Priester sah, schreckte er zusammen, schloss die Augen wieder und wendete sich ab. Der Priester rief ihn nochmals und fügte bei: „Fortunat, höre mich! Ich wollte gerne Notizen haben. Antworte mir, so gut es geht!" Er wandte sich um und fragte mit schwacher Stimme: „Was für Notizen?" „Ist es wahr, dass du deine erste hl. Kommunion in Ponterotto gemacht hast?"
„Jawohl", antwortete der Kranke.
„Sage mir, Fortunat, kannst du dir die Andachten noch vergegenwärtigen, die alle Knaben und sonstigen Besucher so ergriffen, besonders die Predigt über Maria, bei der Ungläubige und Atheisten bis zu Tränen gerührt wurden. Ist es nicht so, Fortunat?"
„Sicher, ich kann mich noch gut daran erinnern und kann es nicht leugnen!" „So mache doch deinem Namen Ehre, Fortunat (Fortunat heißt: Glücklicher), und mache dich glücklich dem Namen und der Tat nach. Der mütterliche Blick jenes frommen Bildes ist dir noch zugewendet, und wenn du ihn sehen willst, so zeige ich dir ein Bild davon."
Bei diesen Worten schweiften die Augen des Kranken im Zimmer umher, als ob er etwas suchte. Der Pater zog das Bild aus seiner Brusttasche und sagte: „Fortunat, siehe, wie gut Maria ist; sie ist gekommen, dich zu besuchen; du hast das Bild ihres Sohnes entfernt, da du nicht einmal ein Kruzifix in deinem Zimmer dulden wolltest, und doch ist sie gekommen, dir alles zu verzeihen. Willst du ihr Bild küssen?"
Der Priester erwartete ängstlich ein „Ja" oder „Nein", wo- von die ewige Seligkeit abhing. Und — wie mächtig ist Maria! Der Ungläubige ist besiegt, er sagte: „Ja". Der Pater näherte das Bild den Lippen des Kranken und er küßte es — nicht ein- mal, sondern öfters — und er weinte.
Der Priester verließ das Zimmer und erzählte den draußen ängstlich Wartenden alles. Dann holte er ein Kreuz und kehrte wieder in das Krankenzimmer zurück.
Fortunat bekannte seine Sünden mit großer Reue und verlangte die hl. Kommunion.
Der Pater fürchtete aber noch, es möchte nicht alles aufrichtig sein, und rief daher seine Verwandten und Bekannten herein, damit diese seine Gesinnung näher prüfen möchten. Da er auch diese nochmals um die hl. Kommunion bat, zögerte er nicht mehr, sie ihm zu reichen. Alle waren aufs tiefste bewegt. Der Priester sprach dann noch von der Heiligen Ölung. Fortunat bedeutete ihm, daß er sie später selbst verlange, da er jetzt seine Freunde erwarte, die eine unliebsame Störung verursachen könnten. Der Ordensmann legte ihm daher das Kreuz und das Marienbild unter das Kopfkissen und entfernte sich.
Das alles geschah Samstag nachmittags. Am folgenden Morgen empfingen die Zöglinge des Ordensmannes für den Bekehrten die hl. Kommunion, damit er die Gnade der Beharrlichkeit erhalte. Um Mittag verlangte der Sterbende selbst die Heilige Ölung. Am Montag begann der Todeskampf.
Von dem allem haben seine „Freunde" nichts bemerkt. Als aber einer am Montag Abend ins Zimmer trat und die Stola sah, fragte er den anwesenden Kaplan, was das sei, und dieser sprach: „Sind Sie ein Römer?" Da er es bejahte, setzte er hinzu: „Und Sie kennen die Stola nicht?"„Wir sind aber Carbonari" (Carbonari kommt vom italienischen Wort „carbone", Kohle. Die „Carbonari" bilden eine Sekte der Freimaurer in Italien).
„Ist gut", antwortete der Priester; wenn wir diesen Winter Kohlen nötig haben, werden wir uns an Sie wenden; für jetzt bitte ich Sie, uns in Ruhe zu lassen."
Der Todeskampf dauerte bis morgens 6 Uhr. Es war der 25. Oktober, als Fortunat in die Ewigkeit einging.
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München