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Eine einzige Wand nur war stehen geblieben

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 24.09.2020, 07:51


Es war im Osten, 1939. Vor uns tauchten die Türme und Schlote der Stadt Warschau auf. Was wird uns die Zukunft bringen? Tagelange Märsche in siedender Hitze lagen hinter uns. Wir sehnten uns nach Ruhe und einem schattigen Plätzchen. Aber die Dynamik des Krieges lautet anders — vorwärts, immer vorwärts. Vor uns bellten Maschinengewehre auf, hinter uns brummten die schweren deutschen Koffermaschinen, über uns surrrten immerzu die Flieger.

Abends um sechs machten wir halt. Es war eine kleine Stadt, wenige Kilometer vor Warschau. 500 Meter vor uns waren die Polen in einer Waldstellung. Aber das machte auf uns keinen Eindruck mehr. Wir suchten Ruhe — nur Ruhe. Wir schlichen mit 25 Mann in ein gutbürgerliches Haus. In weniger als zehn Minuten hatten wir uns häuslich eingerichtet. Es wurde gebraten, geschmort, gekocht und zuletzt herrlich gespeist. Wir waren wieder munter und guter Dinge. Der eine oder andere hätte am liebsten gesungen, aber das Schnarchen — ein kräftiges Soldatenschnarchen — belehrte sie, dass es Zeit zum Schlafen geworden war. Ich war wohl einer der letzten, der einschlief.
Plötzlich ein Pfeifen und Surren in der Luft, ein dumpfer Aufschlag, dem eine atemberaubende Explosion folgte; dann noch einmal und ein drittes Mal. Beim Letzten waren wir aufgesprungen; wir wussten jetzt kommt's uns an die Haut. Kaum war dieser Gedanke von einem Kameraden ausgesprochen, heulte es über uns — ein furchtbares Krachen — die Decke brach ein — Explosion — Staub — Splitter — Augen und Mund voll Sand —, so lag ich zwischen Balken, Steinen und zerbrochenen Stühlen, neben mir mein Kamerad, tot, der Sani aus Thüringen. Ich rappelte mich heraus und sah, dass vom ganzen Haus nur noch eine einzige Wand stehen geblieben war, eine Ecke, vor der ich gelegen hatte. Eine Ikone hing daran, das Bild der von den Katholiken so sehr verehrten Madonna. Sie hielt einen Rosenkranz in der Hand und blickte den Betrachter des Bildes mit unsäglich sanftem Blick an.
Ich selbst bin evangelisch und von Haus aus ziemlich nüchtern erzogen. Aber im Feld habe ich gemerkt, dass fast alle meine katholischen Kameraden ein Bild von der Mutter Maria bei sich trugen oder einen Rosenkranz, den sie in höchster Not mit großem Vertrauen beteten.
Ich betrachtete das Bild, da kam eine zweite Bombe. Instinktiv merkte ich — sie gilt wieder unserem Bau. Deshalb floh ich in diese noch stehen gebliebene Ecke, nahm das Bild mit der Madonna und dem Rosenkranz von der Wand zu mir, und schon war es geschehen: Die Bombe explodierte mit entsetzlichem Knall und hatte durch ihre Splitterwirkung drei meiner Kameraden, die sich eben erst aus dem Schutt herausgearbeitet hatten, getötet. Als ich wieder Atem und Leben bekam und der Staub sich verzogen hatte, stand ich da — immer noch das Bild in der Hand. Ich hätte es nun nicht mehr wegwerfen können; ich wollte es als Andenken an meine glückliche Rettung mit nach Hause nehmen. So steckte ich es in meine Seitentasche und trug es überall bei mir.

Noch in der Nacht gab es Alarm — und wir mussten nach vorn. Ein Wiesenstreifen trennte uns 300 Meter vom Feind. Da eröffnete ein Maschinengewehr von drüben den Reigen. Ein Hexensabbat von Maschinengewehrfeuer und Infanteriegeschossen prasselte auf uns nieder. Es half alles nichts — Kommando ist Kommando — wir sprangen auf, und voran ging's, immer weiter voran. Am Morgen standen wir unmittelbar vor der Hauptstadt.
Wir bekamen eine kurze Atempause. Weiße Nebelschleier zogen von den weiten Wiesenhalden zur Stadt. Ich tastete nach meinem Bild. Es ließ sich aber nicht gut aus der Tasche herausnehmen. Ich griff tiefer und merkte, dass es dort durch einen Gegenstand, der darin steckte, im Rockfutter festgehalten wurde. Was ist das? Ich staunte. Jetzt erst merkte ich, dass der Rücken des Bildes aus ziemlich starkem Kupfer war und dass eine Kugel, die während des starken Feuers in der vergangenen Nacht wohl nach meinem Herzen getastet hatte, quer in dem Bild stecken geblieben war. Tief gerührt betrachtete ich das Bild und steckte es unter Tränen in meine Tasche.

Nun sind Jahre vergangen. Längst ist der Krieg vorüber, vieles habe ich vergessen. Aber eines kann ich nie vergessen, wie mir das Bild der heiligen Jungfrau das Leben gerettet hat. Ich hatte es mit nach Hause gebracht, hatte meiner Frau und meinen Kindern alles erzählt; alle betrachteten das einfache Bild aus dem fremden Land mit Rührung und Dank, das Bild, das dem Vater und Gatten auf so wunderbare Weise das Leben gerettet hatte. Heute steht es in einer Nische, auf einem Ehrenplatz, und jeden Tag versammelt sich meine Familie mit mir davor. Dort halten wir unsere tägliche Andacht, blühende Blumen schmücken die Nische, und die Kerze knistert. Oft kommt mir der Gedanke, ob nicht das fromme Gebet eines meiner katholischen Vorfahren, das er mit besonderer Liebe für seine Nachkommen an die Muttergottes gerichtet hat, mir die Lebensrettung erwirkt hat? Warum hat man uns die Marienverehrung genommen?

Saarbrücken, den 22. Nov. 1948. Alfons Dewald

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Der letzte Satz stimmt auch mich traurig. Warum hat man so vielen Menschen die Verehrung der Mutter des Herrn und der Mutter Seiner Kinder genommen?


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