Eine Nacht im zerschossenen Bahnhof
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 15.09.2020, 07:28
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In einem Kellerloch des Bahnhofs Charkow hatten sich fünf deutsche Soldaten zusammengefunden. Sie waren aus verschiedenen Einheiten. Sie suchten ihrer Lage gerecht zu werden. Den Lauf eines geretteten Maschinengewehrs führten sie durch das Kellerfenster und warteten auf den Angriff des Feindes. Das Feuer der brennenden Stadt loderte durch die hereinbrechende Nacht. Kein Schuss war mehr zu hören. Nur das Surren vereinzelter Flieger dröhnte durch die unheimliche Nacht. „Du!", sagte ein Gefreiter zu einem Kameraden, der die Uniform der Waffen-SS trug, „es ist so still."
„Um so besser."
„Aber es ist doch merkwürdig", sagte ein anderer.
„Quatsch!", meinte der bleiche SS-Mann.
Sie schwiegen und warteten, und wurden müde vom vielen vergeblichen Warten im Dunkeln. Der Gefreite stand auf, suchte und fand eine Kerze. Er ging in die äußerste Ecke des Kellers, zündete sie an uns schirmte sie ab nach dem Fenster, das in Richtung des Feindes lag. Das Licht fiel auf einen Sanitätssoldaten, der — fast noch ein Knabe — in einer viel zu großen Uni- form auf einer Kiste saß. Sein schmales, blasses Gesicht war auf die Brust gesunken, und ein gleichmäßiges Atmen verriet, dass er schlief.
Der Gefreite trat zu ihm und bemerkte, dass aus einem Ärmel seines Rockes Blut sickerte. „Bist du verwundet, Kamerad?", weckte er den Schlafenden.
Kann sein", sagte der blasse Junge.
Nun kamen auch die anderen herbei. Stellten fest, dass es sich um einen leichten Streifschuss am linken Unterarm handelte und legten einen Notverband an. Dabei konnte es ihnen nicht entgehen, dass die rechte Hand des Soldaten einen Rosenkranz umschlungen hielt. Niemand aber sprach davon.
Als der Morgen dämmerte, wurde plötzlich die unheimliche Stille durch das krachende Bersten einer Bombe zerrissen. Sie fiel in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs und schreckte die fünf Soldaten auf. Es folgte noch ein zweiter und ein dritter Einschlag. Und bald darauf setzte das Knattern von Gewehren ein. Aber nicht nach der Seite des Kellerfensters, durch dessen Öffnung die Soldaten ihr Maschinengewehr bereithielten, sondern nach der umgekehrten Richtung. Die fünf sahen sich erstaunt und fragend an. Niemand sprach ein Wort. Aber in ihren entsetzten Augen stand die Gewissheit, dass die Deutschen die Stadt geräumt und weit hinten in Reservegräben außerhalb der Stadt Stellung bezogen hatten. Und dass sie selber, abgeschnitten von jeder Hilfe, allein im Kellerloch des Bahnhofes von Charkow lagen. Mitten im Kampfgebiet des Feindes.
„Was nun?", fragte jemand.
„Nichts! Wir sind verloren!"„Sollen wir uns gefangen nehmen lassen?"„Damit sie uns zu Tode quälen?"„Lieber schieße ich mir eine Kugel durch den Schädel", sagte der Mann in der SS-Uniform.
Schweigen folgte, bedrückend und lastend. Sie horchten auf den Lärm des Kampfes, der immer undeutlicher wurde.
„Aber wir müssen doch etwas unternehmen", raffte sich der Gefreite auf. „Was denn?"
Wieder großes Schweigen. Einzig von der Kiste her, auf der der Sanitäter saß, hörte man ein monotones Sprechen.
„Betest du?", fragte der Gefreite.
„Ja!"
„Den Rosenkranz?"
„Ja?"
„Ich bin auch katholisch."
„Dann bete mit mir!"
„Gib mir ein Stück von deinem Rosenkranz!, bat der Gefreite. Der Soldat trennte zehn Perlen ab und reichte sie dem Kameraden hin.„Hier hast du ein Gesetz", sagte er.
Sie hörten Stimmen. Ganz in der Nähe. „Sind das die Russen?", fragten sich die fünf. Aber sie konnten die Laute nicht unterscheiden.
„Mir auch ein Gesetz, Kleiner", flüsterte jemand. Es war ein robuster Bursche mit einem Stiernacken. Aber seine großen Hände zitterten, als er die zehn Perlen in Empfang nahm.
„Bist du denn auch katholisch?"
„Klar."
„Ich auch", ließ sich der dritte hören. Und auch er bekam ein Gesetz.
„Willst du auch?", fragte der kleine Soldat den letzten, den in der SS-Uniform. Dieser wandte sich ab. „Lasst mich in Ruhe", antwortete er mürrisch. Ging zum Kellerfenster und spähte vorsichtig ins Freie. Die anderen saßen still auf ihren Plätzen, die Perlen des Rosenkranzes in ihren Händen.
„Dort kommen Russen", rief der Mann vom Kellerfenster und stieß ein gotteslästerliches Wort aus.
„Lass das Fluchen", sagte der Gefreite.
„Sie kommen näher", meldete der vom Fenster.
„Lass sie kommen", sagte ruhig und gelassen der Mann auf der Kiste. Und sein Gesicht wurde noch knabenhafter, als er dies aussprach.
Der SS-Soldat sah bewundernd zu ihm hinüber: Woher nimmt dieser Schwächling seinen Mut, dachte er und setzte sich zu ihm, als wenn er Schutz suchen wollte. Er sah dem Kleinen auf die Finger.
„Hast du noch ein Stück übrig?", raunte er kleinlaut.
„Ja."
„Gib her!"
Der blasse Bub erhob sich von der Kiste. „Jeder von uns hat zehn Perlen", sagte er, „und wir beten jetzt den schmerzhaften Rosenkranz. Jeder ein Gesetz, aber für sich." Und er verteilte. „Du betest das vierte", sagte er, als er zu dem SS-Mann kam, „und ich will das fünfte beten. Verstehst du?"
„Ja, aber wie heißt denn noch das vierte Gesetz?"
„Der für uns das schwere Kreuz getragen hat."
Die fünf Soldaten begannen zu beten. Die Passion des Welterlösers vom Blutschwitzen bis zur Kreuzigung vollzog sich in fünf Menschenherzen. Und als das zehnte Ave gebetet war, sagte der Gefreite: „Wenn wir noch einmal glücklich nach Hause kommen, Kameraden, dann wollen wir in jedem Jahr an diesem Tag den Rosenkranz beten. Den Schmerzhaften. Und jeder sein Gesetz."
„Ja, wenn wir heimkommen ...... kamen zaghaft die Antworten.
„Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater..." begann der Junge von neuem. Und betete dann noch die drei Ave der göttlichen Tugenden und das Ehre sei dem Vater. Laut, zuversichtlich klang seine Stimme.
Und dann versanken die fünf wieder in Schweigen. Ein jeder betete still weiter. Von draußen kamen die Stimmen immer näher. Und schon war es, als wären Schritte hörbar und als stöbere man über ihnen in den Trümmern des Bahnhofs. Zehn Augen starrten auf den dunklen Eingang, der von keiner Tür geschlossen war. Und jeder von den fünfen wartete auf den Augenblick, da ein Russe in ihm auftauchte.
Schnell tauschten sie ihre Adressen aus. Die Heimatadressen, damit der eine oder andere den Verwandten Nachricht geben könne, wenn „etwas passieren" sollte. „Und damit wir einander erinnern können an diesen Tag und an das Gelübde, das wir machten", sagte der Kleine voller Zuversicht. Und während er dies sagte, begann von neuem das Knattern der Gewehre. Es wurde immer stärker und kam näher. Und ganz plötzlich stand im Dunkel des Kellereingangs ein Soldat. Aber es war kein Russe, sondern ein Leutnant ihrer Armee. „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste", sagte der Sanitätssoldat und ging mit den vier anderen dem Offizier entgegen.
Der Krieg ging weiter und die fünf verloren sich aus den Augen. Als aber nach dem Krieg der Jahrestag der großen Not im Kellerloch sich näherte, erhielt der blasse Bub, der heute als Priester in der Diaspora wirkt, drei Briefe, die daran erinnerten, dass das Gesetz des Rosenkranzes gebetet werden müsse. Auf den vierten Brief wartete der junge Priester vergebens. Der SS-Soldat schrieb nicht, so dass die vier Leidensgenossen annahmen, er wäre gefallen oder befinde sich in russischer Gefangenschaft. Doch einige Tage später erhielt der Priester noch einen Brief. Der ehemalige SS-Mann teilte mit, er wäre nach kurzer Gefangenschaft wohlbehalten nach Hause gekommen, aber es hätte ihn dort soviel Leid erwartet, dass ihn die Verzweiflung gepackt habe. Er wolle ehrlich sein: Gebetet habe er nicht mehr seit der Stunde, da sie sich das letzte Mal gesehen hätten. Aber heute habe er in den Erinnerungen des Krieges gekramt und sei auf die Perlen des Rosenkranzes gestoßen. Da habe er sich seines Versprechens erinnert. Und auch seines Gesetzes »Der für uns das schwere Kreuz getragen hat«. Er habe es gebetet und wolle jetzt versuchen, auch sein schweres Kreuz in christlicher Geduld zu tragen.
Josef Nachmann im „Altöttinger Liebfrauenboten"