Eine prompte Belehrung
Von ehemaliges Mitglied Montag 06.07.2020, 07:32
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Schon lange hatte ich vor, mit meiner Familie an der traditionellen Lichterprozession in Bernried am Starnbergersee teilzunehmen, wurde mir doch immer wieder mit soviel Begeisterung von der lichterfüllten Festlichkeit und dem Glanze tausender in den Fluten des Sees widerspiegelnder Kerzenflämmchen berichtet. So war es denn auch nicht verwunderlich, dass ich mit großer innerer Spannung unseren Wagen zu abendlicher Stunde auf dem Parkplatz jenes Marien-Wallfahrtsortes abstellte und mit meiner Frau, unserer fünfzehnjährigen Tochter und unserer zwanzigjährigen Haustochter über das weite Geviert des Klosterhofes hinwegeilend den strahlend hell erleuchteten Kirchenraum betrat. Die Gläubigen standen schon dicht gedrängt und wir mussten nicht lange warten, bis die Feierstunde mit einer Predigt begann. Ich erkannte bei den ersten Worten, dass alle Vorstellungen, welche ich mir über den Stil dieser Veranstaltung gemacht hatte, falsch waren. War es die Nachbarschaft der Evangelischen Akademie in Tutzing oder waren es Erinnerungen an benediktinische Geistigkeit, was mich hier ein intellektuell geprägtes Ereignis erwarten ließ. Alles deutete jedoch darauf hin, dass uns ein Fest urwüchsiger Frömmigkeit bevorstand.
Meine Enttäuschung war so groß, dass ich mich immer wieder bei abwertend kritischen Gedanken ertappte. Erst als ich mir energisch vornahm, meine Kritik zu zügeln und meinen Willen der Ruhe beschaulicher Frömmigkeit zu unterwerfen, gelang es mir, den Gedanken der Predigt zu folgen.
Mit echtem bayrisch-barockem Temperament führte der Prediger, mit weit gespanntem Bogen, an lebensnahen Beispielen die tröstliche Kunde zur felsenfesten Überzeugung, dass die Heilige Jungfrau jedes in ihre Mutterhände gelegte Opfer überreich belohnen und jedes ihr geweihte Menschenherz behüten würde. Welcher religiös interessierte Mensch, der sich nicht gerade antimarianischen Parolen ausgeliefert hat, wollte sich einer solch menschenfreundlichen Botschaft entgegenstellen? So fühlte auch ich meinen Geist auf den Wogen marianischer Begeisterung empor getragen.
Da schlug plötzlich der bisher so liebliche Ton des Redners in düstere Drohungen um. Nicht nur in der Belohnung der Guten, nein, auch in der Strafe für frevelhafte Schmähungen würde sich die Macht der gekrönten Gottesmutter zeigen. Bei diesem Gedanken blitze in mir die anfänglich gehegte und nur mühsam unterdrückte Kritik mächtig wieder auf. Auch nur die spärlichste Andeutung von Strafe im Herzen unserer Lieben Frau, so argumentierte mein Verstand, sei ein Vorstoß gegen die Liebe und dürfe diesem Vollkommensten aller Geschöpfe nie und nimmer angedichtet werden.
Während vorher die bilderreiche Sprache des Predigers eine wohltuend positive Wirkung auf mein Gemüt ausstrahlte, ärgerten mich nunmehr geradezu seine eindringliche Art, und seine Bemühungen, das Gesagte mit Hilfe geschichtlicher Tatsachen und detektivischem Scharfsinn zu untermauern, und ich beschloss, mir so rasch wie möglich die Beweise für meine Überzeugung zu beschaffen. Die Belehrung sollte schon sehr bald erfolgen.
Doch zunächst brachte mich die Schilderung der Lebensgeschichte eines französischen Journalisten vollends in Harnisch, welcher zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von sich reden gemacht hatte.
Dieser Mann war als Jüngling mit zwei gleich gesinnten Abenteurern in den spanischen Krieg gezogen. Bei einem ihrer selbstgewählten Streifzüge kamen die vagabundierenden Soldaten an einer zerschossenen Kirche vorbei. Nur noch deren Fassade war stehen geblieben. Das Portal war gekrönt mit einer unversehrt gebliebenen Madonnenstatue. Es war eines jener für die Zeit typischen billigen Gipsklischees. Man beschloss, das Weib aufs Korn zu nehmen. Wohl infolge reichlichen Alkoholzuspruches waren die restlichen Gefühle für Ehrfurcht und Anstand geschwunden und so konnte der erste Schütze ein johlendes Beifallsgeschrei seiner Kumpane für einen wohl platzierten Kopfschuss ernten. Angefeuert von einem solchen Schützenglück gelang dem zweiten einen ebensolchen Herzschuss. War es ein plötzliches Erinnern an die eigene Mutter oder das unerwartete aufbrechen längst verschütteten Schamgefühls — irgend eine Regung des innersten Herzens muss es gewesen sein, was unserem Helden plötzlich den Mut sinken ließ. Seine Hände begannen zu zittern und nur die Angst vor dem Spott seiner Kameraden zwang ihn, den Finger am Abzug seines Gewehrs zu krümmen. So war es kein Wunder, dass der Schuss zur Blamage wurde. Der stolze Grenadier hatte das rechte Knie der Statue getroffen. Der Spott der anderen konnte an Bitterkeit nicht überboten werden.
Soweit hatte die Geschichte auch mich in Bann gehalten. Als dann aber der Prediger erzählte, dass der erste Schütze kurze Zeit später durch einen Kopfschuss fiel, der zweite an einem Herzschuss starb und der dritte einen Schuss ins rechte Knie hinnehmen musste, ja, dass diese Wunde Zeit seines Lebens nicht geheilt werden konnte, da war es mir zuviel geworden. Ich betrachtete es als ausgemachte Moritat und eine Zumutung für moderne Menschen. Allen Ernstes nahm ich mir vor, am Ende der Feier den Pater zur Rede zu stellen.
Nachdem nun die Predigt in einem begeisternden Lobgesang auf die Gottesmutter ausgeklungen war, trat das Volk, angeführt von der Geistlichkeit und den Ordensleuten, zum Pilgerweg an. Hunderte von Kerzenlichtern flammten auf und es wäre ein wahres Fest für Auge und Gemüt geworden, wenn — ja wenn nur nicht dieses schreckliche Geleier angefangen hätte. Ausgerechnet hart hinter uns marschierte so eine handfeste Beterin. Noch heute habe ich den alles durchdringenden Ton ihrer Stimme im Ohr: „Lass uns nicht verderben. Lass uns nicht in Todsünde sterben." Sollte mir nun auch noch der Rest des Tages verdorben werden? Ich resignierte. So sehr mir auch selbst die Beherrschung gelang, den Kindern konnte ich es in meinem Innersten nicht verdenken, dass sie an dieser Art von Frömmigkeitsbezeugung Anstoß nahmen. Erst wagten sie nur, sich vielsagende Blicke zuzuwerfen. Dann aber brachen sie in offene Missfallenskundgebungen aus, um schließlich ihrerseits durch lautvernehmbare Privatunterhaltungen und Witzeleien Ärgernis zu erregen. Ein solches respektloses Verhalten konnte nun aber keinesfalls geduldet werden. Auf den heiligen Kern dieser Veranstaltung hinweisend, verbat ich mir energisch diese Ungezogenheiten und es bedurfte der Aufbietung aller Autorität, um das Aufbegehren der jungen Leute im Zaum zu halten. Ich wusste nicht, worüber ich mich mehr empören sollte, über das unkultivierte Beten der Menge oder über die überheblichen Lästerungen meines eigenen Anhanges.
Als wir nach einer guten Stunde später zum Abschluss der Prozession in feierlichem Einzug in die Kirche zurückkehrten, war die Erinnerung an die betrüblichen Episoden dieses Abends vollständig geschwunden, so sehr hatte das Erlebnis des Glaubens, der Gnade und der Gemeinschaft des Gottesvolkes mein Herz besiegt. Es schlug höher beim mächtig anklingenden Te Deum.
Die sieghaften vollen Orgelklänge mischten sich mit dem frohen Gesang der Gemeinde und es schien, als sei der ganze Kirchenraum bis hinauf zum Gewölbe ein einziges klingendes Musikinstrument. Da durchzuckte plötzlich dicht hinter mir ein gellendes Geschepper den Jubelklang. Erschrocken wandte ich mich um und sah einen der schmiedeeisernen, kerzentragenden Wandarme, welche hoch oben die seitlichen Pilaster zierten, am Boden liegen. Was war geschehen? Wohl in Folge der außerordentlichen akustischen Schwingungen hatte sich dieser schwere Wandleuchter aus seiner Verankerung gelöst und war herabgestürzt, also ein logisch erklärbarer natürlicher Vorgang, sagte ich mir. Als ich aber dann nach Beendigung des Gottesdienstes erfuhr, dass der Leuchter zuerst auf dem Rücken unserer Haustochter aufprallte, dann mit solcher Wucht auf den Boden fiel, dass er unserer Tochter noch eine blutende Schramme ins Bein schlagen konnte, da erkannte ich blitzartig die Belehrung und verzichtete darauf, den Pater wegen seiner Predigt zur Rede zu stellen.
Paul Stobl