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Eine wahre Begebenheit

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 27.05.2020, 05:22

"Allein den Betern kann es noch gelingen".

An dieses Wort Reinhold Schneiders wird man unwillkürlich er innert, wenn man nachstehenden Erlebnisbericht einer Wienerin unserer Tage liest. Mit schlichten Worten lässt sie uns einen Blick tun in zwei Tage ihres Lebens. Das scheinbar so alltägliche Geschehen führt uns jedoch hart heran an jene Zone „zwischen Himmel und Erde", an jenes „Etwas" das unseren normalen fünf Sinnen bereits entgleitet und dann doch in seiner unsichtbaren Wirklichkeit umso wuchtiger auf uns fällt. Hier ist es die befreiende, beglückende Wirklichkeit der Großmacht des Gebetes, das kindlich und vertrauensvoll an Maria gerichtet wird.

Doch hören wir die Erzählerin selber.
„...Es ist jetzt der dritte Sommer, dass sich dieses ereignet hat: Ich war, wie alljährlich, auf ein paar Wochen zu meinen Verwandten ins Waldviertel gefahren. Mein Adoptivsohn Karl, Inspektor in der Fernmeldemonteurschule in Wien-Sievering, war allein zuhause. Es war Freitag früh und ich wollte um 15:47 zur hl. Messe. Der Weg beträgt für mich ungefähr 8 Minuten, für andere weniger. Auf dem halben Weg blieb ich mit der Fußspitze
an einem vorstehenden Stein hängen und stürzte. Ein des Weges kommender Mann blieb stehen, half mir und sagte: „Sie hat's jetzt aber sauber hin-g'haut! Haben Sie sich was getan?"
„Nein, danke schön", sagte ich und kniete auf. Er ging eilig seines Weges weiter, ich blieb knien in dem tiefen Sand der Straße und sagte: „Herr, wenn dem Karl etwas zustoßen sollte, bitte, nimm diesen Fall für ihn an.
Ich muss hinzufügen, dass ich bis zu dieser Zeit weder an Karl gedacht noch mir Sorgen gemacht hatte; ich hatte ein Morgengebet gebetet und an die armen Seelen gedacht.
Nun bemühte ich mich aufzustehen, was dann auch gelang.
Aber ich war schwindelig, mein Magen revoltierte, Brechreiz, obwohl ich nichts gegessen hatte. Der Kopf tat mir weh. Mühsam kam ich das Bergerl hinauf zur Kirche. Dort war
mein ganzes Beten nur: „Herr, hilf mir durchhalten, lass mich dich empfangen." Ich hielt aus. Es waren nur drei Frauen in der Kirche - ich blieb unbeachtet. Heimwärts ging ich nicht mehr durch die Dorfstraße, sondern „hintenaus", wie man hier sagt, bei den Gärten. Hinter dem Haus meiner Verwandten kreuzen sich Feldstraßen. An dieser Kreuzung stehen zwei große, fast ineinander verwachsene Lindenbäume, darunter ein kleines Kapellchen, ein Marterl, wie man sagt.
Darinnen als Hauptstück ein Herz-Mariä-Bild, von Sonne, Wind und Regen schon ganz verwaschen. Die rötlich-braunen Locken der Madonna unter dem weißen Kopftuch und die schönen, sprechenden blau-grauen Augen machen das alte Bild noch lebendig. Ich begann mit der Muttergottes zu reden und sie zu bitten um Schutz für Karl. Seit ich dort im Straßensand gekniet war, war in mich eine Angst gekrochen, die mit jedem
Augenblick größer wurde und diese Angst galt Karl.
Lange stand ich so und betete. Dann ging ich endlich heim. Gesprochen habe ich zu niemandem. Der Tag verging. Der Briefträger brachte keine Post, es wurde Nachmittag. Es war 16 Uhr. Meine Leute waren alle aufs Feld gegangen, ich war allein, die Unruhe und Angst in mir wurde fast unerträglich. Da zog ich mich an, sperrte das Haus ab und ging wieder hinaus zur Muttergottes. Dort stand ich und bat und flehte um Hilfe. Aber
mir war, als schüttle Maria leise ihr Haupt und in meinem Innern hörte ich ihre Worte: „Ich kann nicht!" Aber ich gab nicht auf ... Eine Stunde fast stand ich vor dem Bilde. Niemand kam des Weges, niemand störte mich und meine Angst wuchs ins uferlose. Da rief ich lauter: „Mutter, du kannst helfen, ich weiß es, du hast mich noch nie verlassen. Ich mache es jetzt wie Jakob, der gesagt hat: „Herr, ich lasse Dich nicht, ehe du mich
gesegnet hast!" Und ich sagte: „Mutter, ich geh nicht, bis Du mir gesagt hast, dass Du hilfst. Du kannst helfen, ich vertraue auf Dich, Mutter, hilf!"
Da vermeinte ich ein leises Lächeln auf Marias Zügen zu sehen, es war, als neigte sie bejahend das Haupt. Und in mir stieg urplötzlich ein Jubel und ein Dank auf: „Dank, Mutter, tausend Dank!" Ich wusste ja, dass du hilfst. "O Mutter, wie ich Dich liebe".
Ich lief heim. Es war noch niemand da. Ich sperrte auf. Ein Blick auf die Uhr: Es war 17 Uhr. Auf dem Tisch stand unser kleines Radio. Ich drehte auf und schon ertönte die Stimme des Ansagers: „Es ist 17 Uhr, wir senden Nachrichten. Das größte Straßenbahnunglück seit Menschengedenken. Der von Wien auswärts fahrende Straßenbahnzug der Linie 38 kam zu einem Zusammenstoß mit dem von Sievering stadteinwärts fahrenden Wagen der Linie 39. Die Wagen sind ineinander verkeilt. Bisher
10 Tote und über 80 Verletzte..." Weiter verstand ich nichts mehr.
Das war es also was ich gefühlt hatte! Genau diesen Wagen nach 16 Uhr30 musste Karl benützen! Ich brauchte eine Weile bis ich mich gefasst hatte. Dann überlegte ich: Was tun? Telefonieren? Das nächste Postamt war 1/4Stunden weit entfernt und hatte bereits geschlossen. Mir blieb nichts anderes übrig als zu warten. Der nächste Tag war ein Samstag, an dem die Schule geschlossen ist. Karl hatte jedoch gesagt, dass er dennoch dort zu tun habe. Die Nacht verging... Um 8 Uhr war ich am Telefon und meldete das Gespräch an. Ich war ganz ruhig geworden und still. Der Beamte am Postschalter versuchte immer wieder, die Verbindung zu bekommen, er entschuldigte sich, er komme
nicht nach Wien durch, alle Leitungen seien belegt. Endlich um 10 Uhr hieß es: „Wien, bitte melden!" Vom anderen Ende der Leitung hörte ich Karls Stimme: „Mutti du bist das! Was ist geschehen?" Ich schluchzte nur noch: „Du lebst! Dir ist nichts passiert!" Das war alles, was ich hervorbrachte.
„Ja," sagte er, „ich lebe, aber das ist eine eigenartige Geschichte, Ich wollte fort zur Straßenbahn, um diesen Zug noch zu erreichen. In der Tür prallte ich mit einem Kollegen zusammen, der noch etwas fragen wollte. Ich fertigte ihn rasch ab und wir wollten beide fort, auch er wollte diesen Zug erreichen. Wie ich die Tür schloss, läutete hinter mir das Telefon. „Ach was", dachte ich, „die sollen mich in Ruhe lassen, jetzt ist keine Bürozeit mehr!"
Aber es läutete Sturm! Ich ging zurück. Es konnte die Direktion sein und etwas Dringendes. Aber es war eine ganz belanglose Sache. Eilen brauchte ich jetzt nicht mehr, der Straßenbahnzug war versäumt, eine halbe Stunde verloren. Aber als ich zur Haltestelle kam und die Toten liegen sah am Straßenrand und die vielen Verletzten und Feuerwehr und Rettung, da wusste ich, was ich versäumt hatte!
„Die Muttergottes hat dir geholfen," sagte ich und erzählte kurz, wie es mir ergangen und was ich getan. „Ja, die Muttergottes", sagte ich, „aber weißt du, dass ich jetzt zwei volle Stunden warten musste bis ich die Verbindung bekam!"
„Mutti", sagte Karl, „danke Gott, dass du warten musstest. Ich war die ganze Zeit in der Direktion und bin eben erst gekommen. Ich habe noch den Hut auf dem Kopf. Es ist kein Mensch in der Schule, es hätte sich niemand melden können."
Ich konnte nichts mehr sagen - mein Herz war übervoll.
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P.S. Details zu diesem Unfall:

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