Er konnte den Satz nicht mehr vollenden
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 12.05.2021, 08:40
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Es war am 8. Juni 1975. Im Führergehäuse der 2000-PS- Lokomotive hatte sich der zitternde Zeiger eines Geschwindigkeitsmessers auf die Zahl 70 eingependelt. Die Bahnstrecke zwischen den oberbayerischen Orten Schaftfach und Warngau glich mit ihren Schienen und Schwellen einer liegenden Riesenleiter.
Nach einer Reihe von tristen Regentagen hatten die Wetterfrösche, sowohl grünhäutige Tierchen als auch gelehrte Meteorologen, recht behalten. Mit einem kräftigen Hoch waren östliche Winde gekommen. Sie hatten den wolkenverhangenen Himmel blankblau gefegt.
Jetzt, da die Sonne mit ihrem Purpurgepränge sich dem westlichen Horizont allmählich näherte, waren gutgelaunte Menschen auf der Heimfahrt von Besuchen und Ausflügen. Die Reisenden hatten den Tag voll Licht und Glast genutzt, den Häuserschluchten Münchens zu entrinnen. Sie gedachten zufrieden der erholsamen Stunden, die ihnen geschenkt gewesen. Oder die Gedanken des einen oder anderen eilten schon den beruflichen Aufgaben der kommenden Woche voraus. Solcherweise an Vergangenes oder Zukünftiges denkend, erahnte niemand im mindesten, dass sein irdisches Dasein von einer zu anderen Sekunde zerrann wie die rieselnden Körner einer Sanduhr. Denn dieser und jener Reisende fuhr auf rollenden Rädern in den Tod. Die Schiebetür eines Waggons wurde geöffent. Ein rot glänzendes, breites Bandelier quer auf der Brust und mit einem barocken Bäuchlein behaftet, erschien der Zugführer. Er ging, in der Hand eine Kneifzange, durch den schmalen Mittelgang zwischen den beiden Bankreihen und wiederholte sein Sprüchlein: „Die Fahrkarten bitte." Ein junger Mann hob den Blick von den noch nicht bekritzelten Feldern eines großen Kreuzworträtsels und zeigte seine Fahrkarte her. Sein blonder Bart und sein schulterlanges, gekräuseltes Haar ließen an das berühmte Selbstbildnis von Albrecht Dürer denken, das irgendwie von Nürnberg in den Madrider Prado gelangt war. „Wo hab' ich mein Billet hingetan?" fragte sich selber eine alte Frau, die dem Dürer-Doppelgänger gegenüber saß. Sie begann in einer Handtasche herumzukramen. „Lassen Sie sich nur Zeit", sagte gemütlich der Zugführer. Allerlei Dinge kamen zum Vorschein. Taschentuch, Augengläser, Schlüsselbund, Personalausweis und endlich der Geldbeutel mit der Fahrkarte. Zugleich fiel ein Rosenkranz auf den Boden. An der Perlenkette hing ein Kreuz aus dunklem Ebenholz. Aus feinem Silberfiligran waren die Kugeln für die Vaterunser, die anderen aus bläulich-weißem Perlmutt.
Der junge Mann bückte sich und hielt den Rosenkranz in seinen Händen. „Als Kind hab' ich auch ein solches Maskottchen gehabt", zog er einen spöttischen Vergleich mit albernen Amuletten, Glücksbringern und anderem Firlefanz, mit dem abergläubige Leute sich behängen. „Aber wer hat heut' noch einen Ro..."
Das Wort kann nicht vollendet werden. Denn in diesem Augenblick prallt der Zug in voller Fahrt mit einem anderen zusammen. Ein jäher Ruck reißt den jungen Mann von seinem Sitz. Das schreckliche Geschehen verwandelt das Innere des Waggons in eine Stätte der Zerstörung. Es tobt ein ohrenbetäubender Aufruhr von Geräuschen, ein Poltern, Bersten, Krachen, ein Klirren von zerbrochenen Fenstern. Der ganze Waggon wird von heftigen Stößen durchgerüttelt. Gepäckträger und Stützstangen verkeilen sich ineinander. Es ist, als sollte alles zertrümmert und zermalmt werden.
Da und dort sind stumme Gestalten. Ihnen kann nicht mehr geholfen werden. Sie sind auf eine weite Reise geschickt worden, von der es keine Rückkehr gibt.
Aus kurzer Bewusstlosigkeit erwachend, verspürt der junge Mann einen stechenden Schmerz in der Brust. Blut quillt aus einer klaffenden Platzwunde im Gesicht. Er hört die verzweifelten Hilferufe der Verletzten. Auch er kann sich einer wilden Angst nicht erwehren. Es ist die Furcht, sterben zu müssen. Noch umkrampfen seine Finger den Rosenkranz der alten Frau. Vor wenigen Minuten hat er ihn als lächerliches Maskottchen verspotten wollen. Jetzt aber beginnt er in seiner Not zu beten. Neununddreißig Menschen fielen jenem Eisenbahnunglück am Sonntag, dem 8. Juni 1975, zum Opfer.
Der junge Mann war nicht unter ihnen. Vier Wochen später wurde der Verunglückte, von einer Gehirnerschütterung und von inneren Verletzungen geheilt, aus einem Krankenhaus entlassen. Nicht wissend, ob sie noch am Leben war, begann er nach der alten Frau zu fragen und zu suchen. Seine Bemühungen waren von Erfolg. Er fand sie in einer Münchner Klinik. Innerlich gewandelt, gab er ihr mit Worten des Dankes den Rosenkranz zurück.