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Er wurde geheilt

Von ehemaliges Mitglied Freitag 11.09.2020, 06:43


„Und sie wurde geheilt?", fragt der gelähmte junge Amerikaner James Power und schließt einen Atemzug lang, wie von dem Glanz eines unvermuteten Lichtes geblendet, die Augen.
„Ja, sie wurde geheilt!", jubelt seine achtzehnjährige Schwester Coral und schwingt beinahe triumphierend die Zeitung. „Hier steht es: nachdem Isabella Calomo zum dritten Male in der Quelle gebadet hatte, wurde ihre Haut plötzlich zart und rosig wie die eines kleinen Kindes. Nach der Feststellung der internationalen Ärztevereinigung in Lourdes ist der Körper der Isabella Calomo auf eine der medizinischen Wissenschaft unerklärbare Weise von dem entsetzlichen Lepra-Aussatz befreit worden; die Geheilte steht heute wieder mitten im Leben."
Eine Weile ist es still im Zimmer, dann sagt die vornehme Dame, die neben dem Rollstuhl ihres kranken Sohnes steht, mit ihrer trockenen, immer etwas belegten Stimme: „Wer weiß, ob das wahr ist. Papier ist geduldig."
„Doch, ich glaube daran", entgegnet James, während in der müden Trostlosigkeit seiner großen Augen eine starke Hoffnung zu leben beginnt. „Ich danke dir, dass du mich auf den Artikel aufmerksam gemacht hast, Coral. Er soll mir in den nächsten Wochen zu einem recht festen Glauben verhelfen." Die Mutter blickt ihn erstaunt an: „Möchtest du denn nach Lourdes fahren?" — „Ja, Mutter, ja! Ich möchte dorthin, ich möchte mich in seinem wunderbaren Wasser baden lassen und den Segen empfangen, den der Priester jedem einzelnen Kranken mit dem Sakrament gibt. Eine frohe Stimme in mir sagt, dass auch ich dort Heilung finde."
Wie die Hoffnung ihren Sohn mit neuem Leben erfüllt! Dabei ist James gar nicht das, was man einen frommen Christen zu nennen pflegt. Er kümmerte sich lieber um sportliche Wettkämpfe und interessante Filme, als um die Religion. Woher schöpft er nun den Mut, an ein Wunder zu glauben, ausgerechnet an ein Wunder für ihn? Nur aus dieser kleinen, höchst unwahrscheinlichen Zeitungsnotiz? Doch Frau Power hütet sich, etwas zu sagen, was ihrem Sohne die Hoffnung zerstören könnte. Der arme James! Mag er es einmal an dem berühmten Wallfahrtsort versuchen! Auf das Geld, das diese Fahrt kostet, kommt es ja nicht an. Von dem Vermögen ihres verstorbenen Mannes, des reichen Großindustriellen, können sie alle drei sehr gut leben, und die Bücher, die James in seinen vielen einsamen Stunden schreibt, bringen zudem ein schönes Honorar ein. Sie wird ihren Sohn nach Lourdes begleiten, wo sie ihn seit der Stunde, da die schreckliche Lähmung seinen Rücken und all seine Glieder erfasste und ihn hilflos gemacht hat wie ein Kind, keinen Tag allein ließ...
An einem Frühlingstage fährt ein Staub bedeckter silbergrauer amerikanischer Wagen über die Schwindel erregenden Straßen der Hochpyrenäen. Der gelähmte Schriftsteller James Power befindet sich mit seiner Mutter auf dem Wege nach Lourdes. Er wollte keinen der Pilgerzüge benützen, denn ihm, dem Kranken, graute es vor all den mit Krankheit Gezeichneten, mit denen er in den Abteilen eines solchen Zuges zusammentreffen müsste. Bald wird er nichts mehr mit ihnen gemeinsam haben als das Wissen um das Leid der Krankheit. Denn wie könnte Gott es zulassen, daß er eine so große Hoffnung spürt, wenn sie nicht Erfüllung finden sollte? James Power betet mit der ganzen Kraft seines zuversichtlichen Glaubens.

Und nun liegt er in einem Fahrstuhl zum letzten Mal auf der weiten Esplanade vor der Grotte. Oft ist er während der vergangenen Tage in das heilkräftige Wasser des Bades hinabgetaucht, ohne dass es ihm Heilung schenkte. Oft stand die weiße Hostie in der goldenen Monstranz segnend über ihm, ohne dass das Wunder geschah. Mit ihm harren auch heute wieder viele, viele arme Menschen der Erhörung ihrer Gebete. „Herr, mach', dass ich gehe!" James Power spricht es flehend, sein Herz klopft in zitternden, erwartungsvollen Schlägen. Noch das tuberkulöse Kind an seiner Seite, und dann tritt der Priester zum letzten Mal mit der Monstranz zu ihm, um ihm den Krankensegen zu spenden. Er erhebt groß den Blick zum eucharistischen Gott. „Christus", stammelt seine Seele, „mache mich gesund!" Die goldene Monstranz leuchtet über der Gestalt des jungen Amerikaners. Doch nichts geschieht. Er liegt da und starrt mit leerem Blick und einem bohrenden Schmerz im Herzen vor sich hin.
Aber jetzt, nicht sehr weit von ihm, ein Schrei: „Ich sehe! Ich sehe!" Einer, der blind gewesen, hebt jubelnd und betend die Hände zur Hostie hin, schaut dann glücklich, dankbar und still zur Felsengrotte hinüber, in der einst das Kind Bernadette das Wunder geschaut. Der Atem der Menge stockt. Ein tiefes, ehrfurchtsvolles Schweigen hängt über dem Riesenplatz der Esplanade. Dann steigt, von Tausenden gesungen, in brausendem Jubel das »Te Deum« zum Himmel, der sich strahlend über Lourdes spannt.
Nur einer singt nicht mit: der junge, gelähmte Amerikaner James Power. Er hat den einen Arm, den er ein wenig heben kann, über sein Gesicht gelegt und weint... Warum heilte Gott jenen anderen und nicht ihn? Warum muß er ebenso krank von Lourdes wegfahren, wie er hergekommen ist? Er hat doch so gehofft, so geglaubt! War er des Wunders nicht würdig?

Endlich hat die begeisterte Menschenmenge die Esplanade ein klein wenig geräumt. Frau Power bahnt sich einen Weg zu ihrem Sohn. Seine Gestalt ist starr und steif wie immer, seitdem die furchtbare Krankheit ihn heimsuchte, sein junges Gesicht ist ungewöhnlich bleich und bewegungslos.„Bereust du es, hierher gekommen zu sein?", fragt sie ihn besorgt. Er gibt keine Antwort, sondern. langsam und bebend: „Ist er — der Blinde — wirklich geheilt? — Hast du ihn gesehen?"
„Ja, ich sah ihn." Der sonst so nüchternen Frau stürzen ein paar erschütterte Tränen die Wangen hinab. „Er führte seine Wärterin, er nannte die Farben unserer Kleider, unserer Augen, unserer Haare. Er war wie ein vor Freude überströmendes Kind, obwohl er schon ein älterer Mann ist. Ein verwitweter Zechenarbeiter aus Frankreich ist's, der bei einem Grubenunglück das Augenlicht verloren hatte. Nun kann er seinen fünf Kindern wieder das tägliche Brot erwerben!"
„Fahre mich noch einmal ganz nahe zur Grotte", bittet James plötzlich leise. Sie tut es. Männer und Frauen knien vor der Felsennische, Leidbeladene? Erhörte? James Powers Blicke gehen über sie hinweg. Dort oben, wo jetzt die Statue der Gottesmutter mit zum Himmel aufgeschlagenem Blick und dem Rosenkranz in Händen steht, hat die Königin des Himmels und der Erde gestanden. Es fließt wie eine überirdische, mütterlich beruhigende Nähe in seine Brust, in sein ganzes Inneres ein. Etwas Unaussprechliches geht in ihm vor...
Ja, Gott tut immer das Rechte. Jener Mann hat die Heilung nötig gehabt, viel nötiger als er. Denn er braucht für keine Familie zu sorgen, er, seine Mutter und seine Schwester haben Geld genug, um ein sorgenfreies Dasein zu führen. Und er vermag sogar einer Berufung zu dienen. Welches Glück ist es doch für ihn, dass seine Hände, wiewohl auch von der Krankheit ergriffen, fähig sind, die Feder zu halten, die Gedanken niederzuschreiben, die ihm in reicher Fülle kommen.
Da steigt, einem frommen Gebet gleich, ein Gelöbnis in ihm auf: seine nächste Arbeit soll der Jungfrau, der Gnadenmutter, gehören; sie soll sein Erleben an ihrem gebenedeiten Wallfahrtsorte schildern. — Wie ein helles Leuchten tritt es jetzt in die Züge des jungen Mannes, mühsam faltet er die versteiften Hände, und seine Seele öffnet sich weit dem allergrößten Wunder von Lourdes: dem Wunder der Ergebung in Gottes heiligem Willen und dem geheimnisvollen Strom der Kraft, das Kreuz seiner Krankheit von nun an in der Liebe zum Gekreuzigten, zum Gott der Liebe in der Monstranz, zu tragen.

Aus „Altöttinger Liebfrauenbote"

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