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Hilfe der Christen

Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 14.10.2020, 08:09


In der Familie eines protestantischen Beamten war die Not eingekehrt. Nach Tagen bangen Fürchtens hatte man den Vater festgenommen und ins Gefängnis eingeliefert. Seine Lage war fast hoffnungslos. Und seine Gattin, kopflos, verzweifelt, da sie keinen Lichtblick mehr sah und ihr das starke Gottvertrauen fehlte, griff zum Gift. In bewusstlosem Zustand fanden sie die Nachbarn, die das Töchterchen herbeigerufen hatte. Man brachte die Frau zum Krankenhaus, wo man allgemein den nahen Tod erwartete. Die Nachricht von diesem Unglück erreichte den armen Mann im Gefängnis. Durch die Wucht des neuen Schlages wurde er vollends niedergeschmettert. Konnte es noch Schlimmeres geben? Seine Ehre war dahin, sein Familienleben vernichtet, die geliebte Frau dem Tode nahe, sein Kind bei fremden Leuten, seine Zukunft trostlos.

Er sah keinen anderen Ausweg mehr aus diesem entsetzlichen Leid. So traf ihn ein Leidens- und Schicksalsgenosse, der gleich ihm seines Urteils harrte, aber als katholisch denkender Mann ruhig dem Lauf der Dinge entgegen sah. Sie hatten den gleichen Beruf und das gleiche Vergehen wurde ihnen zur Last gelegt. Das brachte sie seelisch näher. Sie sprachen sich gegenseitig aus. Im Laufe der Unterhaltung sagte der Katholik, dass er großen Trost im Gebet fände. Der Protestant aber sagte, seine Seele sei kalt und stumm. Wohl glaube er noch an Gott, aber es sei ihnen immer gut gegangen, und so habe er auf das Beten vergessen.

Eine Weile schwiegen beide. Dann begann der katholische Beamte das Glaubensbekenntnis zu beten. Und mit besonderem Nachdruck betonte er, dass wir Katholiken uns in verzweifelten Fällen an Maria, die Hilfe der Christen, wenden. Sie sei mächtig und könne und wolle uns helfen, wenn wir als arme Kinder mit unserer Not zu ihr kämen. Und er betete ihm das uralte Wallfahrtslied vor:

Milde Königin, gedenke,
Wie' auf Erden nie gehört,
Dass zu Dir ein Pilger lenke
Der verlassen wieder kehrt.
Nein, o Mutter, weit und breit,
Schallt's durch deiner Kinder Mitte:
Dass Maria eine Bitte nicht gewährt,
Ist nie gehört in Ewigkeit.

Mitten in der Nacht erwachte der Gefangene aus tiefem Schlaf. Seltsam, ein heller Lichtstreifen erfüllte seine dunkle Zelle. Dann kam eine große Lichtfülle, und die Umrisse einer Frau von wunderbarer Schönheit stand vor ihm. Geblendet vom Licht schloss er die Augen. Und da hörte er deutlich eine Stimme: „Ich helfe dir, du wirst frei, und deine Frau wird gesund werden. Die Erscheinung verschwand. Dunkelheit hüllte wieder sein Zimmer ein.

Tief erschüttert sprang der Mann von seinem Lager und fasste sich an den Kopf. Was war das nur? War er wach oder träumte er? Ach, er wusste es genau: er war vollständig wach. Noch stand er ganz im Banne dieser herrlichen Frau und ihrer Stimme. So hatte er auf Erden noch nie eine Stimme gehört. Wer mochte sie gewesen sein? Er wusste die Erscheinung nicht zu deuten. Klar stand sie vor ihm, niemals mehr würde er sie vergessen. Er war ein gewandter Zeichner. Schnell griff er zum Stift, und bei dem spärlichen Licht, das in seine Zelle fiel, zeichnete er die Umrisse der Gestalt an die Tür. Dann legte er sich wieder zu Bett und erwartete mit Ungeduld den Morgen. Sehnsüchtig sah er der Stunde entgegen, da er mit dem katholischen Gefährten zusammen kam. Sobald es ging, zeigte er ihm die Skizze an der Tür. Kaum hatte der katholische Beamte die Zeichnung gesehen, als er ausrief: „Das ist ja die Muttergottes von Neviges! "
„Was bedeutet das, die Muttergottes von Neviges?", fragte der Protestant.

„Das ist das Gnadenbild, und zwar genau so, wie es in der Kirche zu Hardenberg-Neviges verehrt wird. Wie herrlich! Wie kommen Sie dazu? Haben Sie das Bild schon einmal gesehen!" „Niemals. Ich wusste bis jetzt gar nicht, dass es einen solchen Wallfahrtsort und ein Gnadenbild gibt." Der Katholik war tief erschüttert. „Nun dürfen Sie sicher sein, dass Maria unser Gebet erhören wird ". Und Maria erhörte sie. Nach einigen Tagen wurde dem protestantischen Beamten eröffnet, dass seine Unschuld sich herausgestellt habe. Gleichzeitig kam aus dem Krankenhaus die Nachricht, dass seine Frau — wider alle Hoffnung — geheilt sei und ihn bereits zu Hause erwarte. Die Freude war groß. Der Dank nicht minder. Und da Maria ihnen so wunderbar geholfen hatte, wollten sie auch einem Glauben angehören, in dem die wunderbare, mächtige Mutter und Jungfrau die ihr gebührende Stellung einnimmt.


Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

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