Madonna delle Lacrime
Von ehemaliges Mitglied 21.06.2020, 06:36
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Syrakus auf Südsizilien erlebt in diesen Wochen die aufregendste Zeit seiner neueren Geschichte. Die Wundertaten der "weinenden Madonna" haben die Stadt zum Wallfahrtsort Hunderttausender gläubiger Katholiken, neugieriger Skeptiker und unzähliger, auf Heilung hoffender Kranker gemacht.
Geburtsstätte des neuen Ruhmes von Syrakus war das Schlafzimmer der zwanzigjährigen Ehefrau Antonina Giusto, die ein Kind erwartete, im Parterre des Hauses Nummer 11 der Via degli Orti. Antonina, die bis zu ihrer Niederkunft noch mehrere Monate Zeit hatte, wurde während ihrer Schwangerschaft oft von schmerzhaften nervösen Anfällen geplagt. Die machten sie nicht nur bettlägerig, sondern störten auch ihr Sehvermögen.
So ging es Antonina Giusto auch an jenem Sonnabendmorgen des 29. August 1953. Sie wand sich in Krämpfen und sah wie durch einen Schleier. Ihr Mann, Maurer von Beruf, war schon zur Arbeit. Tante Antonina Sgarlata aber und Schwägerin Grazia Jannuso wurden bleich vor Angst und Mitleid. Alle Heiligen des Paradieses riefen sie um Hilfe an.
Tante und Schwägerin sind felsenfest davon überzeugt, daß ihre Gebete geholfen haben. Nach einem zweiten heftigen Krampf konnte Frau Antonia plötzlich wieder normal sehen. Ihr erster Blick fiel auf ein Madonnen - Relief über ihrem Bett. Sie sah, wie aus den Augen der Jungfrau Maria große Tränen liefen, die auf das Bett herabtropften und Laken und Kissen benetzten.
Auch die beiden anderen Frauen sahen die Tränen, fielen vor dem Wunder auf die Knie, liefen dann aber in ihrer Verwirrung auf die Straße hinaus und schrien: "Die Madonna weint!"
Die ersten Nachbarn eilten herbei. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der "weinenden Madonna".
Ganz Syrakus zog in ununterbrochener Prozession an der Madonna vorbei: einem einfachen "Capezzale", einem Basrelief aus bunter Majolika auf einer Lunette von schwarzem Glas - Dutzendware nach ländlichem Geschmack, ein Hochzeitsgeschenk von Tante Grazia, für ein paar Lire aus einem Töpferladen.
Ob wundergläubig oder nicht, wer das Heiligenbild sah, bestätigte: "La Madonna piange" (Die Madonna weint).
"Die Szenen religiöser Inbrunst sind unbeschreiblich", berichtete Salvatore Lo Presti seiner Zeitung "Il Tempo" nach Rom, "ein unaufhörlich anschwellender Strom von Gläubigen und Neugierigen auch aus der Provinz wälzte sich über das Haus des Wunders. Um Unfälle zu vermeiden, mußte die Stadt einen besonderen Ordnungsdienst einsetzen."
Dort erschien auch, im Auftrage des bischöflichen Ordinariats von Syrakus, eine wissenschaftliche Kommission: die Ärzte Cassòla, Cotzia und Marletta und der Ingenieur D'Urso. Haus und Madonna wurden genauestens untersucht. Ergebnis: Es handelt sich nicht um Suggestion, sondern um ein reales Phänomen.
Einer der drei bischöflich ordinierten Experten, Doktor Cassòla, fing in wenigen Sekunden einen Kubikzentimeter der mysteriösen Flüssigkeit auf. Ihre chemische Analyse ergab reichlich Spuren von Natriumchlorid (Kochsalz), das auch in der Tränenflüssigkeit vorkommt.
Vier Tage und vier Nächte ohne Unterbrechung war Tante Grazias Hochzeitsgeschenk eine "Madonna piangente", eine weinende Madonna. Halb Sizilien hat sie weinen sehen, auch die kirchlichen und weltlichen Autoritäten, an ihrer Spitze Monsignore Ettore Baranzini, der Erzbischof von Syrakus.
Dann aber versiegten die Tränen auf den Wangen der Madonnina. Die überanstrengten Polizisten atmeten auf. Zu früh, denn aus der weinenden wurde jetzt die heilende Madonna, und statt der Zehntausende aus Sizilien und Süditalien strömten nun Hunderttausende in die Via degli Orti von Syrakus, aus ganz Italien, aus Frankreich und Spanien und der ganzen katholischen Welt, von überall her, wohin der Ruf der wundertätigen "Madonnina" drang.
Bei Tage und bei Nacht drängen sich die Massen zu dem anspruchslosen "Capezzale" aus Majolika, der zur kostbarsten Reliquie wurde. Mütter hoben ihre kleinen Kinder zur "Madonnina" empor und erbaten für sie ihren Schutz. Schwerkranke und Krüppel wurden herangebracht, oft auf notdürftigen Bahren, und immer sensationeller wurden die "Wunderheilungen" der Madonna, von denen Korrespondenten seriöser Blätter zu berichten wissen:
"Greise, seit Jahren gelähmt und langsam dahinsiechend, erheben sich, lachen und weinen und werfen ihre Krücken fort. Gliedmaßen, die für immer verloren schienen, erhalten wieder Leben. Alle - auch die Stummen - jubeln.
Da war Maria Sirugo, 35 Jahre alt und auf dem rechten Auge seit 1918 teilweise erblindet. Während des Besuchs bei der "Madonna delle Lacrime", der Madonna der Tränen, erhielt sie plötzlich ihr volles Sehvermögen wieder.
Oder Caterina Ferracani, die als Folge einer Hirnthrombose kein Wort mehr hervorbringen konnte. Seit sie in der Via degli Orti war, kann sie wieder sprechen.
Bei solch offensichtlicher Nützlichkeit von Antonina Giustos Madonna wurde ihrem Publikum die Via degli Orti bald endgültig zu eng. Am 19. September um 18 Uhr drängelten sich Erzbischof Baranzini, Präfekt Torrisi, Bürgermeister Dr. Aragona und Polizeipräsident Marchitto zum Hause Nr. 11 und trugen das Majolika-Relief an der Spitze einer Prozession von dreißigtausend Menschen zur Piazza Euripide. Dort glänzt es seitdem auf einer Säule über dem monotonen Gemurmel der betenden Menge, das von Zeit zu Zeit unterbrochen wird von Psalmgesang, von lauten Anrufungen der Madonna und den verzückten Stimmen einzelner, die behaupten, daß sie soeben von einer Krankheit oder einem Gebrechen geheilt wurden.
Eine große Rolle bei diesen "Wunderheilungen" spielen Wattebäusche, die mit den Tränen der "Madonna piangente" getränkt wurden. Solche Watte, die begehrter ist als die teuerste Medizin, hat sich in vielen Fällen sehr eigentümlich verhalten.
Bonafede Lo Presti aus Messina war mit seiner Frau Marisa nach Syrakus gewallfahrtet. Auf der Rückreise bemerkte Marisa, daß ihre Handtasche immer schwerer wurde. Dort hatte sie einen Wattebausch untergebracht, in den sie eine Madonnenträne aufgetupft hatte. Als die Signora die Tasche öffnete, sah sie, daß der gesamte Tascheninhalt durchnäßt war.
Das Sonderbarste aber ereignete sich erst noch: Auf dem Bahnsteig in Catania kaufte Lo Presti ein Päckchen Watte von 50 Gramm. Auch das war, als die beiden Madonnenpilger in Messina ankamen, in Frau Marisas Tasche vollständig naß.
Zahllose Beispiele von "Wunderheilungen" werden auch erzählt, bei denen die
von den Tränen der Madonna feuchte Watte die Vermittlerrolle spielte:
Maria Corradina Cottone, 39, aus Vincenzo, war nach Kinderlähmung und Hirnhautentzündung seit 36 Jahren linksseitig gelähmt geblieben. Nach langwierigen Kuren wurde das rechte Bein wieder bewegungsfähig, aber der Arm blieb gelähmt. Jetzt wallfahrtete sie zur "Madonna delle Lacrime" Sie salbte die rechte Hand mit einem tränennassen Wattebausch, und allmählich ging die Lähmung zurück.
Lidia Blandino aus Modica war mit sieben Jahren nach einem schweren Ohrenleiden fast taub geworden. Ein getränkter Wattebausch von der Madonna von Syrakus gab ihr jetzt das Gehör wieder.
Eine andere "Fernwirkung" der weinenden Madonna will Signore Antonino Gentile festgestellt haben: Von einem Bekannten namens Giulio Tamburino, der eine Pilgerreise nach Syrakus gemacht hatte, erhielt er ein Photo der Madonna geschenkt. Am Morgen des 20. September seien plötzlich einige Tränen aus den Augen der Photo-Madonna getreten, und das gleiche habe sich später noch einmal in Gegenwart zahlreicher Zeugen ereignet.
Wenig erbaut von der Flutwelle madonnengläubiger Frömmigkeit waren die süditalienischen Kommunisten. Sie engagierten ein paar Jugendliche, übten mit ihnen Gebrechen ein und ließen sie sich bei möglichst großer Publikumsbeachtung "wunderheilen". Dann griffen sie die Fälle als "Beispiele" auf, um an ihnen den "Madonnenschwindel" zu entlarven.
Die Rechnung sollte auf Kosten der Madonna gehen, flatterte aber in die Propagandabüros der kommunistischen Partei (PCI) zurück. Carmelo Fiammingo aus Fiumefreddo und ein paar weitere Provokateure wurden entlarvt und mit ihren Auftraggebern bloßgestellt. Seitdem haben sie ihre Störversuche eingestellt.
Die Autoritäten der katholischen Kirche vermeiden, obwohl sie die äußeren Arrangements weitgehend kontrollieren, jede entschiedene Stellungnahme zu den mysteriösen Vorgängen. "Zur Stunde kann und darf ich mich über die Dinge nicht aussprechen", sagte Erzbischof Monsignore Baranzini nach einem Besuch im Hause Giusto. "Die Kirche urteilt nur nach reiflicher Prüfung, denn sie ist Meisterin der Weisheit und der Klugheit, und", so fügte der Erzbischof hinzu, "sie hat keine Eile."
DER SPIEGEL 41/1953