Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

1 2

Maiandacht in der Zirkusmanege

Von ehemaliges Mitglied Samstag 03.10.2020, 07:41


Rex, der große Berberlöwe, riss gerade in dem Augenblick seinen Rachen grollend auf, als der Pater den Weihwasserwedel zu seinem Käfig hinüber schwingen ließ. Der Wärter drehte sich ab, weil er lachen musste. Rex bekam den Tiersegen mitten in seinen Schlund.
Der Wärter hielt es für eine ganz überflüssige Zeremonie, die Tiere zu segnen, aber der Zirkusdirektor war dem tapferen Geistlichen entgegengekommen. Heute Abend noch — eine Stunde vor der Eröffnung — sollte für die Manegeleute Maiandacht gehalten werden. Diese „Attraktion" würde sich auch der Wärter ansehen müssen, der Direktor wusste, dass er katholisch getauft war. Auch die Andersgläubigen unter dem fahrenden Volk hatten aus Kameradschaft zugesagt.

Es war schön, einmal andere in der Arena wirken zu sehen. Als der Pater mit dem Segnen der Tiere fertig war, wandte er sich zum Wärter: „So — und nun eine Frage für heute Abend. Hat jemand unter ihnen ein gutes Marienbild für den Maialtar?" Der Wärter kratzte sich verlegen den Kopf. Als der Pater schon verzagen wollte, kam eines der vielen Kinder der chinesischen Artistenfamilie gerannt. Ja, sie hatten ein großes Madonnenbild — aus ihrer fernen Heimat. Er lief mit zum Wohnwagen. Es war ein Farbholzschnitt — die Madonna auf der Flucht, von einem chinesischen Künstler gestaltet; fremdartig, aber schön. Am Abend, als der noch leere Zeltraum unter den künstlichen Lichtquellen aufstrahlte, gingen Rufe der Bewunderung durch die Reihen der Zirkusleute. Droben, inmitten der Manege, wo sie sonst ihre Kunststücke vorführten, war mit viel Geschick ein Maialtar aufgebaut. Unter Kerzen und Blumen leuchtete das Madonnenbild des Chinesen. Die Lichter im Zuschauerzelt erloschen. Jemand spielte ein dünnstimmiges Harmonium. Droben im Richet erschien der junge Pater und machte das Kreuzzeichen.

Es wurde still. Was hatte dieser Mann dem fahrenden Volk zu sagen, das da aus allen Herren Länder zusammengewürfelt, zum Teil schon fertig für die Vorstellung umgekleidet, zu seinen Füßen saß? „Ich fände keine bessere Madonna der Manege als diese fliehende Gottesmutter des Chinesen, die einmal für kurze Zeit ein ganz abenteuerliches und gefährliches Leben führen musste. Ich meine ihre Flucht durch die einsame Wüste. Auch sie war bedroht von wilden Tieren, von Löwen, deren schauerliches Geheul sie in den Nächten aufschrecken ließ, von Schakalen und Schlangen. Ich glaube, daß es keine Kleinigkeit war, mit dem hilflosen Säugling Wüstenglut und Bedrohung durch Klima und Bestien zu ertragen. Diese Madonna hat volles Verständnis für euren schweren Beruf. Sie waren ja auch nur ein kleines Trüpplein in der Unendlichkeit, eine tapfere Familie — aber sie konnten trotz allem beruhigt sein. Gott war in ihrer Mitte, der verborgene Gott, Gott als Kind, Gott, der fliehen musste. Sie waren nicht dem Zufall ausgeliefert und nicht der blinden Willkür horoskopischer Bestimmung — sie hatten den Himmel, schlummernd in seiner Herrlichkeit, an der Brust dieser Frau!"

Die Zirkusleute sahen auf. Kein Laut mehr war zu hören. Aber plötzlich ging eine Unruhe durch die Zuhörer, Köpfe wandten sich zueinander, flüstern — hatte er schon zu lange gepredigt? Ruhig sprach er weiter. Sie waren halt keine religiösen Feierstunden mehr gewohnt, dachte er sich. Jetzt saßen sie regungslos, wie erstarrt — er merkte nun, dass einer aus ihnen aufstand und langsam in die Manege kam und sich seitlich niederhockte. Der Pater achtete nicht darauf. Einige Sonderbarkeiten musste er dem Artistenvölkchen schon zugestehen. Merkwürdig, die Leute starrten alle in die gleiche Richtung. Endlich machte er groß das Segenskreuz über alle. Dann forderte er sie auf, zu singen: „Maria, Maienkönigin". Sie standen auf — lautlos, starrten — niemand sang. Er stimmte an und sang einsam, kräftig durch: „O segne seinen Anbeginn und uns zu deinen Füßen!" Die Leute standen wie gebannt, als gebe er die spannenste, atemberaubendste Vorstellung droben. Er wandte sich um und betete. Dabei sah er, wie der Mann links quer über die Bühne ging, langsam, vorsichtig. „Sei gegrüßt, o Königin!" Endlich antworteten sie murmelnd. Und dann plötzlich, am Schluss des Gebetes rasendes Händeklatschen, Trampeln, Pfeifen — waren sie nicht mehr zu unterscheiden? Plötzlich flammten Lichter auf, sie stürmten zu ihm in die Manege; erst sehnen sie durcheinander, dass er gar nichts begriff. Dann nahm ihn der Direktor am Arm und zeigte ihm die Stelle, an der fast die ganze Zeit seit Beginn der Maiandacht der Berberlöwe gehockt hatte: Rex, der ihn nicht aus den Augen gelassen. Aus unerklärlichen Gründen war er aus seinem Käfig entkommen. Seinen alten Platz hatte er in der Manege eingenommen, wie bei der Vorstellung, aber kein Dompteur war zugegen, ihn in Schach zu halten. Nur die Madonna der Zirkusleute, der er gerade gegenüber gesessen hatte! Den Pater zu warnen, wäre unmöglich gewesen. Eine unbedachte Geste des Schreckens hätte alles verdorben. Und darum war der Wärter in die Manege gekommen, um im Notfall zu schießen. Gerade als der Pater sein einsam gesungenes Marienlied beendete, hatte Rex sich langsam gewendet und war hinausgetrottet. Er ging selber in seinen Käfig zurück.

Nun dankten sie alle begeistert mit dem Priester Gott und der hl. Jungfrau innig, ergriffen. Sie waren sicher, dass die Madonna als Schutzherrin ihren Ehrenplatz unter ihnen behalten würde.


Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Glaube im Alltag > Forum > Maiandacht in der Zirkusmanege