Maria, Königin des Meeres
Von ehemaliges Mitglied Montag 22.06.2020, 08:00
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Unsere Spelunke lag am Hafen, mitten in Sankt Pauli, gleich an der Reeperbahn. Wir waren von Finnland heruntergekommen und wollten weiter nach Südfrankreich. Wir, das waren mein Kamerad Jim und ich. Jim war Engländer, ich hatte ihn drüben in Polen kennen gelernt. Ich hatte damals kein Brot, aber Butter, und bei Jim war's gerade umgekehrt. Und so waren wir eben bekannt geworden. Jetzt machten wir also in Hamburg Zwischenstation, mit wenig Geld.
Und da trafen wir auf Karst. Der Junge mit den lachenden Augen und dem wettergebräunten Gesicht sagte uns sofort zu. Und wir gingen mit ihm. Wir erzählten uns von unseren Fahrten und Erlebnissen. Karst bewirtete uns wie seine eigenen Söhne. Ich werde ihn und das kleine Haus mit dem schiefen Giebel an der Alster nie vergessen. Besonders gefiel mir ein kleines Zimmer im ersten Stock.
An der Decke hing eine wunderbar geschnitzte Hansakogge, während die Wände mit unzähligen seemännischen Erinnerungen geschmückt waren. Aber das Glanzstück war unzweifelhaft eine kleine, kaum zwanzig Zentimeter hohe Madonna. Schweigend stand sie inmitten der Seesterne und Mützenbänder, und scharf hob sich ihre kleine weiße Gestalt von der schwarzen Matrosenmütze im Hintergrund ab. Auch Jim war sie sofort aufgefallen. Und er fragte Karst nach ihrer Herkunft.
Doch dieser schwieg plötzlich. Das frohe Lachen war aus seinen Zügen gewichen. „Vielleicht ein andermal Jungs!", stieß er hervor und ließ uns allein.
Oft nun fielen unsere Blicke auf die kleine elfenbeinerne Madonna, die schweigend auf einem Kugelfisch thronte. Aber mit keinem Wort mehr erwähnten wir sie.
Dann kam der letzte Abend. Wir saßen gemütlich beisammen. Plötzlich begann Karst unvermittelt mit leiser Stimme: Ja, Jungs, werdet euch wohl gewundert haben, damals wegen der Madonna. Sollt es erfahren! Werdet euch dann nimmer wundern!" Sein Blick fiel auf die Kogge, während er weiter sprach:
„War damals unten in La Plata. Hatten Wolle nach Valparaiso geladen. Zum Teufel, wenn die ,Swallow` nicht das beste Schiff war, das da drüben je gesehen wurde! Na, könnt es euch selbst vorstellen, wie's einem ums Herz ist, wenn man mit solchem Kahn die Wellen auf und ab reitet. Und so'nen Käpten wie Will Alson konnte man auch vergebens rechts und links am Äquator suchen. Dazu Leif Holten, der trotz der Prügel, die er für seine Schiffsjungenstreiche von uns bezog, doch ein prächtiger Kerl war. Ja, und dann... der Steuermann, der mit seiner unerschütterlichen Ruhe, weiß Gott wie oft, unser bisschen Leben noch rettete. Das war Ben. Ben Walker mit seinen feuerroten Haaren aus Tipperary auf der grünen Insel, Ben, der Ben..., wie oft hatten wir uns über ihn lustig gemacht, wenn er abends sein Kreuzzeichen machte und vor der kleinen Madonna über dem Bilde seiner Mutter das Ave Maria sprach, und wenn er uns immer so sonderbar ansah, während ein Fluch unseren Lippen entfuhr, lang und rasselnd wie eine Ankerkette. Und dann hatte er in seiner Koje allerhand Bilder... es waren Heilige, die still von der Wand blickten und niemals lächelten. Beim Neptun, wir Seeleute wissen, was wir auf unseren Herrgott zu halten haben; aber Ben tat unserer Ansicht nach zu viel des Guten. Wir neckten ihn oft, auch ich. Ich war der einzige auf den Planken, der sich über Gott erhaben fühlte. Kam von einem Schmöker, den mir damals ein Boy in Frisko mitgegeben hatte. Handelte von der Freiheit des Proletariats und was Religion für ein Blödsinn sei. Hat mir damals furchtbar imponiert, dieses Buch. Doch zum Teufel, heut' weiß ich's anders.
Zurück zur „Swallow", wir hatten die Magalhaesstraße passiert und Feuerland im Rücken, als sich der strahlend blaue Himmel verdunkelte. Ich will's kurz machen: Solchem Taifun war unser braves Schiff nicht gewachsen. Am zweiten Tag sackte es uns unter den Füßen weg. Neben mir krachte der Besanmast nieder und dann packte mich schon eine Woge, und in hohem Bogen wurde ich in die brüllende See hinausgeschleudert. Ich hörte noch das Bersten der Flanken. Auch glaubte ich einen Hilferuf zu vernehmen. Dann ward es Nacht um mich. Als ich wieder erwachte, lag ich aber zu meinem Erstaunen nicht auf dem Meeresgrund, sondern saß rittlings auf dem Fockmast, der ununterbrochen durch die See schlingerte. Und vor mir saß Ben, dessen Gesicht voller Blut klebte, und der mich bis jetzt anscheinend gehalten hatte. Er versuchte zu lächeln: „Bist der einzige, den ich auffischen konnte, Karst!
Dann schwieg er wieder, doch seine Lippen bewegten sich unaufhörlich... es waren sicher Gebete, die er sprach. So schaukelten wir bis zur Morgendämmerung auf den Wellen, die sich langsam wieder glätteten. Der Durst schloss mir die Lippen und auch Ben hatte sie jetzt fest auf einander gebissen. Plötzlich gab er mir die Hand. „Karst", murmelte er leise und der blonde Junge fuhr mit dem Rockärmel über sein Gesicht, „hier, nimm die Madonna, sie hilft dir bestimmt, aber ich, ich halte nimmer aus." Dabei reichte er mir ein kleines Päckchen aus der Tasche. Ich griff zu... da fiel Bens schwerer Körper backbordüber in die fast ruhig liegende See. Ich wollte schreien: „Ben, Ben!" Ich konnte nicht. Mit steifen Fingern umklammerte ich die in öliges Papier eingewickelte Figur. Wohl eine Stunde bin ich bewegungslos dagesessen. Dann wickelte ich die Hälfte auf und blickte in das Gesicht der Madonna. Sollte es damit doch etwas sein? Sollte der Boy in Frisko mit seinem Buch doch nicht recht haben? „Sie hilft dir!"
Ich glaube, ich habe zum ersten Mal in meinem Leben zu beten versucht. Ich hüllte die Figur wieder ein und kurz darauf übermannte mich die Müdigkeit; vorher hatte ich mich jedoch mit Stofffetzen festgebunden, damit es mir nicht wie Ben ergehen sollte. Die Strahlen der Sonne erweckten mich aus meiner Bewusstlosigkeit. Jungs, könnt euch die Freude denken, als eine Rauchfahne auftauchte. Ich schrie, warf die Arme in die Höhe, doch das Schiff verschwand, ohne mich gesehen zu haben. Da begann ich fast zu verzweifeln.
Und wieder holte ich die kleine Madonna aus ihrer Hülle, stellte sie vor mir auf, band sie fest und starrte sie lange an. Jungs, und da habe ich beten gelernt! „Wenn du hilfst, wenn du mich nur einmal die Heimat wieder sehen lässt, dann will ich an dich glauben, ja dann sollst du einen Ehrenplatz bei mir erhalten..."
So betete ich den ganzen Tag, während ich mich kaum noch bewegen konnte. Den Boy in Frisko hatte ich schon längst zum Teufel gewünscht. Ich wollte, als es langsam dämmerte, die kleine Gestalt wieder einhüllen, hatte aber nicht mehr die Kraft dazu. Ich hörte noch das leise Singen der Wellen, dann ward alles finster. Wie lange ich so lag, weiß ich nicht. Als ich erwachte, dachte ich zuerst im Himmel zu sein; denn ich lag in einem blütenweißen Bett, ein hübsches Mädel in Schwesterntracht saß daneben und sang leise.
Auf dem Nachttisch stand meine kleine Madonna und blickte mich so unsäglich gütig an, dass es mir schwer fiel einzusehen, dass ich nicht im Himmel sei, sondern auf Erden, auf einem schönen Schiff und — gerettet.
Ich wollte fragen, doch ich fiel wieder in tiefen Schlaf. Eine freundliche Stimme weckte mich. Neben mir stand ein kleiner Herr: „Mensch, hatten Sie Glück, dass Sie die Bordwache sah. Bei diesem finsteren Nebel. Wenn hier Ihre Madonna nicht gewesen wäre, na, dann adieu." Ich langte zu der kleinen Gestalt hinauf. Der Arzt gab sie mir und ich sah sie lange, lange an.
Kleine Madonna, du hast mich gerettet. Lieber Ben, du hattest recht, und wie hat sich mein Spott über dich ergossen...!
Der Arzt sah mich ernst an. „Auf zwanzig Meter sind wir an Ihnen vorbeigefahren; wenn Ihre Madonna nicht...!" Er ging hinaus und ich wusste immer noch nicht, wie mich die Gottesmutter gerettet hatte; ihr jedenfalls verdanke ich mein Leben, das andere war gleichgültig. Doch euch wird es interessieren und ich will's euch dann zeigen. Aber erst muss ich mit meinem Garn zu Ende kommen.
In Valparaiso konnte ich von Bord gehen. Unter den Passagieren war für mich gesammelt worden und so war ich nicht ganz mittellos. Ein Vierteljahr später saß ich in einer kleinen Stube in Tipperary einem alten Mütterchen gegenüber, um die Madonna abzuliefern. Ich muss dabei wohl fast geheult haben, denn Bens Mutter schenkte sie mir zum Andenken. Zu Hause hat sie nun diesen Platz bekommen."
Unwillkürlich drehten wir uns der Ecke zu. Da drehte Karst die Lampe aus. Und dennoch blieb in dem Raum ein gedämpftes blaues Licht. Es ging von der kleinen weißen Madonna aus, die uns geheimnisvoll anlächelte. Strahlend stand sie in der Ecke und Jim flüsterte leise: „Maria, Königin des Meeres!"
Karst sagte ergriffen: „Jungs, habe das Weiße auch erst für Elfenbein gehalten, doch ist's ein Leuchtüberzug, aber ...... sagte er leise, „ich glaube, sie hätte mich auch ohne diesen gerettet." Und mit festen Blicken, die Vertrauen verrieten, schweiften seine Augen über die kleine Madonna. In dieser Nacht habe ich lange über die weiße Madonna nachgedacht und ich glaube, sie hat auch mir etwas geholfen. Und als wir uns am nächsten Morgen von Karst verabschiedeten, mussten wir ihm das alte Lied vorsingen: „Maria, Königin des Meeres...!
Karl Th. Reubel in „Die Wacht"