Mariens Geheimdienst
Von ehemaliges Mitglied Freitag 18.09.2020, 07:30
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Wenn man zurückdenkt an die letzten Kriegs- und Nachkriegsjahre mit all ihrem Schrecken, ihren Nöten und Ängsten, dann muss man wohl voll Innigkeit nach oben schauen und Gott dem Herrn und der lieben Gottesmutter Dank sagen für die unzähligen Beweise ihrer Liebe und Treue, die sie uns Tag für Tag entgegenbrachten.
In Zeiten größter Not, wo unsere Abhängigkeit von den himmlischen Mächten fühlbarer wird als sonst, da wird man gar hellhörig und aufgeschlossen für die Zeichen, die dem gläubig vertrauenden Menschen gegeben werden und es wird einem so richtig klar, dass nichts von ungefähr in unser Leben fällt, sondern alles seinen tiefen Sinn hat. Ja man möchte sagen, dass man es förmlich spürt, wie man mit hineingezogen wird in den Kreislauf des übernatürlichen Lebens, wenn wir unser Bitten empor senden zum Schöpfer allen Seins und von dort als Gnadenregen wieder zurück empfangen. Dass Maria, die Mittlerin aller Gnaden, dabei die gewaltigste Rolle spielt, ist eine Tatsache, die jeder begreift, der sich einmal in der Not an sie gewendet hat. Es ist eine Art Geheimdienst, den die Königin der Engel in den Händen hält und dessen Fäden sich über die ganze Erde breiten, überall hin, wo Menschen betend die Hände falten. Und nirgendwo gibt es einen Raum, wo ihre Boten keinen Zutritt hätten und keine Macht, die diese hindern könnten, die Befehle ihrer Herrin zu vollführen.
Ich glaube, es könnte jeder, der diese Zeit erlebt hat, ein Buch schreiben über all die vielen wunderbaren Erhörungen, die ihm, so er sich darum bemüht hat, zuteil geworden sind. Von einer solchen will ich heute erzählen:
Als wir 1944 schon längere Zeit nichts mehr von meinem Mann und meinem Bruder gehört hatten, die beide in Rumänien, nicht weit von einander entfernt im Kriegseinsatz standen, nahm ich Zuflucht zu einer Marien-Novene, einer neuntägigen Andacht also, die die Hilfe der Gottesmutter erflehen sollte. Kurz darauf, an einem Samstag, bekamen die Eltern endlich wieder einmal einen Brief aus der Hand meines Bruders, der sie über sein Schicksal beruhigte. Er kam später auch heil vom Krieg zurück, obwohl jene Kompanie, der er zugeteilt war, vom Feinde aufgerieben wurde.
An diesem gleichen Samstag erhielt ich einen Telefonanruf von einem Oberstleutnant D. aus dem Wiener EVM, der mich schonend verständigte, dass mein Mann aller Wahrscheinlichkeit nach in rumänische bzw. russische Gefangenschaft geraten sei. Ich war zutiefst bestürzt. Wohl hatte ich geahnt, dass mein Mann niemals flüchten, sondern als Leiter seiner Dienststelle bis zuletzt die Befehle seiner Vorgesetzten abwarten würde. Ich konnte mir aber auch denken, was für diesen edlen und vornehm denkenden Menschen eine Gefangenschaft bedeutete. Nur der leise Hoffnungsschimmer, dass er wenigsten noch am Leben sei, gab mir einigen Trost.
Sogleich betete ich wieder eine neue Novene zur lieben Gottesmutter, um Näheres zu erfahren. Und wieder kam ein Samstag und wieder geschah etwas Sonderbares: Der Postbote überbrachte mir vier Briefe von ganz verschiedener Größe. Hastig öffnete ich einen nach dem anderen. Ein Brief war von der Gattin eines Dienststellen-Kameraden meines Mannes, die bei mir anfragte, ob ich etwas über unsere Männer wüsste, sie sei nämlich schon längere Zeit ohne jede Nachricht. Der zweite Brief stammte von der Gattin eines anderen Dienststellen-Kameraden meines Mannes, die mir mitteilte, dass sie Nachricht erhalten habe, dass unsere Männer am 25. August 1944 in russische Gefangenschaft geraten seien. Der dritte Brief war von mir selbst. Es war einer, und zwar der einzige von den ungezählten Briefen, die ich an meinen Mann gerichtet hatte und der nun mit dem Vermerk „unzustellbar" an mich zurückgelangte. Der vierte Brief aber war von einer Bekannten aus der Tschechoslowakei, bei der ich mit meinem Mann kurze Zeit gewohnt hatte, als er dort am Truppenübungsplatz stationiert war. Diese damals noch junge Frau teilte mir mit herzlichen Worten mit, dass sie durch einen Traum sicher wisse, dass mein guter Mann aus dem Kriege zurückkehren werde.
Ich verstand sofort: Geheimdienst Mariens! Antwort auf meine Novene! Niemand konnte mir von diesem Augenblick an mehr ausreden, dass mein Mann zurückkommen werde. Wohl vergingen lange, bange Jahre. Trotz aller Bemühungen von nirgendsher auch nur irgend eine Spur einer Nachricht. Einmal bekam ich eine Postkarte durch die Päpstliche Suchaktion des Vatikans, die sogar einen handschriftlichen Gruß meines Mannes enthielt, doch lag das Datum weit zurück. Drei einviertel Jahre gingen so dahin, meine Zuversicht aber war nicht zu beugen. Aller Bejammerung meiner guten Mitmenschen hielt ich stand und es überraschte mich gar nicht sonderlich, als ich endlich in den Besitz der Feldpostnummer meines Mannes kam, die mir andeutete, dass er zu den vorgesehenen Heimkehrern gehöre. Meine Freude war unbeschreiblich groß. Ich konnte den Tag kaum mehr erwarten, wo sich unser Schicksal erfüllen sollte. Es kam der 14. November 1947. Ich war damals im Ärztesekretariat eines Krankenhauses angestellt und saß eben an der Schreibmaschine, als eine geistliche Schwester mit einer Hausangestellten hereingestürzt kam und mir zurief, ich solle schnell hinunter in die Aufnahmekanzlei kommen, eine Karte sei für mich da. Mein Mann sei unterwegs nach Wien. Ich dachte erst, die Schwester mache einen Scherz: doch dann fiel mir ein, dass ich ja der „Ravag" einen Spesenbetrag eingeschickt hatte, damit ich von der Ankunft meines Mannes verständigt würde. Ich sprang auf und fiel der Schwester um den Hals.
„Ist das wirklich wahr?", fragte ich immer noch zweifelnd. „Ja, es ist wirklich so! Kommen Sie nur schnell mit herunter!" Die Schwester und ihre Begleiterin gingen mir viel zu langsam. Mit einem Satz war ich unten in der Aufnahmekanzlei. Richtig! Die Karte war von der „Ravag", und ich wurde verständigt, dass heute um vierzehn Uhr mein Mann am Ostbahnhof einträfe. Mir schwanden fast die Sinne. Alles was mir in den Weg kam, umjubelte mich. Schnell lief ich wieder hinauf um mich umzuziehen und eilte dann zu meinen Eltern, bei denen ich vorübergehend wohnte und von wo ich nicht weit zum Bahnhof hatte. Punkt vierzehn Uhr war ich dort. Eine große Menge Wartender hatte sich eingefunden. Viele waren darunter, die Tag für Tag dort standen, obwohl sie keinerlei Nachricht von ihren Lieben hatten. Es war ergreifend anzusehen, wie alle ihre sehnsuchtsvollen Blicke an das Bahnhoftor hefteten, wo die Heimkehrer herauskommen sollten. Die Musik hatte inzwischen eingesetzt, aber meine Geduld wurde noch lange auf die Probe gestellt. Endlich rührte sich etwas beim Tor. Die Menschenmenge kam in Bewegung. Einer verstellte dem anderen die Aussicht. Die Wachleute drängten immer wieder die Ungestümen zurück. Da endlich kam die erste Gruppe des Weges: Ein Soldat, der von seinen Angehörigen geführt werden musste! Mir gab es ei- nen Stich durchs Herz. Um Gottes willen, wie wird dann mein Mann aussehen? Wird er vielleicht auch so krank sein? Immer mehr Soldaten füllten die Gasse, die die Wache frei gemacht hatte. Meine Ungeduld wuchs. Da ein Zuruf, dort eine Umarmung, überall Tränen der Freude, der Rührung — aber leider auch der Enttäuschung.
Auf einmal tauchte ein Kopf aus der Menge auf. Ich hielt den Atem an. Das war doch... ja, das war er! Überglücklich stürzte ich auf ihn los und schon lagen wir uns in den Armen, Kopf an Kopf Herz an Herz — Augenblicke der Seligkeit, wie sie nur der Himmel zu schenken vermag! Und gut und gesund sah er aus, Gott sei Dank! Jetzt nur schnell heim zu den Eltern!
Wie fürsorglich die liebe Gottesmutter alles geordnet hatte! Heute war ja der 14. November. Einer der wenigen Tage im Jahr, wo wir von den lange gesparten Lebensmitteln Kuchen gebacken hatten, weil am nächsten Tag der Namenstag von Mutter und Schwester war. War das ein Jubel im Kreise der Lieben! Auch die eigenen Eltern fand mein Mann, obwohl auch sie bereits hoch betagt waren, am Leben. Eltern und Geschwister durften noch einige Jahre die Freude unseres Beisammenseins miterleben. Seither sind neunzehn Jahre vergangen. Der Tod unserer lieben Eltern und so manche Krankheit, die wir durch Gottes Güte überstanden haben, machten unser Leben oft recht schwer. Aber unser tiefer Glaube half uns alle Hindernisse überwinden und täglich danke ich dem Herrn für die unfassbare Gnade, die er durch die Fürbitte unserer gütigen Gottesmutter uns zuteil werden ließ.
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München