Nach dem dritten Rosenkranz
Von ehemaliges Mitglied Freitag 12.03.2021, 11:10
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Es war an einem Karfreitag, als ich in die Wiener Franziskanerkirche ging, um dort das Heilige Grab zu besuchen. Der eindrucksvollen Gestaltung wegen zog es alljährlich viele Gläubige an, so dass die Seitenkapelle, in der es untergebracht wurde, meist überfüllt war. Viel länger als es sonst meine Gewohnheit war, kniete ich vor dem Hochaltar, um in aller Ruhe die Passion unseres lieben Heilandes und seiner heiligen Mutter zu betrachten. Als mir endlich eine deutlich vernehmbare innere Stimme sagte, es sei genug, ich solle jetzt zum Heiligen Grab gehen, erhob ich mich und ging die Stufen hinauf zur Kapelle. Ich trat ein und gewahrte zu meiner nicht geringen Überraschung im Trubel der Menge meine Schwester, die gerade im Begriffe war, vom Heiligen Grab wegzugehen. Ihr Gesicht war ungewöhnlich blass und sie atmete sichtlich erleichtert auf, als sie mich auf sich zukommen sah. „Bitte, nehmt mir die Handtasche ab", bat sie, „ich kann sie nicht mehr halten!"
Meine Schwester war um zwei Jahre älter als ich. Schon frühzeitig hatte sie sich den Herzen Jesu und Mariens geweiht und es war ihr sehnlichster Wunsch, in einen Missionsorden einzutreten. Vorher hatte sie schon mit dem Einverständnis ihres Seelenführers lebenslängliche Reinheit gelobt. Endlich kam die Zeit heran, wo dieser ihr eine Empfehlung zum Eintritt in ein Kloster gab. Der Herr jedoch hatte andere Absichten mit ihr. Schon nach drei Monaten entließ man sie mit der Bemerkung, dass sie keinen Beruf habe. Dieser Entscheid traf sie wie ein Todesurteil. Die drei Probemonate waren für sie die glücklichsten ihres Lebens gewesen. Ihre Enttäuschung war so groß, dass sie keinen Versuch mehr unternahm, anderswo unterzukommen. Statt dessen trat sie auf den Rat einer wohlmeinenden Ordensfrau eine freigewordene Stelle als Wirtschafterin in einer große Wiener Stadtpfarrei an. Pflichteifrig wie sie war, arbeitete sie daselbst täglich bis in die Nacht hinein, was mit Rücksicht auf ihren schwächlichen Allgemeinzustand einen Nervenzusammenbruch zur Folge hatte. In dieser Verfassung traf ich sie an jenem Karfreitag beim Heiligen Grab.
Nun begann für meine arme Schwester ein langer Leidensweg. Der Arzt verordnete Bettruhe, sie stand aber zu früh auf und wurde rückfällig. So musste sie schließlich ihre Stelle aufgeben und wieder zu den Eltern gehen. Nachdem ihr Lieblingswunsch nicht in Erfüllung gegangen war, bot sie sich dem Heiland als Sühneopfer an, der sie alsbald beim Worte nahm. Etwa ein Jahr lang litt sie. an heftigen Nervenschmerzen am ganzen Körper und allerlei anderen Beschwerden, gegen die kein Mittel helfen wollte. Mit großer Geduld und bewundernswerter Ruhe ertrug sie ihre Leiden, bis ihr schließlich das Letzte genommen wurde, der Verstand.
Unsere Familie war bis ins Innerste erschüttert. Wir alle hatten das Mädchen von Herzen lieb und konnten diese schwere Prüfung nicht fassen. Zur Mutter sagte sie schlicht: „Ich muss jetzt für andere leiden!" und zu mir, der sie immer eine so treue und hebevolle Freundin und Beraterin gewesen war: „Ich kann Dir nicht mehr helfen, das Sprechen wird mir so schwer", und mit der Hand nach oben weisend, „Du musst jetzt zu IHM gehen!"
Was war das für ein ungeheurer Schmerz für mich und für alle! Der Arzt verlangte, dass man täglich zwei Stunden mit ihr spazieren gehe. Wir opferten uns nach Möglichkeit für sie auf und die Luft tat ihr wohl. Einmal aber, als Vater mit ihr ausging, geschah es, dacc er sie eine Viertelstunde vom Hause entfernt an einer belebten Straßenecke verlor und trotz allen Suchens nicht mehr finden konnte. Er wusste, dass sie allein unmöglich heimfand und war zutiefst erschrocken. Es blieb ihm nichts übrig als eine Anzeige zu erstatten und der armen Mutter die peinliche Nachricht zu überbringen.
Ich war bis sieben Uhr abends im Büro. Den ganzen Nachmittag über war ich unruhig gewesen. Ich wurde die Gewissheit nicht los, dass meine Schwester heute verloren gegangen ist. Von dieser seltsamen Angst angetrieben, eilte ich nach Hause und als ich die Mutter in so ernster Stimmung antraf, platzte ich gleich heraus: „Gelt, sie ist verloren gegangen?" Die Mutter nickte traurig. Ich erkundigte mich nach den näheren Umständen und ging sogleich auf die Suche — in einer Großstadt natürlich ein völlig nutzloses Beginnen.
Vater und ich gingen nun abwechselnd zum Kommissariat, um nachzufragen. Ich voll Angst und Sorge, Vater hingegen mit einer erstaunlichen Gelassenheit, die sein grenzenloses Gottvertrauen zur Ursache hatte. Mütterchen aber saß vor dem Hausaltar und sandte mit bewundernswerter Ruhe, die ich einfach nicht begreifen konnte, ein Rosenkranz - Gesätzchen nach dem andern zur himmlischen Mutter empor, so lange, bis der ganze Psalter zu Ende gebetet war. Es war zwei Uhr nachts, als sie nach dem letzten »Ehre sei dem Vater« voll Überzeugung meinte: „Jetzt muss sie aber gefunden werden!"
Im gleichen Augenblick hörten wir Schritte im Hof. Sogleich öffnete ich das Fenster in der Hoffnung, es könnte jemand von der Polizei sein, der uns Nachricht brächte. Leider nein. Der Herr ging an unserer Wohnungstür vorbei in den zweiten Stock, wo er Untermieter war. In meiner Aufregung, ich weiß nicht warum, öffnete ich dennoch die Wohnungstür und, o Wunder, fröhlich und wohlbehalten stand meine Schwester vor mir, als ob nichts geschehen wäre. Ich stieß einen Freudenschrei aus, umarmte sie stürmisch und rief den erstaunten Eltern zu: „Sie ist da, sie ist da!" Ein unvorstellbarer Jubel erfasste uns alle und wir hätten gern gewusst, wie sie denn allein, ohne Haustorschlüssel ins Haus gekommen war. Daraufhin konnte sie uns keine Antwort geben. Weder der Herr, der nachts heimgekommen war, noch sonst jemand im Hause hatte sie mit hereingenommen. Auch sind Vater und ich so oft über die Stiege und durchs Haus gegangen, dass wir sie hätten sehen müssen. Für uns stand fest, dass niemand anderer als die liebe Gottesmutter selbst ihre Führerin gewesen war, die das zuversichtliche, vertrauensvolle Gebet unserer guten Eltern so offensichtlich belohnte.
J. H.