Unter deinen Schutz fliehen wir
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 23.06.2020, 06:39
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Am 25. Mai 1935 feierte die japanische Stadt Sendai den 300. Todestag eines ihrer berühmtesten Männer, des Daimyo Date Masamune. Er ist es gewesen, der die ersten christlichen Glaubensboten in der Gegend von Sendai und das nördliche Japan berief. Es waren die Franziskaner unter der Führung des seligen Ludwig Sotelo, die im Reiche des Daimyo eine ungemein fruchtbare Betätigung entfalteten. Was ich heute erzählen möchte, ist ein kleines Erlebnis anlässlich der Jubiläumsfeier, die die Sendai-Leute von Obihiro zu Ehren des großen Daimyo abhielten.
Man wusste, dass ich mir in der Geschichte Daimyos einige Kenntnisse erworben hatte, und bat mich um einen Vortrag über Date Masamune. Gerne willigte ich ein. Nach dem Vortrag bat mich ein mir bis dahin unbekannter Herr, ihn einmal in seinem Hause zu besuchen. Er wolle mir eine Reliquie aus der altchristlichen Zeit Sendais zeigen.
Schon am nächsten Abend machte ich dem Herrn meine Aufwartung. Nach der üblichen Begrüßung und einigen belanglosen Redewendungen holte er aus einem Schrank ein kleines Kästchen, in dem sich, ganz in Watte eingehüllt, eine kleine Muttergottesstatue aus Elfenbein befand. Sie hatte im Laufe der Zeit ihren Glanz verloren und war fast ganz schwarz geworden. Überrascht ob dieser seltenen Entdeckung, fragte ich den Herrn, was er über die Herkunft dieser Statue wisse. Lächelnd gab er folgende Auskunft:
„Wie sie gestern in ihrem Vortrag ausführten, war Date Masamune ein großer Freund und Schützer des Christentums. Erst unter seinem Nachfolger brach auch in den nördlichen Gebieten Japans die Verfolgung in ihrer ganzen Grausamkeit aus. Die Christen, die nicht ergriffen wurden, flohen in die Einsamkeit der Berge; ja selbst auf die Insel Yezo, das heutige Hokkaido, wanderten sie aus. Noch heute ist uns eine solche alte Siedlung bekannt: es ist Date Mombetsu in der Nähe von Muroran. Die Bewohner dieses Ortes wissen heute nichts mehr vom Christentum; aber man hat dort vor einigen Jahren eine ganze Reihe alter Erinnerungen an die christliche Zeit gefunden. Ich selber stamme aus diesem Ort und habe von meinem Großvater diese Statue erhalten, als ich nach der Absolvierung des Gymnasiums nach Tokio auf die Universität ging."
Hier nahm der Herr die Statue aus dem Kästchen heraus und reichte sie mir. Ich nahm sie in die Hand und betrachtete sie genau. Sie war unzweifelhaft alter Herkunft, und aus den Gesichtszügen zu schließen, hatte sie vielleicht ein japanischer Bildschnitzer hergestellt. Am Sockel waren in unbeholfener lateinischer Schrift die folgenden Worte eingegraben:
Sub tuum praesidium confugimus, Sancte Dei Genitrix
(Unter deinen Schutz fliehen wir, o heilige Gottesmutter!).
„Als mir mein Großvater diese Statue gab, sagte er mir: ,Bewahre sie gut auf. Du bist der Erbfolger unserer Sippe und als solcher der Hüter dieses Schatzes, der sich von altersher in unserer Familie befindet. Bist du ein treuer Hüter, dann ist das Glück mit dir, trennst du dich aber von diesem Heiligtum, wird dich das Unglück auf Schritt und Tritt begleiten!' Mit feierlichem Ernst sagte dies mein Großvater, und ich fürchte mich, sein Vermächtnis zu vergessen, wenn ich auch selbst in dieser Statue nichts weiter als ein historisches Andenken sehe."
„Haben Sie von Ihrem Großvater keinerlei Nachricht über die Herkunft dieser Statue?"
„Doch, er hat mir einiges erzählt. An einem stillen Winterabend als meine Geschwister schon schliefen, nahm er mich mit in sein Zimmer, zündete eine Kerze an und hieß mich mit leiser Stimme niederknien. Dann öffnete er eine stets verschlossene Truhe und suchte ein kleines Kästchen hervor, das tief unter Kleidern begraben lag. Schweigend setzte er sich dann neben mir nieder und stellte behutsam das Kästchen vor sich auf den Tisch. Erstaunt ob dieses sonderbaren Gebarens schaute ich den Großvater an und sah, wie seine Augen mit verklärtem Schimmer an dem Kästchen hingen. Seine Lippen bewegten sich fast unmerklich. Ich glaube, er betete. Ich wagte ihn nicht zu stören. Schließlich nahm er meine Hand, zog mich eng an sich und sagte im Flüsterton zu mir:
,Du bist jetzt alt genug, dass du das Geheimnis meiner Sippe wissen darfst. Dein Vater ist gestorben, ehe ich ihm alles offenbaren konnte. Ich selber fühle, wie mein Leben langsam aus diesem Körper schleicht, und so wird es Zeit, einen neuen Bewahrer dieses Schatzes zu bestimmen. Zeige dich deiner Ahnen würdig, hüte, was ihnen heilig war!'
Darauf öffnete er behutsam das Kästchen, nahm diese kleine Statue heraus, faltete die Hände und neigte wie zur Verehrung sein Haupt. Ich sah die Statue an jenem Abend zum ersten Male und wusste bis dahin nichts von ihrem Dasein in unserem Haus.
Nach einer Weile tiefen Schweigens fragte mich der Großvater: ,Weißt du, was dies ist?`
,Vielleicht eine besonders ehrwürdige Hotoke (buddhistische Gottheit), antwortete ich.
,Nein, nein. Dies ist Birgen Santa Maria (die heilige Jungfrau Maria). Seit fünf Generationen ist dies das Heiligtum unserer Familie. Viel kann ich darüber nicht erzählen; denn dieser Schatz wurde niemandem gezeigt, und von seinem Dasein wusste nur einer von der Familie. Doch soviel weiß ich, dass Birgen Santa Maria ein guter Schutzgeist unserer Familie ist. Wenn dies kleine Heiligtum treu bewahrt wird, wird das Glück nie von uns weichen. Ich selber verdanke Birgen Santa Maria mein Leben. Als ich elf Jahre alt war, befiel mich eine schwere Krank- heit. Mein Vater und meine Mutter waren bereits gestorben, und der Großvater erzog mich und meine beiden Schwestern, die älter als ich waren. Eines Abends nun, als meine Krankheit den Höhepunkt erreicht hatte und niemand mehr an meine Rettung glaubte, schickte mein Großvater die Nachbarsfrau, die mich pflegte, und die beiden Schwestern aus dem Zimmer, hob mich aus dem Bett, kleidete mich in mein Festgewand und trug mich vor seine Truhe, die du hier siehst. Er öffnete sie aber nicht, wie ich es getan, sondern schob sie beiseite, und an der Wand wurde eine kleine Öffnung und hinter einem Brokatvorhang diese Statue der Birgen Maria sichtbar. Niemals werde ich vergessen, mit welcher Ehrfurcht der Großvater vor ihr niederkniete, mich fest mit seinen Armen umklammernd. Die Augen starr auf die Statue gerichtet, lispelte er unter Zittern folgendes Gelöbnis:
,Birgen Santa Maria! Du weißt, dass wir dir aus schwerer Zeit heraus ein sicheres Heim geboten haben. Siehe meine Not und rette dieses Kind, denn an ihm hängt die Zukunft der Familie. Wenn es sein muss, dass der Tod hier einkehre, so opfere ich mein Leben an des Kindes Statt!'
Dann schwieg der Großvater, immer noch die Augen starr auf die Statue gerichtet. Ich selber fühlte plötzlich große Schläfrigkeit und sagte deshalb:
,Großvater, ich möchte schlafen.'
Da ging ein Zittern durch seinen Körper, ein Lächeln huschte über seine tiefgefurchten Wangen, und mit lauter Stimme sagte er: ,Dank, Dank! Mein Gebet ist erhört!'
Er setzte das Brett wieder in die Öffnung und schob die Truhe davor. Dann kleidete er mich behutsam aus und legte mich ins Bett.
,Schlafe, schlafe!', sagte er mit viel Liebe, indem er mein Haupt streichelte, und verließ dann das Zimmer.
Ich muss lange geschlafen haben, denn als ich erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Neben meinem Lager knieten die beiden Schwestern und weinten. Da ich wusste, dass man gestern um mein Leben gebangt hatte, meinte ich, sie weinten um mich und sagte deshalb:
,Ich werde ja gesund, der Großvater hat für mich gebetet..' Aber da weinten sie noch mehr, und die ältere Schwester sagte:
,Der Großvater ist heute Nacht gestorben.'
Obwohl ich noch ein Kind war, empfand ich auf einmal die furchtbare Größe des Gelöbnisses, das der Großvater für mein Leben getan, und ich war sicher, dass Birgen Santa Maria sein Gebet erhört hatte. Eine große Angst vor der unheimlichen Macht jenes Wesens, von dem ich eigentlich nichts wusste, erfasste mich, und ich wagte niemals, an diesen Ort hinzugehen, wo die Statue verborgen war. Erst später, als das Haus erneuert werden musste und die Gefahr bestand, dass das Heiligtum entdeckt würde, nahm ich es zitternd heraus und verbarg es seitdem in meiner Truhe.
So sagte der Großvater zu mir. Und fest meine Hand fassend, fuhr er fast drohend fort: ,Du aber hüte dich, solange ich lebe, diese Statue jemals zu berühren oder sie später, wenn ich gestorben bin, unerwünschten Augen preiszugeben!' Damit schloss der Großvater das Kästchen und legte es in die Truhe unter seine Kleider zurück."
Hier endete der Herr seine Erzählung, und es schien mir, als ob sein Gesicht einen ängstlichen Ausdruck bekäme. Ich fragte deshalb: „Haben sie außer mir schon einmal jemandem diese Statue gezeigt?"
„Nein, ich glaube zwar nicht, aber ich fürchte mich vor der Rache der Ahnen."
„Und warum haben Sie gerade mir das Heiligtum Ihrer Ahnen verraten?"
Da stand der Herr auf und ging ein paar Mal erregt im Zimmer auf und ab. Schließlich blieb er vor mir stehen und sagte: „Wissen Sie, ich wollte endlich einmal Klarheit haben über diese Birgen Santa Maria. Wer ist eigentlich Birgen Santa Maria? Gestern Abend in Ihrem Vortrag kam der Name dreimal vor, und jedes Mal haben Sie dabei eine ganz leichte Verneigung des Hauptes gemacht. Sie müssen es wissen, Sie müssen an Birgen Santa Maria glauben. Darum habe ich ihnen das Geheimnis meiner Ahnen geoffenbart."
Ein Zweifaches erkannte ich mit aller Deutlichkeit: erstens, dass ich hier einen Nachkommen der Altchristen vor mir hatte, und zweitens, dass die Gnade bereits an dieser Seele arbeitete. Ich sagte ihm dies und erzählte ihm ausführlich von der Mutter unseres Herrn. Erstaunt hörte er mir zu, ohne mich zu unterbrechen.
„Danken Sie der Birgen Santa Maria, denn sie hat immer die beschützt, bei denen ihr Bild in Liebe bewahrt wird! Und ich wünschte nur, dass auch Sie das weiter beten, was am Fuße dieser Statue geschrieben steht: „Unter deinen Schutz fliehen wir, o heilige Gottesmutter." Und noch ein Gebet lehre ich Sie jetzt, das Sie bitte recht oft, wenn möglich täglich, beten wollen."
Ich sprach ihm das Ave Maria vor, und er schrieb es sich auf. Dann verneigte er sich vor mir und sagte mit tiefer Rührung: „Ich danke Ihnen, denn Sie haben meinem Herzen Ruhe gebracht. Und ich bitte Sie, beten Sie zum ersten Mal mit mir zusammen vor dieser Statue, die gewiss schon viele Seufzer in tiefster Not gehört. hat"
Ich kann gar nicht schildern, wie bewegt ich war, als ich neben einem Nachkommen der verfolgten Christen betete: „Ave Maria, gratias plena... Gegrüßt seiest du, Maria, du bist voll der Gnade."
Aus „Geschichten das Jahr hindurch — Frühling"
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau