Wenn Maria ruft
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 07.10.2020, 07:26
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Unsere Liebe Frau von La Salette hat vor 120 Jahren durch ihre Tränen für unsere Zeit das schmerzhafte Herz Mariens an den Horizont unserer Hoffnungen gezeichnet. Es war an einem Samstag, dem Quatembersamstag des Monats September 1846, zur Zeit der ersten Vesper des Festes der Sieben Schmerzen Mariens. Wie viel Leid hätte doch der Welt erspart werden können, hätten wir rechtzeitig die Sprache dieser Tränenbotschaft beherzigt.
Die nachfolgende Kurzgeschichte zeigt uns, wie wir durch die Ketten des Rosenkranzes die Ketten unserer geistigen Gefangenenlager sprengen könnten. Die Geschichte begann in einem Offiziers-Gefangenenlager im Monat Oktober 1940. Es hatte die ganze Nacht geregnet, die Regentropfen hingen wie Tränen an dem Stacheldrahtgehege. Leutnant Darreberg macht den Aumonier auf diesen eigenartigen Rosenkranz aufmerksam, der da in der Luft hängt. Darreberg ist ein unermüdlicher Spaßmacher, dessen beißender Spott neben den Deutschen besonders den Geistlichen im Lager galt. Heute scheint er nicht in der üblichen spaßigen Laune zu sein. „Herr Aumonier, Sie haben uns vor einigen Tagen die ulkige Geschichte von La Salette erzählt; das hat manchem von uns zu denken gegeben; stimmt es wirklich, dass dort oben ein Laden ist mit Kerzen, Rosenkränzen und dem ganzen Kram? Das hätten Sie nicht erwähnen sollen. Wenn ich eine solche Geschichte erfunden hätte, so hätte ich den Pietätskram weggelassen, ich möchte frei von allem Nebensächlichen, einmal dort oben frei atmen können. Wie kommt man denn an diesen einsamen Höhenluftkurort?"
„ Ein wenig Geduld müssen Sie schon noch haben, wir sind hier wohl für lange Monate oder gar Jahre."
„ Nein, Abbe, ich verschwinde heute noch! Ja, heute Abend, ich habe es satt, die Deutschen sind keine allzu angenehme Gesellschaft. Bis zur Schweiz sind es 180 km, ich habe noch 2 Tafeln Schokolade. Heute ist der 2. Oktober. Am 5. oder 6. komme ich in Konstanz an, in drei Tagen bin ich in Genf, am 10. komme ich bereits in Lyon an, in etwa zwei Wochen schicke ich Ihnen einen Bericht über ihre fromme Geschichte. Ich wollte nicht abhauen ohne mich von Ihnen zu verabschieden und für die schöne Geschichte zu danken!"
„Haben Sie bedacht, dass der Stacheldrahtzaun zwei Meter hoch ist..., die Wachposten, die Hunde in der Nacht?"
„Was wissen Sie noch alles! Ich gehe durch das große Tor, durch welches ich hereinkam. Ich habe alles reiflich überlegt."
„Haben Sie deutsches Geld?" Darreberg hatte nicht daran gedacht. Der Abbe hatte noch einen versteckten 100 Mark-Schein und gibt ihn mit den Worten:
„Wenn Sie dort oben sind, kaufen Sie dafür für mich eine Kerze!" „Dies niemals. Ich will Ihnen lieber mein Leben lang 100 Mark schulden, das mit dem Kerzenkram ist mir zuwider."
„Wir werden ja sehen. Gute Reise, Leutnant!”
Um 18 Uhr kommt, wie üblich, ein gedeckter Lastwagen mit 300 Broten in die Nähe der Küche. Der Fahrer bleibt sitzen, damit es rasch gehe. Doch schon ist Darreberg im Wageninnern verschwunden. Er trägt eine Arbeitsbluse, die er in der Küche erwischt hat und legt sich flach auf den Boden des Wagens, der ungehindert zum Tor hinausfährt. Der Aumonier schickt ihm seinen Segen nach. Um 18.15 werden die Tore des Lagers geschlossen und die Hunde für die Nachtrunde freigelassen.
Um 19 Uhr schaut Hauptmann Pasquelle, der Freimaurer ist, auf seine Uhr und murmelt: „Wenn alles gut ging, hat Darreberg 11 Stunden Zeit, bis seine Abwesenheit im Lager entdeckt wird. Er kann in dieser Zeit nicht durchkommen." Der Leutnant Couret hat seine Kleider mit denen von Darreberg gewechselt, damit die Hunde verwirrt werden, wenn sie auf die Spur von Darreberg gesetzt werden. Wenn anderntags beim Appell Darreberg aufgerufen wird, wird er sein „present" schmettern, so dass noch einige Stunden gewonnen werden können. Manche seiner Kameraden beten für den Flüchtenden in dieser Nacht.
Gegen Mitternacht — Sirenengeheul — Großer Appell! Oberleutnant Hoffmann erscheint in der Baracke zur Kontrolle. Beim hinausgehen flüstert er dem Aumonier zu: „Ihr Freund Darreberg ist ausgerückt. Er hat unrecht, denn niemand kann die Reichsgrenzen verlassen ohne Erlaubnis ...... fügt aber leise hinzu: „wenn Gott ihn nicht leitet!" — „Oder die Gottesmutter", gibt der Abbe zur Antwort.
Am 12.November erhält der Aumonier einen Brief von La Salette mit Jacques Pelerin unterzeichnet. Der Brief ist am 20.Oktober von La Salette abgeschickt und am 22. in Corps abgestempelt worden. Er lautet:
Mein lieber Abbe!
Ich habe Wort gehalten. Die Reise war etwas beschwerlich. Die Züge waren überfüllt. Um die Landschaft besser genießen zu können, habe ich mich auf die Puffer gesetzt. Am 12. Oktober war ich in Lyon, um einige Formalitäten zu erfüllen und eine Reihe von Formularen zu unterzeichnen. Unsere Bürokraten haben aus der Niederlage nichts gelernt...
Seit 5 Tagen bin ich hier oben und lebe wie im Traum. Ich habe alles aus der Nähe beobachtet. Wie war ich doch so einfältig, von einem „frommen Witz" zu reden! Ein Priester hat mir hier am Platz die Geschichte von La Salette noch einmal erzählt. Der ehemalige Spötter brach in Tränen aus und hat gebeichtet. kh habe begriffen, daß es sich hier um ein ernstes Losungswort handelt... das ich bis zum Ende ernst nehmen werde... Die versprochene „Kerze" habe ich an dem Altar angezündet, an dem Sie früher die hl. Messe lasen... Es waren aber gleich 21 Kerzen, die ich dazu kaufte... Eine junge Schwester hat wohl gedacht, ich sei verrückt, denn sie sah mich ganz erschrocken an... Ja, Abbe, das ist aus mir geworden. Ich werde noch einige Tage hier bleiben, um alles zu überdenken und zu verstehen. Da ich die Mutter der Schmerzen selbst zur Rede stellte, sagte sie mir: „Du verstehst nichts davon. –Dann gab ich ihr zur Antwort: „Ich will aber verstehen!", worauf sie mich deutlich vernehmen ließ: „Spötter!"
Ihr Jacques Pelerin.
Eine Stunde später kannte das ganze Lager den Inhalt des Briefes. Der Oberleutnant Hoffmann ließ den Aumonier zu sich kommen: „Sie haben Nachricht von Darreberg?" — „Seit zwei Tagen." — „Ich weiß es. Ich habe den Brief gesehen, der Zensor hat ihn mir zu lesen gegeben, wegen der schlechten Schrift... Ich halte Darreberg für einen tüchtigen Offizier, Sie dürfen ihm das mitteilen. Sie dürfen ihm auch sagen, daß mich sein Brief tief beeindruckt hat... Nach dem Krieg werde ich auch einmal diese Gnadenstätte in den Bergen besuchen. Wann aber wird das sein?..."
1941 trafen Darreberg und der inzwischen entlassene Aumonier zusammen. Darreberg hat sich beim englischen Spionagedienst gemeldet und reist mit falschen Papieren als Mechaniker nach Mailand. Einige Tage später meldete der Geheimsender: In den Fiatwerken sind mehrere unerklärliche Brände ausgebrochen. Der Aumonier erhält eine chiffrierte Botschaft 19 x P = 7 S., was folgendermaßen zu übersetzten ist: 19 = U.L.F. von La Salette x P = Pittre, d. h. Spaßvogel (wie man Darreberg im Lager nannte) = hat 7 S., d. h. einen vollkommenen S = Sabotageakt fertig gebracht.
Später geht Darreberg nach England als Pilot der Royal Air- Force. Auch dort erzählt er überall vom wunderbaren Schutz U.L.F. von La Salette. Er lässt von den protestantischen Mechanikern in ihrer Freizeit Medaillen U.L.F. stanzen, auf der einen Seite mit der Inschrift: „N.D.S.", auf der anderen Seite „1846" mit einem großen „V" des Sieges. Auf Befragen verbreitete er immer wieder die Botschaft von La Salette.
Ein stets lästernder und spöttelnder Flieger lässt sich, zu Tode getroffen, auf dem Sterbelager taufen nach Anrufung U.L.F. von La Salette... Er ist mutig gestorben. Seine letzten Worte waren: „Seht die Frau der Berge! Sie lächelt. Sie weint also nicht, wie Darreberg uns erzählte!"
Am 19. Januar 1944 ist Darreberg von einem Erkundungsflug nicht mehr zurückgekehrt. Der Mechaniker hat später erklärt: „Ganz freudestrahlend hat er mir beim Abflug zugerufen: ,Heute, mein Lieber, erwarte ich eine unerhörte Freude!' Ich habe diese Worte erst nachher begriffen: es war der 19. des Monats, der Tag U.L.F. von La Salette, der für ihn immer ein Feiertag war."
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München