Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

1 2

Zugunglück

Von ehemaliges Mitglied Freitag 19.06.2020, 08:30

Täglich drei „Ave"

Ostern, 8. April 1928! Eine warme Frühlingssonne hatte die letzten Spuren des Winters auf den Feldern verschwinden lassen. Auf dem St. Franziskus-Strom bricht und kracht das Eis und die Schollen treiben unaufhörlich stromabwärts.
Es ist 16 Uhr. In einigen Minuten soll der Schnellzug Quebec-Montreal in den Bahnhof von Drumondville einlaufen. Im Gepäckwagen ist der Chef des Güterdienstes, der „Schnellbote", wie er genannt wird, mit seiner Arbeit fertig und plaudert mit zwei anderen Angestellten, die aus Montreal stammen, über den schweren Eisgang. Lassen wir ihn das Weitere selbst erzählen:

„Wir plauderten ruhig zusammen. Meinen Revolver und die große Uhr, die mir etwas hinderlich waren, hatte ich auf den Tisch gelegt. Plötzlich gab es einen entsetzlichen Lärm. Im Augenblick begriff ich, was passiert war: Die Brücke war von Eis- und Wassermassen fortgespült und der Zug in den Strom gestürzt. Wir waren auf dem Boden des Flusses. „Dass Du einmal sterben musst, weißt Du, und jetzt ist Deine Stunde gekommen", ging es mir durch den Kopf. Ich betete den Reueakt:
"0 mein Gott und Herr, alle Sünden meines Lebens sind mir leid," - - -
und versuchte schwimmend über Wasser zu kommen. Dann dachte ich einen Augenblick an meine Frau und Kinder
" - - - weil du unendlich gut und aller Liebe würdig bist . . ."

"Da drängte sich ein anderer Gedanke in mein Gebet. Schon als kleines Kind hatte ich bis auf den heutigen Tag täglich drei Ave gebetet zur Muttergottes, auf dass ich nicht ohne Empfang der Sakramente sterben möge. Sie wird mich nicht ertrinken lassen, unmöglich! Während diese Gedanken wie ein Blitz mir durch den Kopf gingen, bemerkte ich über mir ein Schimmer Licht. Ich schwimme in der Richtung.
Es gelingt mir über Wasser zu kommen. Endlich kann ich wieder atmen. Aber noch bin ich eingeschlossen im Gepäckwagen. Gott sei Dank sind durch den Sturz alle Türen, auch die kleine Türe an der Rückseite, aufgegangen. Die Vorderseite des Wagens lag auf dem Boden des Flusses, und der hintere Teil ragte über das Wasser hinaus. Es gelang mir, mich hier hinauf zu schwingen. Aber noch war ich nicht gerettet. Ganz allein saß ich mitten im Fluss auf der Spitze eines Wagens, der jeden Augenblick drohte unterzugehen und von allen Seiten von großen Eisschollen umgeben war. Ohne lange zu überlegen, sprang ich auf eine Scholle und trieb im Fluß. Aber wie von einer unsicht- baren Hand geführt, trieb die Eisscholle dem Brückenkopf zu, wo schon eine Menge Leute zusammen gekommen waren. Jemand reichte mir die Hand und half mir hinaufklettern. In dem Augenblick, da ich umschaute, um zu sehen, woher ich gekommen war, verschwand der hintere Teil des Wagens unter dem Wasser. Nachdem ich in einem Hotel verpflegt worden war, konnte ich den Extrazug nach Montreal benutzen. Ich war gerettet!"
Zuhause wartete seine Frau auf ihn. Von dem Unglück hatte sie noch nichts vernommen, aber eine unerklärliche Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. Als sie die Haustüre öffnete, stieß sie erregt hervor: „Du kommst so spät! Ist etwas passiert? Mein Gott, du bist ja ganz grau geworden!"
Kurz teilte er seiner Frau, die ganz entsetzt zuhörte, das Unglück mit und seine wunderbare Rettung. Dann telefonierte er seiner Gesellschaft, um seine Rettung mitzuteilen. Als Antwort hörte er: „Unmöglich! Man zählt Sie zu den Toten. Wir haben Ihrem Bruder und Ihrem Pfarrer bereits Mitteilung gemacht. Der Zugführer, der das Unglück überschaut hatte, hat festgestellt, dass niemand aus dem Gepäckwagen konnte gerettet sein und sein Bericht lautete darnach, dass alle ertrunken seien." Zwei Wochen später konnte der Schnellbote seine Arbeit wieder aufnehmen. Seine Mitarbeiter waren alle tot. Noch 12 Jahre lebte er und erzählte allen, die es hören wollten: „Der Reueakt, der Gedanke, dass ich schwimmen und dadurch mich vielleicht retten könnte und dass ich vor dem Unglück ahnungslos, das eine und das andere, was mich beim Schwimmen gehindert hätte, abgelegt hatte, die Eisscholle, die mich dem Ufer zubrachte, das alles zusammen, es war ein Wunder! Wenn man täglich zur Muttergottes betet und ihrer gedenkt, vergisst sie auch nicht an uns zu denken, wenn es notwendig ist."

Aus "Maria", Verlag Burgezzi, Bern

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Glaube im Alltag > Forum > Zugunglück