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Aschermittwoch 1945

Von ehemaliges Mitglied Samstag 06.02.2021, 12:15


Wunderbare Rettung

Eines Nachts, beim Erwachen aus einem traumlosen Schlaf, sagte ich dieses Gedicht auf. Ich nannte es: Auf zur Mutter!

Wir sind dem Bann verfallen,
von Gottes Zorn umdroht;
schon bricht aus unseren Hallen
des Richttags Flammenrot.
Die Mutter fehlt uns allen
in dieser letzten Not,
an ihrer Hand zu wallen
den Weg durch Nacht und Tod.

Es war kurz vor dem schweren Luftangriff auf Dresden im Jahre 1945. Wir hatten am Abend einen Vortrag über Reinhold Schneider und sein Werk gehört. Eine Lesung aus einer seiner Schriften über die schmerzhafte Mutter hatte besonders tiefen Eindruck auf mich gemacht, und der Satz „Die Mutter fehlt uns allen, allen ... – war mir bis in den Schlaf nachgegangen. Um diesen Kern hatte sich obiges Gedicht gebildet. Erst viel später kam mir die Erkenntnis: Dieses Gedicht gehört in die Reihe der Gnadenhilfen, die mir die himmlische Mutter in der Zeit der Heimsuchung — und als Vorbereitung darauf — gewährte. So hatte ich schon am 8. Dezember 1943 die Eingebung gehabt, für die Vigil des Festes von der Unbefleckten Empfängnis ein lebenslängliches Fasten zu geloben, damit wir bei einem künftigen Fliegerangriff — an den niemand ernstlich glaubte — gerettet würden. Es war mir erlaubt worden, so zu tun, und mehrere Mitschwestern hatten sich mir angeschlossen. — Eine frühere Mitschwester, die wegen Krankheit ausgetreten war, schrieb um die Jahreswende 1944/45, sie habe uns in einem Traumgesicht alle mit einem Bündel das Stift verlassen sehen. Die Erinnerung daran belebte meine Hoffnung in der Schreckensnacht des 13. Februar 1945.

Am Nachmittag des 13. Februar kehrte ich vom Königsweinberg zurück, wo ich die Töchter des Grafen M. unterrichtet hatte. Ein Gefühl der Wehmut, wie bei einem Abschied, befiehl mich, als ich das herrliche Stadtbild von Dresden am Elbstrom vor mir hingebreitet sah ... mit den Silhouetten des Schlossturmes, der Hof- und Frauenkirche auf dem Goldgrund des westlichen Himmels.

Aber ich musste eilen. Im Josefinenstift sollte um diese Zeit die feierliche Schlussandacht des vierzigstündigen Gebetes stattfinden, und ich gehörte zum Sängerchor ... Die Gläubigen füllten Flur und Treppe, da in der Kapelle kein freier Platz mehr war, und der Chorraum war dicht mit Geistlichen und Ministranten besetzt. Nie werde ich vergessen, wie der hochwürdige Herr Propst frei aus dem Herzen zum eucharistischen Heiland betete. „Wir bieten dir auch Sühne an für diejenigen, für die zu beten uns schwer fällt." Er selbst und zwei andere Priester — wenn ich nicht irre, die beiden, die ihm zur Seite knieten — wurden in der kommenden Nacht als Sühnopfer angenommen.

Es war Fastnachtsdienstag und die Feinde spielten den Dresdenern zum Tanz auf. Gegen 10 Uhr abends setzte das Heulen der Sirenen ein. Nie zuvor war es mir so durch Mark und Bein gedrungen, wie an diesem Abend. In einer unbestimmten Ahnung war ich in den Kleidern geblieben (ich trug noch meine Zivilkleidung, die ich sonst bei meiner Rückkehr zu wechseln pflegte), und so stürzte ich Hals über Kopf in den Keller. Da ertönte auch schon das dumpfe Trommeln fallender Bomben. Dergleichen hatten wir noch nicht gehört. Kein Laut kam über unsere Lippen. Nur der Hausgeistliche sprach mit gedämpfter Stimme die Worte der letzten Lossprechung. 35 Minuten lang regnete es Phosphor und Schwefel, so erfuhr ich später. Als wir danach wieder in die oberen Räume hinaufstiegen, sahen wir, dass inmitten eines Feuermeers unser Stift eine Insel bildete, auf die sich die Obdachlosen der Umgebung flüchteten. Sie fanden den Zugang offen; denn Türen und Fenster waren eingedrückt. Ein Gräuel der Verwüstung bot sich rings dem Auge dar. Meine Mitschwestern griffen eilig nach Besen und Schaufel, um Schutt und Glasscherben notdürftig wegzuräumen. Das schien mir unnütz. Ich schaute im Refektorium nach meiner Butterration, ließ vor Aufregung die Marmeladebüchse fallen und eilte fort, ohne mich um die Spuren auf dem Fußboden zu kümmern. Es trieb mich in die Kapelle. Ich stieg über die Fensterkreuze, die quer über beide Bankreihen lagen, und kniete mit unbeschreiblichen Gefühlen am Altar. Dann gesellte ich mich denen zu, die Betten, Kleider und Koffer in die Speisekammer trugen, weil diese keine Außenfenster hatte und darum sicher schien.

Da — wild kreischten wieder die Sirenen auf, und schon krachten die Bomben. So schnell hatten wir uns noch nie im Luftschutzraum eingefunden. Viele geflüchtete Umwohner waren uns gefolgt. Im Hauptkeller hockten wir so dicht zusammengedrängt, dass es unmöglich war, sich zwischen den Reihen hindurchzuzwängen. Wer von einem entfernten Platz zum Notabort gelangen wollte, musste über die Rücken der anderen gehen. Ich entkam in einen Seitenkeller, wo weniger Gedränge herrschte. Die beiden Räume waren durch einen reservierten Gang getrennt, der als Verbandsplatz dienen sollte. Nur der Luftschutzwart, die Frauenärztin, die bei uns wohnte, und eine Invalidin, unsere Oberin, hielten sich darin auf. — Ich kniete an der offenen Tür und betete mit ausgebreiteten Armen den Fünf-Wunden-Rosenkranz. Dazwischen rief ich laut meine verstorbenen Eltern um Hilfe an. Aber wenn eine Luftmine mit unheimlichem Pfeifen daherfuhr und die Mauern über uns dröhnend zusammenstürzten, duckten wir uns wie Halme vor dem Sturm zu Boden. Acht Volltreffer zählte ich; beim nächsten Einschlag war der Luftdruck so stark, dass er die Verbindungstür zerriß. Ein Stück davon schlug mir mit solcher Gewalt an den Kopf, dass ich das Bewusstsein verlor und der obere Zipfel des rechten Ohres mir abgequetscht wurde. Infolge Schleuderns trug ich am Kopf und an der einen Körperhälfte Blutergüsse davon. Als ich mit verbundenem Kopf auf der Tragbahre liegend wieder zu mir kam, fiel mir ein neues Gefahrenmoment ein: nämlich, dass im Binnenhof, an der Außenwand des Luftschutzkellers ein Kohlenberg aufgehäuft lag. Ich flüsterte es meiner Schwester zu, und diese gab es an den Luftschutzwart, einen Offizier, weiter. (Wir hatten nach Wegnahme unserer Schule eine Militärbehörde im Hause, daher der große Kohlenhaufen.) Ich las Entsetzen in seinen Mienen. „Schweigen", gab er zurück, „sonst entsteht eine Panik". Stunde um Stunde warteten wir drei in tödlicher Angst: Schon nach dem ersten Angriff hatte draußen der Feuersturm gerast und einen Funkenregen in unseren Binnenhof getrieben! ... Wir ahnten nicht, dass uns von einer anderen Seite her der Tod durch Feuer und Rauch ebenso bedrohte. Zwei russische Gefangene, so erfuhr ich nachher von einer Augenzeugin, die diesen Angriff auf der Kellertreppe überstanden hatten, spritzten ohne Unterbrechung Wasser aus den aufgestellten Behältern gegen die schwer beschädigte eichene Kellertüre und pressten nasse Säcke gegen die Spalten, durch die der Schutt von den niederprasselnden Wänden sowie Funken und Rauch eindrangen. Man hatte uns oft zuvor versichert, dass die starken Deckengewölbe des Stiftes standhalten würden. Das bewahrheitete sich jedoch nur als Ausnahme. Die Decke des Schutzkellers und die des Ganges darüber blieben als die einzigen des großen Gebäudes erhalten.

So erlebten wir alle den nächsten Morgen — bis auf ein im Rauch ersticktes Kind — und vernahmen endlich das erlösende Wort, dass wir uns jetzt hinauswagen könnten. Jeder erhielt eine kleine Scheibe Knäckebrot zur Stärkung — weiter reichte der Vorrat nicht. Dann nahmen wir die wenigen geretteten Habseligkeiten und verließen unsere Rauchhöhle. Ein glühender Wind und greller Feuerschein schlugen uns entgegen, und ich wäre gleich wieder umgekehrt, hätten nicht Freunde auf uns gewartet — mit rußigen Gesichtern und tränenden Augen wie wir selber. Sie sagten uns, dass sie einen Weg ins Freie ausfindig gemacht hätten. Ich warf einen scheuen Blick um mich: Vom lieben Stift sah ich nur noch rauchgeschwärzte Mauerreste. Gespenstisch standen die verkohlten Bäume in der rötlich flimmernden Luft ... Aschermittwoch, unvergesslich! — Über hohe Schuttmauern stolperten wir vorwärts, von der Angst getrieben, um Schutz und Hilfe flehend, immer von einem Häuserzwischenraum zum andern rennend, um nicht begraben zu werden: brennende Häuser sanken hüben und drüben ein; vor uns knickte ein hoher Fabrikschlot zusammen. Unser Fuß stieß an einen verkohlten Leichenstummel — immer vorwärts; denn die feindlichen Flieger sollten uns nicht mehr im Stadtinnern finden. Wirklich erreichten wir ein einzeln stehendes Haus vor der Stadt, ehe aufs neue Alarm geblasen wurde und das bekannte Geräusch in der Höhe das Nahen des Würgengels ankündigte.

„Die Katastrophe von Dresden war beispiellos, hörte ich einige Tage später im Radio sagen. Es war das erste Mal, dass wir den Mut fanden, dem Verbot von oben zuwider den Auslandsender einzuschalten. Ich erfuhr, dass nach amtlicher Feststellung in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 300 000 Menschen in Dresden umgekommen waren. Viele derer, die den Bombenangriff überlebt hatten, waren auf der Flucht von einstürzenden Häusern verschüttet oder von Tieffliegern mit Phosphor übergossen worden.

Selbst die andersgläubigen oder ungläubigen Offiziere, die mit uns im Stiftskeller gewesen waren und den Mitschwestern, wie diese erzählten, zugerufen hatten: „Laut beten!", sprachen vom Wunder unserer Rettung! Ich bin überzeugt, dass wir die Rettung Maria verdanken.
R. J. M.


Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München

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P.S.
Ich finde, es ist ein leichter zu lesender Beitrag als die kraftlosen Kommentare zu Bibelstellen.

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