Die Muttergottes von Birkenstein und der Traum
Von ehemaliges Mitglied Mittwoch 24.02.2021, 18:31
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Im Jahre 1942 besuchte ich meine schwer zuckerkranke Mutter in München. Beim Abschied sagte sie zu mir, wobei sie sich an die Brust klopfte: „Die Muttergottes von Birkenstein macht mich gesund!"
Am Montag brachte Papa sie dorthin.
Ich fuhr wieder nach Veitshöchheim.
Von Donnerstag auf Freitag träumte ich von einem Grab mit Chrysanthemen bepflanzt, die im Winde hin und her schaukelten, daneben stand eine geschwungene Barockuhr, deren Zeiger auf fünf vor Zwölf zeigten. Ich war sehr aufgeregt und wusste, dass ich zu meiner Mutter musste. Aber wie der Mensch so ist, habe ich den Traum im Laufe des Tages als Einbildung abgetan — und beruhigte mich wieder. Im Sonntagshochamt bei der hl. Wandlung hörte ich deutlich eine Stimme in mir: „Du musst morgen zu Deiner Mama!"
Mein Heimweg führte durch den schönsten Rokokogarten Deutschlands — aber ich sah davon nichts.
Am nächsten Tag stieg ich in einen Zug, der sehr lange nicht abfuhr. Weil der Zug lange nicht abfuhr, überkamen mich neue Zweifel, und ich wollte gerade wieder aussteigen, als er doch abfuhr.
Als Gepäck führte ich unter anderem eine gebratene Gans für meine Mutter mit, was damals eine Seltenheit bedeutete. Meine Schwester, die durch ein Telegramm verständigt war, holte mich am Bahnhof ab. Sie überschüttete mich mit Vorwürfen, ich solle unsere kranke Mutter doch in Ruhe lassen. Ich war gezwungen, bei einer Freundin zu übernachten. Tags darauf fuhr ich nach Fischbachau. Zu Fuß legte ich, mit einer furchtbaren Unruhe im Herzen, den Weg vom Bahnhof bis nach Birkenstein zurück.
Meine Mutter war im Hospiz »Hildegard« untergebracht. Bei meinem Eintritt fragte mich eine Schwester nach dem Namen. Sie war gerade auf dem Weg zu meiner Mutter. Vor der Türe meiner Mama hörte ich so komische Laute. Ich trat ein und sah meine so ordentliche Mutter mit den Kleidern im Bett. Das ganze Zimmer roch nach vergorenen Äpfeln. Sie hatte die schwerste Azetonvergiftung! Ganz mühsam sprechend, kam es stoßweise aus ihr heraus:
„Geh zur Mutter Gottes hinauf, die macht mich wieder gesund!"
Sie unterstrich die Dringlichkeit ihrer Bitte mit einer Handbewegung zur Gnadenkapelle hinauf. Ich erfüllte ihren Wunsch. Unter Tränen brachte ich aber nur soviel hervor:
„Mutter Gottes von Birkenstein, hilf, sonst stirbt meine Mutter!" Die Schwestern versuchten mich zu trösten, dass morgen schon wieder alles gut sei. Es musste aber etwas geschehen.
Ich legte mich zur Ruhe, stand bald darauf wieder auf, legte mich wieder hin. Das Rauchen des Baches vermehrte noch meine Unruhe. Erneut betrat ich das Zimmer meiner Mutter. Lange Zeit erwiderte sie keine meiner Fragen. Gegen Mitternacht richtete sie sich in ihrem Koma auf, sprach wie eine Sterbende vom Gehen, und betete stoßweise das Glaubensbekenntnis. Aufgeregt rannte ich aus meinem Zimmer und klopfte an alle Türen, ehe ich im 3. Stock die Oberin fand. Diese weckte sogleich alle übrigen Schwestern auf, die hierauf in das Zimmer der Todkranken eilten und die Sterbegebete sprachen.
Ich versuchte noch mehrere Stunden lang den Arzt telefonisch herbei zu bitten, der nicht kommen wollte, weil es, obwohl erst September, geschneit hatte, und er seinen Wagen aus der Garage nicht herausfahren könne. Erst als ich sagte: „Wenn Sie nicht kommen, haben Sie meine Mutter auf dem Gewissen!", machte er sich auf den Weg. Seine erste Amtshandlung war, sämtliche homöopathischen Mittel im Zimmer herumzuwerfen. Ich schrie ihn an: „Tun Sie was, handeln Sie und führen Sie sich nicht so auf!" — „Ich soll handeln?", erwiderte er schroff. „Die Patientin liegt im Koma. Es ist jetzt zwei Uhr. Schwester, wann bringen Sie den Kaffee?" Diese antwortete: „Um sieben Uhr".
„Ab fünf Uhr ist die Frau tot! In diesem Zustand lebt der Mensch noch höchstens drei Stunden."
Durch die Wirkung einer Spritze atmete meine Mutter so ruhig, dass ich sie für tot hielt. Um sieben Uhr kamen dann die Sanitäter, um die Patientin nach München zu bringen.
Nie in meinem Leben vergesse ich diese Fahrt!
Erst kurz vor München getraute ich mich zu fragen: „Lebt meine Mutter denn noch?" Die begleitende Schwester hob das Tuch, welches die Todkranke bedeckte, hoch — und sagte nach langen Minuten, die mir wie eine Ewigkeit erschienen: „Ich glaub, a bisserl schnaufts no!"
An der Donnersberger Brücke stiegen mein Vater und meine Schwester zu. Sie hoben das Tuch hoch und schrieen zugleich:
„Das ist doch nicht unsere Mama!” Tatsächlich sah die Sterbende aus wie eine Mumie.
Im Krankenzimmer meinten später Mitpatienten, die Kranke hätte wie über 100 Jahre alt ausgesehen. Sie wog nur noch 65 Pfund. Im Krankenhaus standen im Nu mehrere Apparate am Krankenbett, der Arzt kam herbeigeeilt, die Schwestern flitzten, alle arbeiteten vorbildlich.
Als der Arzt einmal stillstand, packte ich ihn an seinem weißen Kittel und sagte unter Tränen und aufgehobenen Händen: „Bitte Herr Doktor, machen Sie meine Mama gesund, ich habe für Sie eine gebratene Gans dabei." Der Arzt erwiderte: „Ich mache Ihre Mutter gesund, wenn es in meiner Macht liegt. Bitte folgen Sie mir ins Arztzimmer." Nachdem er mich dort freund- lich zum Sitzen aufgefordert hatte, sagte er: „So, jetzt erzählen Sie mir ganz genau, wie Sie ihre Mutter angetroffen haben.
Ich begann mit meinem Traum. Am Ende meiner Erzählung sagte der Doktor: „Weil Sie so aufrichtig waren, erzähle ich Ihnen etwas: Ich bin jetzt 30 Jahre in diesem Krankenhaus. 75% des Blutes Ihrer Mutter ist vergiftet, in diesem Zustand ist jeder Mensch tot. Sie dürfen an Ihren Traum glauben. Nun gehen wir in den Operationssaal und teilen uns die gebratene Gans."
Meine Mutter lebte noch drei Jahre. Dadurch konnte sie ihren einzigen Enkel und mein einziges Kind glückstrahlend zur Taufe heben. Jedes Jahr fahre ich seitdem zur Mutter Gottes von Birkenstein, um ihr dafür zu danken.
Bachmann
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München