Die schmerzhafte Mutter hat geholfen
Von ehemaliges Mitglied Freitag 05.02.2021, 08:49
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Wenn ich an meinen nun schon lange verstorbenen Vater zurückdenke, steigt in mir eine große Dankbarkeit auf, dass ich einen so guten Vater hatte. Er erfüllte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit seine Pflichten und hatte ein mitfühlendes Herz und eine hilfreiche Hand für fremde Not. Nie versäumte er, wenn nicht gesundheitliche Gründe ihn hinderten, den Sonntagsgottesdienst der Pfarrgemeinde, und war längere Zeit aktives Mitglied beim Kirchenchor. Fleißig las er in der Heiligen Schrift und zitierte oft ein Wort daraus als Beweggrund für sein Handeln. Seine edle Gesinnung ist mir heute noch vielfach Vorbild für mein eigenes Leben.
Eines jedoch betrübte mich: Ich sah ihn nie an der Kommunionbank. Ehrfürchtige Scheu hielt mich zurück, ihn zu fragen, warum er den heiligen Sakramenten fernbleibe. Auf einem Spaziergang eröffnete er mir, dass er Glaubenszweifel habe über die Gegenwart Christi im heiligen Sakrament, und zwar begründete er sie damit, dass der heilige Evangelist Johannes kein Wort über die Einsetzung des allerheiligsten Altarssakramentes erwähnt. Vater meinte, etwas so Wichtiges könne doch nicht mit Stillschweigen übergangen werden. Leider war ich nicht fähig, ihm eine Antwort zu geben, die ihm aus diesen Schwierigkeiten geholfen hätte. Wie bedauere ich es jetzt noch, dass mein apologetisches Wissen zu gering war! Heute könnte ich ihm sagen, dass der Evangelist Johannes mit einer ganz großen Ausführlichkeit über die Verheißung des Altarssakramentes geschrieben hat und sich deshalb, da die drei Synoptiker bereits die Einsetzung berichtet hatten, mehr auf die tiefen und herrlichen Worte Jesu beim letzten Abendmahl verlegte.
Es war ein sonniger Sonntagvormittag im Mai, als mir telefonisch mitgeteilt wurde, mein Vater sei mit rasenden Leibschmerzen ins Krankenhaus gebracht worden. Die Arzte nahmen sofort eine Operation vor und glaubten zuerst, es handle sich um eine Blinddarmentzündung. Sie mussten aber feststellen, dass ein Magendurchbruch die tobenden Schmerzen hervorgerufen hatte, was zuerst wegen der starken Verkrampfung des Magens nicht erkennbar gewesen war.
Ich war sofort nach dem Anruf ins Krankenhaus gefahren. Die Operation hatte ziemlich lange gedauert. Vater lag bei meinem Kommen zwar schon im Bett, war aber noch nicht aus der Narkose erwacht. Ich bat die Schwester, bei ihm bleiben zu dürfen, bis er zum Bewusstsein komme. Die Schwere der Operation machte seinen Zustand bedenklich.
Am nächsten Tag ging ich zur schmerzhaften Mutter in die Herzogspitalkirche. Mit großer Innigkeit betete ich zur Schmerzensmutter in erster Linie darum, dass Vater, falls er sterben müsse, zuerst noch die heiligen Sakramente empfange. In der Sakristei bestellte ich in dieser Meinung eine heilige Messe und war freudig überrascht, als sie mir schon für den kommenden Freitag zugesagt wurde. Sofort kam mir der Gedanke, der Freitag sei ein besonders geeigneter Tag, da es ja an einem Freitag war, dass Maria unter dem Kreuze in ein Meer von Leiden getaucht wurde und dass sie uns an diesem Tage zur Mutter gegeben worden war.
Ein Priester, der meinen Bruder gut kannte, versprach ihm, ohne von mir zu wissen, am nächsten Freitag seine heilige Messe für unseren schwerkranken Vater aufzuopfern. Er zelebrierte ebenfalls in der Herzogspitalkirche. So wurde die Schmerzensmutter an diesem Tage von zwei Seiten um Hilfe bestürmt. Fast täglich besuchte ich meinen Vater in der Klinik. Ich sah, dass seine Kräfte zusehends abnahmen. Als ich am Ende der Woche ins Krankenhaus kam, war sein Zustand so schlecht, dass man nur mehr mit einigen Stunden rechnen konnte. Die drei meiner Geschwister, die damals noch in München wohnten, waren ebenfalls anwesend. Auf dem Gang besprach ich mich mit meinem Bruder, wie wir es anstellen könnten, dass noch ein Priester zu Vater komme. Mein Bruder hatte Bedenken, Vater werde sich bei seiner bisherigen Einstellung zu den Sakramenten sehr aufregen. Während wir noch überlegten, kam die Stationsschwester des Weges, und wir trugen ihr unsere Sorge vor. Da sagte sie: „O, das ist alles in bester Ordnung! Er hat heute selbst nach einem Priester verlangt, hat gebeichtet und es wurde ihm die hl. Ölung gespendet. Als man ihm sagte, die hl. Kommunion könne er dann morgen, am Sonntag, empfangen, bat er, ihm gleich heute noch den Heiland zu bringen." Ich kann es nicht beschreiben, was für ein tiefes Glücksgefühl mich überkam. Ich wusste genau, dass es die schmerzhafte Mutter war, die diese Wandlung hervorgebracht hatte. Wir Geschwister durften, da Vater allein lag, noch bis zu seinem Tode nachts um 1/2 1 Uhr bei ihm bleiben. Über seinem Wesen lag ein tiefer Friede. Er segnete noch jedes seiner Kinder und schlief ganz ruhig ein. Liebe schmerzhafte Mutter, Du hast ein Gnadenwunder gewirkt. Hab innigen Dank dafür!
M. c.
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München