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Dir selbst zum Trotz

Von Feierabend-Mitglied Freitag 09.12.2022, 09:25 – geändert Freitag 09.12.2022, 09:31

Bild: gemeinfrei - Warschauer Ghetto

In dem Buch „Die Bergpredigt aus jüdischer Sicht. Was Juden und Christen gemeinsam von Jesus lernen können“ von Anatoli Uschomirski las ich folgendes, das ich gern an Euch weitergeben möchte:

„Mein Rabbi pflegte mir immer wieder die Geschichte von einem Juden zu erzählen, der mit Frau und Kind der spanischen Inquisition entkommen war und sich auf einem kleinen Boot über stürmische See zu einer steinigen Insel durchgeschlagen hatte. Da zuckte ein Blitz auf und erschlug die Frau. Da kam ein Sturmwind und wirbelte sein Kind ins Meer. Allein, elend, hinausgeworfen wie ein Stein, nackt und barfuß, vom Sturm gepeitscht, von Donnern und Blitzen geschreckt, die Haare zerzaust und die Hände zu Gott erhoben, ist der Jude seinen Weg weitergegangen auf die wüste Felseninsel und hat sich an Gott gewandt:
„Gott Israels«, sagte er, „ich bin hierher geflohen, daß ich Dir ungestört dienen kann, um Deine Gebote zu tun und Deinen Namen zu heiligen. Du aber tust alles, daß ich an Dich nicht glauben soll. Wenn Du aber meinen solltest, daß es Dir gelingen wird, mich mit diesen Versuchungen vom richtigen Weg abzubringen, ruf‘ ich Dir zu, mein Gott und Gott meiner Eltern, daß es Dir alles nicht helfen wird. Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch züchtigen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich habe auf der Welt, und mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer lieb haben, immer – Dir selbst zum Trotz!“

Und genau dieser Text bildet den Abschluss eines Briefes, den ein Verteidiger des Warschauer Ghettos in einer Flasche im Gemäuer eines zerschossenen Hauses versteckte. Jossel Rackower hat seine Frau, seine sechs Kinder und in zwei Tagen alle Kameraden verloren, die mit ihm dieses Haus verteidigt haben, eines der letzten das noch nicht in die Hände der deutschen Eroberer gefallen ist. Nun ist er allein übrig. Seine Munition ist verschossen. Er weiß, dass die Deutschen in spätestens einer Stunde sein Haus erstürmt haben werden. Er nimmt eine Flasche mit Benzin und schüttet es über seine Kleider, um im Moment der Erstürmung in Flammen aufzugehen. Anschließend steckt er seinen Brief in die Flasche und versteckt sie im Gemäuer des Hauses. Dieser Brief schließt mit den Worten:
„Du sagst, Gott, wir haben gesündigt. Natürlich haben wir gesündigt. Ich will aber, dass du mir sagst, ob es eine Sünde in der Welt gibt, die eine solche Strafe verdient? Was soll denn noch geschehen, damit du uns dein Gesicht wieder zuwendest? Ich kann dich nicht loben für die Taten, die du duldest. Ich segne aber und lobe dich für deine schreckliche Größe, die gewaltig sein muss, wenn selbst das, was jetzt geschieht, auf dich keinen Eindruck macht. Spätestens in einer Stunde werde ich mit Frau und Kindern vereint und mit Millionen meines Volkes in einer besseren Welt sein, wo es keinen Zweifel mehr gibt und wo Gott der einzige Herrscher ist. Ich sterbe ruhig, aber nicht befriedigt, ein Geschlagener, aber kein Verzweifelter, ein Gläubiger, aber kein Betender, ein Verliebter in Gott, aber kein blinder Amen-Sager. Und das sind meine letzten Worte an dich, mein zorniger Gott: Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube, damit ich an dir verzweifle! Ich aber sterbe, genau wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an dich. Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einig und einzig! Jossel Rackower.“ (Ende)

Welch’ ein Glaube!!!

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