Ein Hund im Dienst Unserer Lieben Frau
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 09.02.2021, 09:31
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Still senkte sich die Winternacht übers verschneite Altöttinger Land. Ein einsamer Feldstadel, eine Straße: wenn man genauer hinschaute, konnte man den Fußwanderer erkennen, der in seinen Wintermantel gehüllt, an die Scheunenwand gelehnt sitzend schlief.
Es war der einzige schneefreie Flecken, der ihn zum Niedersitzen ermuntert hatte. Des Fußwanderer ungewöhnt, war er erschöpft eingeschlafen. Hupender Autolärm weckte ihn auf. Mit steifen Gliedern setzte er seinen Marsch fort: eine Wallfahrt zur Gnadenmutter von Altötting. Der Anliegen hatte er genügend.
Aber er hatte seine Kräfte überschätzt und so zwang ihn die Müdigkeit ein zweites und ein drittes Mal im freien nieder zu sitzen, bis er endlich das Städtchen Tüßling erreichte, wo er im Gasthof Steiner einkehrte. Dort saß er dann, bis man zusperrte, das heißt: bis kurz davor. Es war auf dem Rückweg. Sein Auto mit Winterschlafsack und Heizung stand in Kraiburg. Eine Portion Kaffee hatte ihn munter gemacht. Als er tüchtig Richtung Polling ausholte, wurde es ihm plötzlich bewusst, dass er bis mindestens 3 Uhr nachts auf dem Weg sein würde. „Was ist, wenn ich wieder einschlafe?" „Was ist, wenn mich die furchtbare Müdigkeit wieder überfällt, mich, den untrainierten Büromenschen, der sich mit einem 46- Kilometermarsch sinnlos übernommen hat?" — „Wie will ich neuerliche vier Stunden Nachtmarsch durchhalten, wenn ich schon vor der halben Strecke am Tag eingeschlafen bin?" Ein bitterkalter Nebel lag über dem einsamen Land, welcher sowohl jedes Licht als auch alle Geräusche verschluckte. „Bis Kraiburg kommt ganz gewiss kein Auto mehr!" sinnierte der Wanderer, „und wenn ich einschlafe, dann — dann weckt dich niemand auf, bis du erfrierst", sagte die Stimme des Versuchers: „Das hast du von deiner verrückten Wallfahrt. Bis dich einer findet, bist du wie ein Brett steif gefroren! Und einschlafen wirst du, weil du wegen deiner nervösen Herzrythmusstörungen von Zeit zu Zeit niedersitzen musst!" — „Allerseligste Jungfrau, du wirst mich doch nicht auf einer Wallfahrt zu Grunde gehen lassen," betete der erschrockene Mann. „Vor 9 Uhr früh findet dich keiner!". Die Stimme des Versuchers war höhnischer denn je: „Und deine allerseligste Jungfrau wird doch nicht wegen dir ein wärmeres Klima kommen lassen! 8 Grad minus bleiben 8 Grad minus!" — „Aber mich stärken, dass ich das Stück noch durchhalte." — „Wenn du am Nachmittag schon halb umgefallen bist, wirst du's in der Nacht erst recht. 16 km hast du noch, das schaffst du nie!" — „Heilige Jungfrau! ..."
„Deine Jungfrau kann nicht helfen, außerdem ist sie nichts anderes als eine Holzfigur, zu der nur die Verrückten gehen."
Aus dem klirrend kalten Nebel tauchten verschwommene Lichter auf. Polling! Noch 13 Kilometer bis zum Ziel. Alle Fenster waren dunkel. Nur die Straßenbeleuchtung schimmerte weiß. Langsam begann sich die Müdigkeit wieder bemerkbar zu machen. Da! Was war das? — Über einen Gartenzaun sprang ein riesiger Hund. Noch ehe der nächtliche Wanderer abwehren konnte, stand das Tier mit den Vorderpfoten auf seinen Schultern und leckte ihm das Gesicht ab.
„Blödes Vieh! Geh, verschwinde!" Dem Hund in seinem Zottelpelz war anscheinend nicht kalt, jedoch ziemlich langweilig. Nur durch heftiges Streicheln verhinderte der erschreckte Mann weitere »Küsse« in seinem Gesicht. „Rolfi, oder wie du heißt, geh, sei g'scheit. Geh heim!"
Keine Chance! Rolfi hatte einen Spielgefährten gefunden und ließ ihn nicht mehr aus. „Ich muss jede Anstrengung vermeiden und erst recht jede Verzögerung. Bis vier Uhr früh halte ich niemals durch!" Rolfi blieb gegen alle Argumente uneinsichtig.
Endlich ging der Wanderer einfach weiter, gefolgt dicht bei Fuß von einem hocherfreuten Hund. „Rolfi, geh ich bitte dich! Das ist dein Dorf. Da hinten ist dein Garten und Zaun! Geh jetzt zurück!" Das Tier wedelte mit dem Schweif und ging nicht zurück. „Ich kann nichts machen", dachte sich der geplagte Mann. „Jetzt hab ich das Vieh auch noch auf dem Hals.
Als das Dorf zurückblieb, verschlang der nächtliche Nebel einen verzweifelten Wanderer und einen munter herum springenden großen Hund. Wälder, Wiesen, Bäche, Brücken, alles im Schnee. Langsam begann die Wirkung des Kaffees nachzulassen und die Müdigkeit kam wieder. „Durchhalten!"
„Was nützt durchhalten, wenn's durch notwendige Pausen die lästigen Herzrythmusstörungen zu vermeiden gilt! — Dann kommt der Schlaf einfach, und wenn erst die Augen zu sind, dann ..."
An einer Omnisbushaltestelle legte sich der Wallfahrer auf eine Bank zurück und dämmerte augenblicklich ein. Die Augen waren einfach nicht mehr offen zu halten.
Rolfi leckte sich derweilen das Eis aus seinem Fell. Dann fuhr seine Zunge übers Gesicht des Wallfahrers. Aufwachen, Erschrecken, Ekel, Weitergehen war eines.
Dreimal setzte sich der müde Wanderer auf diesen letzten nächtlichen 13 Kilometern nieder; dreimal fielen ihm die Augen zu und dreimal trieb ihn sein vierbeiniger Begleiter wieder auf
Monate waren übers Land gegangen. Frühling war es, ein warmer Tag. Der Wallfahrer war wieder da, diesmal mit Auto. Er fuhr kreuz und quer in Polling umher, einen großen zottige Riesenschnauzer zu suchen, um sich mit einem Ring Wurst bei ihm zu bedanken. Er fand das Tier jedoch nicht mehr.
Aber an anderer Stelle bedankte er sich dafür umso heftiger:
Vor dem Bildnis der Jungfrau in der Gnadenkapelle zu Altötting.
Die Allerseligste Jungfrau brauchte kein »anderes Klima« kommen zu lassen, um einen erschöpften Wanderer vor dem Erfrieren zu retten. Sie brauchte auch nicht eine Art kleines Heilungswunder zu wirken, das dem erschöpften untrainierten Organismus die fehlende Leistungskraft gab. Heißt sie nicht in der lauretanischen Litanei »die weiseste Jungfrau«? Sie ließ einfach einen großen zottigen Riesenschnauzer in dieser Nacht Langeweile empfinden; Rolff, oder wie er hieß. Und dieses Tier wurde dann zum Lebensretter. Zur Ehre des Wallfahrers sei noch gesagt, dass er an jenem bitterkalten Dezember morgens um 3 Uhr in Kraiburg angekommen, bei Nacht und Nebel das Tier in sein geheiztes Auto lud, um es nach Polling zurückzubefördern, vor den heimischen Gartenzaun, ehe er im angenehm geheizten Auto in seinen kältesicheren Winterschlafsack kroch.
Werner
Aus dem Buch "Die schönsten Mariengeschichten"
von Stadtpfarrer Karl Maria Harrer, München