Kurze Begegnung.
Von
Feierabend-Mitglied
Mittwoch 19.12.2018, 16:32 – geändert Dienstag 13.07.2021, 09:36
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Ich bin mit meinem Hund unterwegs am frühen Mittwochmorgen.
Die Kälte umfängt uns, unser warmer Atem steigt weiß in den noch dunklen Himmel, Laternenlicht glänzt auf dem nassen Asphalt.
Alles geht rasend schnell.
Ein dunkler Schatten, der über die Fahrbahn huscht. Das Aufblenden von Scheinwerfern, ein dumpfer Aufprall und das Kreischen von Reifen.
Das Auto ist zum Stillstand gekommen, der Fahrer bleibt hinter seinem Steuer sitzen, telefoniert. Dann steigt er aus, kramt in seinen Hosentaschen, befördert ein Tuch hervor.
- Ich kann deutlich sehen, dass es aus rotkariertem Stoff ist, wahrscheinlich ein Taschentuch. - Nimmt damit das leblose Tier am Schwanz hoch und wirft es mitsamt dem Taschentuch achtlos in die niedrig wachsenden Büsche der Beetrosen am Bahndamm. Steigt wieder ein und fährt davon.
Mein Hund zieht und zerrt, ich hinter ihm her an der Leine.
Angekommen, binde ich ihn an die Straßenlaterne.
Da liegt sie! Eine schöne, noch junge schwarze Katze. Leblos! Was kann ich machen? Wie stelle ich fest ob sie noch lebt? Durch ihr Fell spüre ich kein pulsen des Blutes, nur, dass sie noch warm ist.
Ich krame mit kalten Fingern mein Handy aus der Manteltasche. Halte es mit dem Bildschirm an ihre Nase und Maul. Kein Schleier legt sich auf den Bildschirm. Nein, kein Hauch...
Wie traurig, wie schade um so ein Leben. Sie ist so hübsch, so gut genährt, mit seidigem Fell. Es macht mich traurig.
Noch nie habe ich sie vorher bei meinen Gängen mit dem Hund gesehen.
Donnerstagabend.
Sie liegt hier noch in den Büschen am Bahndamm. Keiner scheint sie zu vermissen.
Freitagabend.
An der Stelle, dort, wo die Katze liegt, steht eine Frau mit einem Einkaufskorb.
Erst beim Näherkommen stelle ich fest, dass es sich bei der Frau um einen jungen Mann handelt, der seine langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hat. Er ist in die Hocke gegangen und umwickelt das Tier liebevoll mit einem weißen Tuch und legt sie genauso liebevoll in den Korb, so als könne die Katze noch jede Berührung spüren.
Obwohl er mir fremd ist, spüre und sehe ich ihm seine Betroffenheit an.
Ich wage es ihn anzusprechen, denn er dauert mich sehr.
Ja, seit Mittwochabend vermisste er sie schon. Das Feld, in der sie immer zu finden war, hatte er abgesucht, auch die Umgebung. Hier unten in der Siedlung hat er sie nicht vermutet.
Heute, am Abend war er hier durch Zufall vorbeigekommen, hatte sie entdeckt und war nun zurückgekommen um sie zu holen.
Andertalb Jahren war sie bei ihm gewesen, nun möchte er ihr ein schönes stilles Fleckchen Erde suchen.
Mir tun beide leid. Der junge Mann, der einen Verlust verarbeiten muss und die Katze, die so jung ihr Leben lassen musste.
Ich sage es ihm. Er nickt. Und jeder geht wieder seiner Wege.
@Monika Koch